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Interview : „Finanzmarkt-Risiken sind größer, als wir annehmen“

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„Fraktalist” Benoit Mandelbrot Bild: AP

„Die Finanzmärkte sind effizient“ lernen Wirtschaftsstudenten in der Regel. Auf die These bauen weitere Theorien auf. Benoit Mandelbrot, der Begründer der fraktalen Geometrie, glaubt nicht daran, sagt er im F.A.Z.-Interview.

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          „Die Finanzmärkte sind effizient“ lernen Wirtschaftsstudenten in der Regel an den Universitäten. Auf die These bauen weitere Theorien auf. Benoit Mandelbrot, der Begründer der fraktalen Geometrie, glaubt nicht daran.

          In seinem jüngsten Buch „Fraktale und Finanzen. Märkte zwischen Risiko und Ruin“ (siehe auch Kasten unten) startet er einen Frontalangriff auf die herrschende Theorie der Finanzmärkte. Sie sind riskanter, volatiler, als wir glauben, erläutert er auch im folgenden Interview.

          Herr Mandelbrot, Ihr Buch ist ein Frontalangriff gegen die Standardtheorien, mit denen auf den Finanzmärkten gearbeitet wird - das dürfte Sie bei vielen Marktteilnehmern nicht sonderlich beliebt machen, oder?

          Ganz so einfach ist es nicht. Ich kritisiere die Händler auch nicht, im Gegenteil. Viele sind über mein Buch sehr erfreut, weil sie sagen, daß es die Realität, so wie sie diese erleben, wesentlich besser wiedergibt als die Standardmodelle der Finanztheorie. Die Realität ist leider wesentlich komplexer als die Modelle, die an den Business Schools gelehrt werden.

          Was ist der Hauptfehler dieser Modelle?

          Die Standardmodelle, die in der Finanzbranche derzeit verwendet werden, gehen davon aus, daß Preise sich kontinuierlich, ohne große Sprünge verändern. Das ist so nicht richtig: Preise entwickeln sich diskontinuierlich, sie springen und machen oft größere Sätze, anstatt gemütlich nach oben oder unten zu gleiten, wie es die herkömmliche Theorie annimmt.

          Wie muß man sich das vorstellen?

          Ein Markt kombiniert drei Dinge miteinander: erstens die Gegenwart, also die Vermögensgegenstände eines Unternehmens - das ist recht gut prognostizierbar. Dann beinhalten Preise eine leidlich gut prognostizierbare Zukunft, die um so besser prognostizierbar wird, je näher sie rückt. Drittens enthalten Preise Erwartungen, und diese stellen das Problem dar. Sie schwanken wild und ändern sich extrem rasch. Das ist die Komponente der Kurse, die wir weder hinsichtlich ihrer Richtung noch hinsichtlich ihres Ausmaßes oder auch ihrer Häufigkeit nach prognostizieren können. Das Ergebnis ist die wesentliche Erkenntnis, daß Kurse sich wegen dieser dritten Komponente unmittelbar und sprunghaft verändern können.

          Was hat das für Folgen für die Finanzmärkte und die Modelle, die dort Anwendung finden?

          Wenn Sie nun beispielsweise eine Option bewerten, indem Sie Annahmen über die Entwicklung der Kurse treffen, vernachlässigen aber dabei die Tatsache, daß diese sich diskontinuierlich, also schnell und abrupt verändern können, dann unterschätzen Sie das damit verbundene Risiko erheblich. Die Konsequenz aus dieser Überlegung ist, daß die Risiken, wie wir sie derzeit mit Hilfe der Standardtheorie messen, unterschätzt werden, weil die Theorie nicht die Gefahr schneller und großer Preissprünge berücksichtigt. Die tatsächlichen Risiken - sowohl nach oben als auch nach unten - sind wesentlich größer, als wir annehmen.

          Wie groß können diese Risiken sein?

          Die Daten der Vergangenheit zeigen, daß es viele Ereignisse gibt, bei denen die Preissprünge zehnmal größer sind als die typischen kleinen, durchschnittlichen Preisänderungen, mit denen die herkömmliche Theorie arbeitet. Wären diese Preisänderungen normal verteilt, wie die herkömmliche Theorie unterstellt, so liegt die Wahrscheinlichkeit solcher Ereignisse bei etwa eins zu einer Million Million Million Million - das kann eigentlich niemals vorkommen. Und doch haben wir sogar Ereignisse wie den Kurssturz von 1987, der sogar nicht zehn-, sondern mehr als zwanzigmal so groß war wie eine durchschnittliche Preisänderung.

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