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Interview : „Die Leute haben einfach alles gekauft“

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Jens Ehrhardt: „Bei den kleinen Werten wäre ich in der Tat vorsichtig” Bild: Dr. Jens Erhardt Kapital AG

Vermögensverwalter Jens Ehrhardt gibt sich im Gespräch mit FAZ.NET „verhalten positiv“ für den Dax. Nebenwerte sieht er weiter rutschen, das gleiche gilt für Märkte wie Indien und Brasilien: „Die Schwellenländer haben das Ende der Konsolidierung noch nicht gesehen.“

          Vermögensverwalter Jens Ehrhardt im Gespräch mit FAZ.NET über den Kursrutsch an den Finanzmärkten, Anrufe von beunruhigten Kunden und die alte Börsenregel „Sell in May and go away“.

          Herr Ehrhardt, was passiert gerade an den Börsen?

          Tja, es geht runter. Und man fragt sich: War's das schon?

          Das wollten wir von Ihnen wissen.

          Ich glaube nicht, daß das die Trendwende war und jetzt eine Baisse kommt. Ob der Markt seinen Boden schon gefunden hat, weiß ich aber nicht. Oft vollzieht sich eine solche Reaktion in zwei Teilen. Selbst wenn sich der Markt jetzt fängt, kann es gut noch mal einen Rutsch nach unten geben.

          Wäre in diesem Jahr wieder „Sell in May an go away“ der beste Rat gewesen?

          Offensichtlich schon. In diesem Jahr paßt dieser Saisonzyklus wieder. In den vergangenen Jahren liefen die Börsen so gut, daß er ausgeschaltet war. Langfristig aber lohnt es sich, in der ersten Jahreshälfte zu investieren und in der zweiten nicht mehr. Erklären kann ich mir das nicht, aber es ist so.

          Was spricht dagegen, daß die jüngsten Kursstürze eine Trendwende eingeleitet haben?

          Die monetäre Situation ist noch immer sehr gut. Die Notenbanken bremsen nicht wirklich.

          Bitte? Das ist doch gerade das Argument, das immer wieder zu hören ist: Die Zinsen werden weiter steigen, darum fallen jetzt die Kurse.

          Schauen Sie sich die realen Zinsen an. In Amerika liegt der Leitzins jetzt zwar bei fünf Prozent, die Inflation ist aber fast genauso hoch. Selbst wenn die Europäische Zentralbank die Zinsen auf drei Prozent anhebt, killt das den Markt doch nicht. Wir haben immer noch Überschußliquidität.

          Aktienstrategen sagen in diesen Tagen gerne, daß die Gewinne der Unternehmen gut sind und die Kurse deshalb wieder steigen werden.

          Das sehe ich nicht so. Die Gewinne sind zwar gut, aber sie werden wieder schlechter. Die Liquidität aber spricht wie gesagt gegen eine Baisse. Ich bin immer noch positiv gestimmt, wenn auch verhalten. Ich denke schon, daß die großen, guten Börsen am Jahresende höher liegen werden als am Jahresanfang. Aber es geht nicht mehr mit dem Tempo aufwärts wie im vergangenen Jahr. Wenn wir im Dax ein Plus von zehn Prozent sehen, bin ich schon glücklich.

          Wie sieht es mit den kleineren und mittleren Werten aus? MDax und SDax scheinen ja im freien Fall zu sein.

          Bei den kleinen Werten wäre ich in der Tat vorsichtig. Viele dieser Aktien sind sehr teuer geworden und korrigieren entsprechend kräftig. Das gleiche gilt für die Schwellenländer. In Indien oder einigen osteuropäischen Märkten beträgt das Kurs-Gewinn-Verhältnis fast 20. Das ist teuer, finde ich. Da kaufe ich doch lieber Dax-Werte mit einem KGV von 14.

          Bei den Schwellenmärkten ist die Korrektur also noch nicht vorbei?

          Davon bin ich überzeugt. Die Leute haben einfach alles gekauft, „Bric“ und anderes Zeug. Da sind sie unkritisch rein, und da gehen sie jetzt wieder unkritisch raus. Die Schwellenländer haben das Ende der Konsolidierung noch nicht gesehen.

          Bei Ihnen rufen bestimmt viele besorgte Kunden an. Was sagen Sie denen?

          Nun, das gleiche wie Ihnen. Das Problem ist: Was ist die Alternative? Bei Festgeld bleibt nach Inflation und Steuern nichts übrig, bei Renten sieht es ähnlich aus.

          Na ja, auf einem Festgeldkonto verlieren die Anleger mindestens kein Geld. Da wäre mancher in diesen Tagen froh drüber.

          Das stimmt. Ich rate durchaus dazu, sich ein bißchen einzuigeln. Das geht aber auch mit soliden Aktien aus dem Dax. Die bieten zum Teil Dividendenrenditen, mit denen Festgeldanlagen nicht mithalten können. Diese Unternehmen bieten keine spannende Story, aber die Kurse sind durch die hohe Rendite nach unten einigermaßen abgesichert. Spekulationen würde ich jetzt mal seinlassen.

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