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Interview : Bogle: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“

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Ich kann mich bequem zurücklehnen, wenn so etwas passiert, auch wenn ich es nicht besonders mag. Andererseits haben wir es mit einem System zu tun, das von einer vielfach sorglosen Kreditvergabe und ungewöhnlichen Verhaltensmustern geprägt ist. Die Rating-Agenturen stellen diesen hypothekarisch gesicherten Anleihen unglaublich hohe Bewertungen aus. Die Leute scheinen in der Lage zu sein, all die fragwürdigen Anleihen mit ihren geringen Chancen auf Rückzahlung anzuhäufen und diese in ihr Portfolio einzugliedern. Indem sie dann, wie auch immer sie das anstellen, ein bisschen an der Tilgungsreihenfolge schrauben, gelingt es ihnen, ein Portfolio anzulegen, das zu 90 Prozent aus AAA-Anleihen besteht und aus einem Portfolio hervorging, das eigentlich zu 99 Prozent aus C-Anleihen oder -Hypotheken bestand. Solch ein Verhalten hat seinen Preis, und wir sind gerade dabei, diesen Preis zu zahlen.

Warum sollte ich nicht mein gesamtes Geld aus all diesen Anleihen und Aktienindizes abziehen und es einfach in der Bank oder in Einlagenzertifikaten anlegen?

Erstens müssten Sie letztendlich wohl sehr viel Kapitalertragssteuer zahlen. Und Sie könnten damit richtig liegen. Doch andererseits - was würden Sie als Nächstes tun? Ein beachtliches Stück dieser Talfahrt haben wir bereits zurückgelegt. Wäre es Ihnen gelungen, zu einem Zeitpunkt auszusteigen und in Einlagenzertifikate zu investieren, zu dem der Markt 10 Prozent höher bewertet wurde als heute, so wäre dies eine feine Sache gewesen. Doch damals dachte man anders. Man ist stets optimistisch, wenn die Kurse ganz oben sind, und pessimistisch, wenn sie sich auf dem Weg nach unten befinden. Also kauft man während der Höchststände und verkauft während der Tiefstände. Ergibt das einen Sinn? Ich würde sagen, dass man sich niemals zu 100 Prozent auf etwas einlassen sollte. Ein intelligenter Anleger würde etwa 20 Prozent aus seiner Aktienposition abzweigen, eine Woche verstreichen lassen und abwarten, was geschieht. Doch diese massiven Veränderungen könnten Ihnen ganz schön zu schaffen machen. Sie hätten eine Menge Bargeld, und dann ginge es mit dem Markt wieder bergauf. Der Preis, den Sie zahlen müssten, um erneut einzusteigen, wäre höher als das, was Sie heute aus ihm herausbekommen haben.
Es ist keine gute Idee, den Markt zeitlich einschätzen zu wollen. Auf lange Sicht geht es beim Geldanlegen überhaupt nicht um die Märkte. Beim Geldanlegen geht es darum, in den Genuss der Erträge zu kommen, die die Unternehmen verdienen. Auf unserem Weg, in den Besitz dieser Erträge zu gelangen, stellt der Aktienmarkt nur eine gewaltige Ablenkung dar. Durch ihn wird jedes Geschehen aufgebauscht, die Anleger bekommen kalte Füße und ihre Berater ebenfalls. Und heraus kommt genau das, was wir gerade vor uns haben - ein ziemliches Durcheinander.

Wie würden Sie die gegenwärtigen Schwierigkeiten einordnen, die doch eher auf den Kreditmarkt als auf den Aktienmarkt zurückzuführen sind?

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