https://www.faz.net/-gv6-nlca

Interview : „Australien bietet Anlegern einige Chancen“

  • Aktualisiert am

Richard Gibbs, Chefökonom der Macquarie Bank in Sydney Bild: Privat

Australien wächst bisher vergleichsweise stark. Macquarie-Chefökonom Richard Gibbs erwartet im FAZ.NET-Interview zwar kurzfristig eine leichte Abschwächung, sieht längerfristig jedoch gute Chancen.

          3 Min.

          Während man in Westeuropa kaum von Wachstum reden kann und in Amerika die konjunkturellen Aussichten alles andere als klar sind, läuft die Sache in Kanada, Australien und Neuseeland einigermaßen rund.

          Für FAZ.NET Grund genug, sich mit Richard Gibbs von der Macquarie Bank in Sydney über die weiteren Perspektiven des Landes zu unterhalten. Als Chefökonom der australischen Investmentbank sitzt er unmittelbar an der Quelle.

          Während Ökonomen die Wirtschaftsentwicklung der westlichen Industriestaaten im allgemeinen skeptisch beurteilen, sind sie zuversichtlich für Kanada, Neuseeland und Australien. Sie auch?

          Ja, die drei Länder verzeichnen mit einem Plus von mehr als drei Prozent spektakuläres Wachstum. Zumindest im Vergleich mit Westeuropa. Dafür sind in allen drei Ländern vor allem der starke Konsum und die deutlichen Aktivitäten im Hausbau verantwortlich.

          Können diese Länder das relativ starke Wachstum aufrechterhalten?

          Nein, es wird sich abschwächen. Sie werden nicht gerade gegen eine Wand laufen, aber der Wachstumsvorsprung wird sich vermindern.

          Was bedeutet das, wird die australische Zentralbank die Leitzinsen senken?

          Es gibt immer stärkere Argumente für eine Zinssenkung. Vor allem auch, da Neuseeland die Zinsen schon gesenkt hat. Die Notenbank wird zwar nicht schon am Mittwoch agieren, aber sicher wird sie in der zweiten Jahreshälfte auf das schwächer werdende Wachstum reagieren. Das wird dann noch zwischen 2,5 und 2,7 Prozent liegen.

          Würden sie vor diesem Hintergrund australische Anleihen kaufen?

          Die Festverzinslichen des Landes sind im Rahmen der Rallye am Rentenmarkt schon ziemlich stark gelaufen und ich habe den Verdacht, daß der Markt schon einen großen Teil der Kursbewegung gesehen und die Zinssenkungen vorweggenommen hat. Deswegen würde ich grundsätzlich zur Vorsicht raten. Nichts desto trotz gibt es immer noch gute Argumente für internationale Anleger. Einmal profitieren sie vom Zinsvorteil - die Rendite zehnjähriger Papiere liegt in Australien bei knapp fünf Prozent, während sie beispielsweise in Deutschland mit 3,72 Prozent und Amerika mit 3,40 Prozent deutlich tiefer liegen - und zum anderen von der aufwertenden Währung.

          Denken Sie nicht, die Hedge Funds könnten das Spiel weiter spielen?

          Möglicherweise noch etwas. Aber ich denke, sie werden eher auf die Aktienseite setzen und sich im Umfeld einer aufwertenden Währung auf die Kapitalströme konzentrieren.

          Der australische Dollar wird also weiter zulegen?

          Grundsätzlich schon. Allerdings wird es bei einer Zinssenkung der Notenbank kurzfristig zu einer Gegenbewegung bis auf 63 amerikanischen Cents je australischem Dollar kommen. Die dürfte allerdings eine günstige Kaufgelegenheit darstellen. Im Jahr 2004 rechnen wir mit Kursen von bis zu 70 Cents.

          Sie sprachen von Kapitalströmen an die australische Börse. Welche Branchen profitieren davon?

          Das sind vor allem die defensiven Bereiche, Finanzwerte, Versorger, Supermarktketten - alle Unternehmen, die einen starken Cashflow haben. Auch die Medienbranche dürfte wieder en vogue kommen, denn in Australien dürften ähnliche Lockerungen anstehen, wie in Amerika in den vergangenen 24 Stunden.

          Der Rohstoffbereich dürfte dann wieder interessant werden, wenn sich die Leute an die stärkere Währung angepaßt haben. Im Moment befürchten sie, die Gewinne könnten darunter leiden. Allerdings gab es in der Branche deutliche Rationalisierungsmaßnahmen, was sie fundamental interessant macht. Dazu kommt die starke Nachfrage aus China. Das macht Unternehmen wie Woodside attraktiv. Ich halte den Öl- und Gasmarkt für besonders interessant.

          Versicherungen wie QBE oder die Insurance Australia Group könnten von ihrer wiedergewonnenen Preissetzungsmacht profitieren. Schwieriger sieht es im Tourismus aus, im Gesundheitswesen und in der Logistikbranche.

          Wir haben am Jahresanfang einige Übernahmen australischer Unternehmen gesehen. Geht das weiter?

          Die Übernahme von M.I.M. Holdings durch Xstrata ist immer noch in der Schwebe, dürfte allerdings positiv abgeschlossen werden. Auf Grund der günstigen Bewertung der Unternehmen in einer relativ starken Wirtschaft und des günstigen Dollarkurses dürften weitere Transaktionen kommen. Etwa im Kohle- und Goldbereich, in der Medien- und der Finanzdienstleistungsbranche. Dabei fallen Namen wie die St. George Bank oder die Bank of Queensland. Im Weinbau sollte man Southcorp im Blick behalten.

          Wo sehen Sie die australische Börse Ende des Jahres stehen?

          Wenn die Wall Street keinen Strich durch die Rechnung macht, dürften wir höher schließen und im kommenden Jahr die Aufwärtsbewegung fortsetzen. Denn die Gewinnerwartungen sind mittlerweile realistischer als sie lange Zeit waren.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Russlands Außenminister Sergej Lawrow am Donnerstag beim OSZE-Gipfel in Bratislava.

          Nach Tiergarten-Mord : Nur eine mörderische Episode?

          Berlin und Moskau sind nach dem Tiergarten-Mord um Schadensbegrenzung bemüht. Beide Seiten wollen das deutsch-russische Verhältnis nicht beschädigen – auch mit Blick auf das bevorstehende Gipfeltreffen zur Ostukraine.
          Die Kommunalwahlen in NRW sind für die SPD von existentieller Bedeutung: Die Partei kann sich nur stabilisieren, wenn ihnen ihre kommunale Basis nicht wegbricht.

          Verschuldete Kommunen : Werden die Altschulden zur tickenden Zeitbombe?

          Die Lösung des Altschulden-Problems hat sich die große Koalition fest vorgenommen. Gerade die von der SPD regierten Großstädte im Ruhrgebiet würden von Bundeshilfe profitieren – bisher verhält sich Nordrhein-Westfalen jedoch merkwürdig passiv.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.