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Interview : „Amerika lebt auf Kosten der Zukunft“

  • Aktualisiert am

Barry Eichengreen, University of California Bild: B. Eichengreen

Das Land wird seine bisherige Wirtschaftspolitik kaum fortsetzen können, so Professor Barry Eichengreen im FAZ.NET-Interview. Er rechnet mit einem schwachen Dollar.

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          In Amerika darf Präsident George Bush also weiterregieren. Allerdings dürfte er seine bisherige Politik kaum fortsetzen können. Diese Quintessenz läßt sich zumindest aus dem folgenden Interview ziehen, welches FAZ.NET mit Professor Barry Eichengreen von der University of California in Berkeley führte.

          Eichengreen beschäftigt sich mit wirtschaftspolitischen Fragestellungen und dabei vor allem auch mit den verschiedenen Wirtschafts- und Währungskrisen der Vergangenheit. Er empfiehlt sowohl Amerika als auch Europa, ihre Verschuldungspolitik zu zähmen. Er rechnet mit einem schwachen Dollar, einem schwachen amerikanischen Rentenmarkt und damit, daß China die Bindung des Yuan an den Dollar bald lockern wird.

          Amerika hat alles richtig gemacht, indem es mit tiefen Zinsen, tiefen Steuern und rasch steigenden Schulden die Wirtschaft nachhaltig ankurbelte, sagen manche Experten. Würden Sie diesen zustimmen?

          Die amerikanische Wirtschaft entwickelte sich gut, aber auf Kosten der Zukunft. Nach der geplatzten Technologieblase in den 1990n wurde die Konjunktur mit gewaltigen monetären und fiskalischen Impulsen gestützt. Die Folge: Budgetdefizite soweit das Auge blicken kann. Nun muß die Notenbank die Zinsen normalisieren, obwohl die Konjunktur schwächelt. Ich fürchte, die Anleger - vor allem die asiatischen Zentralbanken - könnten das Vertrauen in die Verschuldungspolitik des Landes verlieren und das Doppeldefizit nicht mehr finanzieren. Dann würde der Dollar fallen, die Importpreise steigen lassen und die Zentralbank zu weiteren Zinserhöhungen zwingen. Eine Mischung zwischen lockerer Fiskalpolitik und straffer Geldpolitik wäre das letzte, was das Land braucht, um die von der „New Economy“ noch übriggelassenen Investitionsmöglichkeiten zu nutzen. So blicke ich reichlich skeptisch in die Zukunft.

          Sollte Europa den Stabilitätspakt aufgeben und dieselbe Politik verfolgen?

          Auch Europa hat Probleme mit der Mischung der wirtschaftspolitischen Impulse. Es würde besser fahren, wenn es eine straffere Fiskalpolitik mit einer lockeren Geldpolitik kombinieren würde. Tiefe Zinsen würden für ein investitionsfreundlicheres Umfeld, die schnellere Aufnahme neuer Technologien und für Produktivitätswachstum sorgen. Eine bessere Politik wird aber sicherlich nicht von der Europäischen Kommission ausgehen, der Stabilitätspakt ist ganz klar tot. Die fiskalische Disziplin muß in den Heimatländern beginnen. Die Impulse dazu werden von den Wählern ausgehen, die verschuldungsversessene Regierungen abstrafen und nicht von den Brüsseler Bürokraten.

          Die amerikanischen Konsumenten sind stark verschuldet, die Sparquote ist sehr tief, die Leistungsbilanz- und Budgetdefizite sind groß und nehmen zu, manche Preise wie für Häuser, Anleihen und Rohstoffe explodieren - ist das nicht ein ziemlich instabiler Zustand?

          Es gibt Argumentationsweisen - ich nenne es die Deutsche-Bank-Theorie, da sich das Haus diesbezüglich stark exponiert hat -, nach welchen alles bestens ist. Ich fürchte, einige Marktteilnehmer mit einer Schlüsselrolle, das sind die asiatischen Zentralbanken, werden zunehmend nervös über die Aussichten des Dollars. Sollten sie ihre Nachfrage dämpfen, würde der Dollar fallen und die Importpreise anheizen. In diesem Fall müßte die amerikanische Zentralbank die Zinsen schneller und stärker anheben als der Markt es erwartet. Die Häuserpreise wären dann sehr wahrscheinlich „das erste Opfer“.

          Was läßt sich dagegen tun?

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