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Internationale Finanzmärkte : Häusermarktkrise nun auch in Australien

  • Aktualisiert am

Teures Pflaster Bild: AFP

Fallende Hauspeise in den Vereinigten Staaten führten zur Kreditkrise und schwächten die Konjunktur. In Australien zeichnet sich ähnliches ab. Erstmals seit der Weltwirtschaftskrise geben in den großen Städten die Eigenheimpreise nach.

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          Nach den Vereinigten Staaten und Großbritannien droht nun auch in Australien ein schwerer Einbruch am Markt für Wohnimmobilien. Erstmals seit der Weltwirtschaftskrise gaben vergangenen Monat in allen großen Städten auf dem fünften Kontinent die Eigenheimpreise nach. Zudem steigen die Ausfallquoten und die Finanzierungskosten, während sich das Wirtschaftswachstum abschwächt.

          „Australien steuert auf eine Immobilienkrise zu, wie sie nur einmal in 100 Jahren vorkommt“, erklärt John Edwards, Vorstandsvorsitzender von Residex, die Immobilienpreise ermittelt. „Ich habe noch nie erlebt, dass sich gleichzeitig so viele Faktoren negativ entwickeln.“

          IWF: Australischer Häusermarkt stark überbewertet

          Im April bezeichnete der Internationale Währungsfonds den australischen Immobilienmarkt als einer der weltweit am meisten überbewerteten Märkte. Er sei etwa 25 Prozent zu hoch bewertet. Gerard Minack, leitender Volkswirt bei Morgan Stanley in Sydney, geht davon aus, dass der Markt bis ins Jahr 2010 bis zu 30 Prozent absacken wird. Im Juni sanken die Preise in Sydney, Melbourne, Brisbane, Perth, Adelaide, Darwin, Hobart und Canberra zwischen 0,6 Prozent und 2,2 Prozent. Der nationale Durchschnittspreis für ein Haus fiel knapp drei Prozent auf 458.000 australische Dollar oder umgerechnet 277.500 Euro.

          „Ich habe Panik bekommen, als die Zahlen hereinkamen“, berichtet Edwards. „Wir ermitteln diese seit 20 Jahren, unsere Datenreihen gehen bis 1865 zurück. Aber das ist wirklich nicht normal.“

          Bisher hatten die steigenden Immobilienpreise einen seit zehn Jahren andauernden Boom bei den Konsumausgaben angeschoben. Seit 1999 hat sich die Verschuldung der Haushalte auf etwa 160 Prozent vom Einkommen verdoppelt und liegt laut AMP Capital Investors damit höher als in den Vereinigten Staaten und Großbritannien. Der nationale Durchschnittspreis für ein Haus ist in dem Zeitraum um etwa 140 Prozent geklettert. „Australische Häuser sind zu teuer“, sagt Minack. Sie kosten im Schnitt sechs Jahresgehälter. Das ist doppelt so viel wie Amerikaner vor der Krise am Eigenheimmarkt zahlten. „Ein Crash würde bei den Australiern zu einem erheblichen Vermögensschock führen“, erläutert der Ökonom. In dem Land machen die Konsumausgaben etwa 60 Prozent der Wirtschaftsleistung aus.

          Eine Rezession am Eigenheimmarkt würde auch bei Kreditinstituten, darunter Commonwealth Bank of Australia und Westpac Banking Corp., Verluste auslösen. Die fünf größten Kreditinstitute des Landes haben die Hypothekenzinsen in diesem Jahr im Schnitt um 105 Basispunkte erhöht, nachdem die weltweite Kreditkrise die Finanzierungskosten nach oben getrieben hat. Sie reagierten damit auch auf die Zinserhöhungen der australischen Notenbank, die den Leitzins in diesem Jahr um insgesamt 50 Basispunkte auf 7,25 Prozent angehoben hat, um die Inflation zu bremsen.

          Private Haushalte geben 38 Prozent ihres Einkommens für Hypothekenzahlungen aus - 22-Jahreshoch

          Dadurch sind die monatlichen Zahlungen für einen durchschnittlichen Hypothekenkredit über 250.000 australische Dollar um 250 Dollar gestiegen, hat das Immobilieninstitut Real Estate Institute errechnet. Im ersten Quartal gaben die privaten Haushalte 38 Prozent ihres Einkommens für Hypothekenzahlungen aus. Das ist der höchste Wert seit 22 Jahren. Bis September werden 923.000 Haushalte „Stress mit den Hypotheken“ bekommen, erwartet die Analysegesellschaft Fujitsu Consulting. Ein Jahr zuvor hatten 171.000 Haushalte Probleme, Kredite zurückzuzahlen. Australien hat 21 Millionen Einwohner, 6,9 Millionen Haushalte haben Hypotheken.

          Die Ratingagentur Standard & Poor's beobachtet, dass Zahlungen bei so genannten Hypothekenkrediten guter Bonität, die seit mehr als 30 Tagen überfällig sind, im Mai den sechsten Monat in Folge gestiegen sind und ein Rekordhoch von 1,49 Prozent erreicht haben. Etwa 14,5 Prozent der Subprime-Kredite waren 30 Tage überfällig, 7,9 Prozent davon mehr als 90 Tage überfällig.

          Auch nehme die Zahl der nicht verkauften Häuser zu, berichtet John McGrath, Vorstandsvorsitzender des Immobilienmaklers McGrath Estate Agents. Zudem fallen die Preise bei Versteigerungen, während die Zeit, bis ein Haus verkauft ist, innerhalb eines Jahres um 50 Prozent auf 45 Tage gestiegen ist.

          Die Lage am Eigenheimmarkt bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Konjunktur. Im Juni ist der Einzelhandelsumsatz um ein Prozent gesunken. Das ist der stärkste Rückgang seit sechs Jahren. Und im Mai verzeichneten die Kredite das langsamste Wachstum seit 1991. Zwar dürfte die australische Wirtschaft weiter wachsen, die Steigerungsrate wird sich Schätzungen der Notenbank zufolge jedoch von 3,9 Prozent 2007 auf 2,25 Prozent 2008 abschwächen.

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