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Interessenkollision : Anleger gegen Verbraucher

  • -Aktualisiert am

Immobilienmarkt (in San Francisco) Bild: REUTERS

Einige Daten deuten zwar auf eine nahende Bodenbildung am amerikanischen Häusermarkt hin. Doch nur wenige Analysten rechnen mit einer baldigen Besserung der Lage.

          Das Desaster der Hypothekenverbriefungen hat uns vor Augen geführt, dass die Geschäftspraktiken mit den höchsten Renditen häufig im Widerspruch zu den Verbraucherinteressen stehen. Inzwischen wissen die meisten Menschen, dass die leichtfertige Vergabe billiger Kredite vor allem dem Zweck diente, ein kontinuierliches Angebot hypothekarisch gesicherter Wertpapiere zu generieren, um den unersättlichen Appetit allzu selbstsicherer Anleger zu stillen.

          Diese Situation konkurrierender Interessen hält nach wie vor an. Man denke etwa an den jüngsten Erfolg von Investmentbanken bei der Verhinderung von Gesetzen, mit denen Insolvenzrichter in der Lage gewesen wären, zur Abwendung von Zwangsversteigerungen die Bedingungen von Hypothekenkrediten zu ändern, deren Restschuld den Wert des Eigenheims übersteigt. Der Fairness halber sei jedoch erwähnt, dass die von Kreditgebern gegen einen Teilerlass von Hypothekenschulden vorgebrachten Einwände ebenso stark von der Sorge um drohende Gerichtsverfahren seitens der Investoren wie von der Ablehnung eines Renditeverzichts von Hypothekenportfolios motiviert ist.

          Nach ethischen Richtlinien investierende Fondsmanager und auf Ethikfonds spezialisierte Investmentberater sind Vorreiter, wenn es darum geht, das Augenmerk der Anleger auf stärker nachhaltigkeitsorientierte Praktiken zum langfristigen Vorteil aller Interessengruppen zu lenken, anstatt nur auf kurzfristige Renditen zu setzen. Neben der Thematisierung verantwortungsbewusster Umweltpraktiken und Mitarbeiterbehandlung liegt der Reiz dieses ethischen Ansatzes vor allem darin, das Bewusstsein der Investoren für die Tatsache zu schärfen, dass ihre eigenen Interessen jenen der Verbraucher zuwiderlaufen.

          Preisanstiege nützen Verbrauchern wenig

          Der auch im Bereich ethischer Investments tätige Vermögensverwalter Reynders, McVeigh Capital Management sieht im Nachhaltigkeitsgedanken den gemeinsamen Ausgangspunkt für Investoren und Verbraucher.

          Volkswirte und politische Entscheidungsträger konzentrierten sich zwar weiterhin auf die Erholung der Eigenheimpreise, doch „vielleicht ist es für den Häusermarkt und für verantwortungsbewusste Hauskäufer auf lange Sicht besser, eine höhere Sparrate anzustreben und den Markt über längere Zeit hinweg auf moderatem Niveau zu halten, damit sich ihre Bilanzen erholen können“, sagt Chat Reynders.

          Als Verbraucher „nützt es einem nichts, wenn die Häuserpreise überall ansteigen“, da man es sich nicht leisten könne, im selben Markt ein neues Haus zu kaufen, sagt Richard Green, Direktor und Lusk Chair in Real Estate des Lusk Center for Real Estate der Universität von Südkalifornien. „Man könnte davon nur profitieren, wenn man 2006 ein Haus in Kalifornien verkauft hätte und nach Alabama gezogen wäre.“

          In der Realität gibt es eine große Schnittmenge zwischen Investoren und Verbrauchern, da alle Investoren zugleich auch Verbraucher sind. Selbst institutionelle Investoren wie etwa Pensionskassen repräsentieren Tausende von Verbrauchern. Einige, darunter die Pensionskasse der öffentlichen Bediensteten des Bundesstaates Kalifornien (Caipers), widmen sich seit längerem intensiv einem ganzheitlicheren und nachhaltigeren Investmentansatz. Die vom Aspen Institute vor zwei Jahren veröffentlichten Grundsätze - mit dem Ziel, Unternehmen und institutionelle Investoren bei ihrer Wertschöpfungsmessung zu einer Abkehr von der bisherigen kurzfristigen Ausrichtung zugunsten einer langfristigen Orientierung zu bewegen - entstanden in Zusammenarbeit mit Caipers und anderen Gruppen, denen die bisherige Geschäftsethik unzureichend erscheint.

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