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Insolvenz der Investmentbank : Lehman-Zertifikate beschäftigen noch lange die Justiz

  • -Aktualisiert am

Ehemalige Lehman-Zentrale Bild: dpa

Der Bundesgerichtshof hat im vergangenen Monat die ersten Klagen von Lehman-Geschädigten abgewiesen. Die aber klagen weiterhin in allen Instanzen - und bekommen manchmal Recht.

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          Wer mit Zertifikaten der Pleitebank Lehman Brothers Schiffbruch erlitten hat, muss noch nicht alle Hoffnung auf den Rechtsweg aufgeben. Der Bundesgerichtshof hat zwar im vergangenen Monat erstmals über zwei Fälle von geschädigten Anlegern entschieden - und beide Klagen abgewiesen (Az.: XI ZR 178/10 und 182/10). Doch der Vorsitzende Richter Ulrich Wiechers machte zugleich klar: Jeder Fall sieht anders aus, auch wenn diese beiden Verfahren eine „gewisse Pilotfunktion“ hätten. Über die rund 40 weiteren Akten, die bereits in Karlsruhe liegen, könnte also auch ganz anders entschieden werden.

          Anlegeranwälte trommeln deshalb weiter im Internet. Eine „schriftliche Erstbewertung“ kostet bei einigen Kanzleien 250 Euro. Andere wie der „Schutzverein für Rechte der Bankkunden“ in Passau bieten den ersten Rat sogar kostenlos an. Ansatzpunkte könnte etwa das Argument sein, die Bank oder Sparkasse habe diese Zertifikate noch kurz vor der Insolvenz von Lehman Brothers empfohlen. Damals zeichnete sich für Fachleute an Absicherungsgeschäften bereits das wachsende Risiko ab. Vermögensberater hätten zudem meist eine fortlaufende Überwachungspflicht über die empfohlenen Investments, meint der Schutzverein: „Wurde diese nicht ordnungsgemäß ausgeführt, dürfte eine Haftung bestehen.“

          Mahnwachen vor Bankfillialen

          Auch die Juraprofessorin Petra Buck-Heeb aus Hannover sagt: „Nicht pauschal, sondern nur im Einzelfall kann beurteilt werden, ob Zertifikate überhaupt den Anlagezielen des Kunden entsprechen.“ Sofern beispielsweise das Anlageziel eines Kunden keine Zertifikate umfasst, wären entsprechende Klagen anders zu beurteilen, als der Bundesgerichtshof dies in den ersten beiden Verfahren getan hat. Hoffnung auf einen Sieg vor Gericht können sich demnach auch solche Erwerber machen, die die Bank nicht über das generelle Ausfallrisiko - das sogenannte Emittentenrisiko - bei Zertifikaten aufgeklärt hat. Die Hamburger Sparkasse hatte dies hingegen in den beiden Fällen, die der Bundesgerichtshof kürzlich entschieden hat, nachweislich erledigt.

          Eine Rolle kann auch spielen, wie das konkrete Wertpapier ausgestaltet war: Lehman-Zertifikate gab es schließlich in ganz unterschiedlichen Varianten. Von Bedeutung mag außerdem sein, ob weitere Vermittler eingeschaltet waren. Nicht erstaunlich ist daher, dass untere Gerichte auch nach dem Karlsruher Richterspruch manchen Erwerbern von Lehman-Zertifikaten recht geben. So sprach das Hamburger Landgericht mittlerweile einem Ingenieur aus der Hansestadt Schadensersatz zu, wie die Zeitung „Welt“ in ihrer dortigen Regionalausgabe berichtet. Das Gericht stützte seine Entscheidung auf eine Verletzung der Aufklärungspflichten. Der langjährige Kunde hatte im Jahr 2007 nach einem Beratungsgespräch 46 „Bonus-Express-Defensiv-Zertifikate“ für 46.920 Euro erworben. Das Kreditinstitut hat dem Urteilsspruch zufolge seine Pflicht zur „anlagegerechten Beratung“ verletzt, indem es dem Ingenieur ein Produkt empfohlen habe, das nicht seinem Anlageziel entsprach.

          Oft komme es aber auch außerhalb des Gerichtssaals zu einer Einigung, sagt Bankenanwalt Stephan Bausch von der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer. So könne einer Bank der Erhalt langjähriger Kundenbeziehungen wichtiger sein als die für sie womöglich günstige Rechtslage. Auch Reputationsgründe hält Bausch, der die Verhandlung am Bundesgerichtshof selbst mitverfolgt hat, für einen wichtigen Aspekt: „Tagelange Mahnwachen mit Transparenten vor Bankfilialen sind nur bedingt geschäftsfördernd.“

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