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Infrastrukturfonds : Run auf Deutschland

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Gasnetz - wer hat es künftig in der Hand? Bild: dpa

Der große Investitionsbedarf in Transportwege, öffentliche Einrichtungen und Energienetze lockt immer mehr ausländische Anleger nach Deutschland.

          3 Min.

          Deutschlands Infrastruktur wird zur Spielwiese privater Anlagegesellschaften. Nach Jahren der Ruhe gewinnt der hiesige Markt an Dynamik. Das aktuelle Beispiel ist der durch die EU-Kommission angestoßene mögliche Verkauf der RWE-Gasnetze, für den es schon die ersten Interessenten gibt. „Grundsätzlich sind wir an Gasnetzen sehr interessiert, denn wir haben viel Erfahrung in diesem Bereich", sagt Martin Stanley, Vorstandsvorsitzender der europäischen Infrastrukturfonds der australischen Investmentbank Macquarie, dieser Zeitung.

          Macquarie gilt als Vorreiter auf dem privaten Infrastrukturmarkt und mit einem verwalteten Vermögen von 36 Milliarden Euro als der weltweit größte Investor in diese Basisgüter der Volkswirtschaften. Die Bank erweitert derzeit mit Verve ihre Präsenz auf dem deutschen Markt: "Deutschland steht ganz oben auf unserer europäischen Liste. Wir werden hier Hunderte Millionen, wenn nicht sogar mehrere Milliarden Euro investieren", sagt der Macquarie-Manager Stanley.

          Private Infrastrukturinvestitionen werden für Deutschland wichtig werden

          Schon bald dürften weitere Investoren auf dem Sprung nach Deutschland sein. „Private Infrastrukturinvestitionen werden für Deutschland in den kommenden Jahren enorm wichtig werden. Das wird eine Spielwiese für viele institutionelle Anleger: Infrastrukturfonds, Banken, Beteiligungsgesellschaften, Pensionsfonds und Staatsfonds", sagt Alexander Doll, Infrastrukturexperte der Schweizer Großbank UBS. Neben Vermögensverwaltern wie Macquarie, den ebenfalls australischen Anbietern Babcock & Brown und Allco Finance Group sowie der zur Deutschen Bank gehörenden Anlagegesellschaft Rreef sind vor allem Banken wie Goldman Sachs, Morgan Stanley und UBS in diesem Feld aktiv.

          Kern-Infrastruktur
          Kern-Infrastruktur : Bild: dpa

          Der Versicherungskonzern Allianz ist derzeit ebenfalls dabei, eine eigene Infrastruktureinheit aufzubauen. Auch kanadische Pensionsfonds wie Ontario Teacher und Staatsfonds aus dem Nahen Osten wie die Kuwait Investment Authority sind in diesem Feld sehr aktiv, stehen aber offenbar noch nicht vor dem Sprung nach Deutschland. Das Gleiche gilt für große amerikanische Private-Equity-Gesellschaften wie KKR, Blackstone oder Carlyle, die entweder schon eigene Infrastrukturfonds haben oder gerade aufbauen. Der britische Beteiligungsfonds 3i Group dagegen schaut mit seinem börsennotierten Infrastrukturfonds auch nach Deutschland.

          Die Gesellschaften sind äußerst kapitalkräftig: Weit mehr als 150 Milliarden Dollar haben Infrastrukturfonds angehäuft, schätzte vor einiger Zeit die Ratingagentur Standard & Poor's. Trotz der Finanzkrise sei es auch kein Problem, für derart risikoarme Projekte Kredite von den Banken zu erhalten, heißt es in Kreisen dieser Anlagegesellschaften. Interessant sind für diese Investoren die langfristigen Mittelzuflüsse, die besonders gut zu den oft ebenfalls langfristigen Verbindlichkeiten von Pensionsfonds passen. Die Renditen sind mit 8 bis 12 Prozent geringer als in manchen anderen Anlageklassen, aber schwanken wenig und haben ein moderates Risiko.

          Bisher ist allerdings relativ wenig passiert - Vorbehalte

          Eigentlich haben Investoren wie Macquarie die deutsche Infrastruktur schon vor Jahren als Wachstumsmarkt ausgemacht. Sieht man einmal von kleineren Projekten wie dem Rostocker Warnow-Tunnel oder dem Erwerb einiger Stadtwerke ab, ist aber vergleichsweise wenig passiert. Aktuelle Beispiele wie der angestrebte Verkauf der Eon-Energienetze, die eventuelle Abspaltung der RWE-Gasnetze sowie der bevorstehende Börsengang der Deutschen Bahn zeigen, dass nun Bewegung in den Markt kommt.

          Kein Wunder, denn der Kapitalbedarf für entsprechende Investitionen in Flughäfen, Seehäfen, Straßen, Versorger und Krankenhäuser ist enorm. „In der jüngeren Vergangenheit ist es zu gravierenden Versäumnissen im Infrastrukturausbau gekommen. So ist die Investitionsquote des Staates seit 1992 von 2,7 Prozent auf etwa 1,5 Prozent im Jahr 2007 gesunken", heißt es in einer Studie des Centrums für angewandte Wirtschaftsforschung der Universität Münster. In einer weiteren Untersuchung des Deutschen Instituts für Urbanistik wird allein der kommunale Investitionsbedarf in den Jahren 2006 bis 2020 auf 704 Milliarden Euro geschätzt.

          Auch die Politik hat daher das Thema aufgegriffen: "Infrastrukturnetze ist ein zentrales Thema einer modernen Industriegesellschaft", sagte vor einigen Tagen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf einer Konferenz des Industrieverbands BDI. Doch noch ist die Politik der größte Hemmschuh für die Fonds: Meistens gibt es große öffentliche Vorbehalte dagegen, die für eine Volkswirtschaft zentrale Infrastruktur in die Hände von ausländischen Investoren zu geben.

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