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Inflation : Die Anleger kommen immer zu spät

Bild: F.A.Z.

Die Banken werben für Wertpapiere mit Inflationsschutz. Doch die sind längst schon wieder überflüssig. So geht es mit fast jedem Trendprodukt.

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          Anleger sind verunsichert: Seit fast einem Jahr müssen sie jetzt mit der hohen Inflationsrate leben. Und die frisst auch die dicksten Renditen auf: Wer vergangenen August Bundesschatzbriefe gekauft hat, verdient damit nach Inflation nicht einmal ein Prozent. Da bietet die Finanzindustrie den Anlegern doch gerne ihre Hilfe an: Merrill Lynch, die Deutsche Bank, ING - alle haben jetzt Inflationspapiere im Angebot. Die Hypo-Vereinsbank zum Beispiel verkauft dieser Tage eine „Opti-Inflations-Anleihe auf die Deutsche Bank“. Für die gibt es zwei Jahre lang die 1,4fache europäische Inflationsrate als Zins. Nur in dem Fall, dass die Aktie der Deutschen Bank um 95 Prozent einbricht, wäre auch die Opti-Inflations-Anleihe fast wertlos.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Optimal ist dieses Angebot trotzdem nicht. Zumindest jetzt nicht mehr. Denn gerade geht die Inflation wieder zurück. Damit rechnet der amerikanische Notenbankchef Bernanke derzeit vernehmlich. Volkswirte erwarten für das kommende Jahr nur noch 2,5 Prozent Inflation. Das bedeutet für Produkte wie die Inflationsanleihe 3,5 Prozent Zins - ein gutes Festgeldkonto bringt es aber schon auf rund fünf Prozent. Bei deutlich kleinerem Risiko. Die HVB verkauft ihre Anleihe trotzdem gern: „Inflation ist im Moment ein Thema bei unseren Kunden“, sagt eine Sprecherin, „einige gehen davon aus, dass die Inflation weiter so hoch bleibt, weil sie das in den vergangenen Monaten erlebt haben.“

          Trend-Produkte folgen dem Anleger

          Wer sich aber von der Erfahrung der vergangenen Monate leiten lässt, investiert sein Geld vermutlich falsch. Er wäre nicht der Erste, dem es so ergeht. Fast immer, wenn ein neuer Anlagetrend ausgerufen wird und wenn die passenden Fonds und Zertifikate dazu auf den Markt kommen, ist der Trend schon beinahe wieder vorbei. Beispiel New Economy: Als deren gute Zeit war, zwischen 1997 und Oktober 1999, gab es in Deutschland nur eine Handvoll IT- und Multimediafonds. Viele Neuemissionen, die auf den New-Economy-Trend setzten, kamen im Jahr 2000 auf den Markt. Die Kurse allerdings hatten ihren Höhepunkt im März 2000 - danach ging es abwärts.

          Warum kommen Trend-Anlageprodukte so spät? Ist die Finanzindustrie so langsam? Nein, versichert der Chef des Produktmanagements bei der Deka-Bank, Dirk Degenhardt: „Standardprodukte können wir in vier Wochen auf den Markt bringen. Bei den komplexeren Produkten, die wir in Luxemburg auflegen, dauert es ungefähr 4 Monate, bis wir die Fonds öffentlich vertreiben dürfen.“ Zertifikate sind teils noch schneller. Das reicht für die meisten Trends.

          Das Problem ist ein anderes, findet Degenhardt: Die Anleger sind schuld. Denen könne man die Fonds erst so spät verkaufen. Die Deka-Bank wolle schließlich Geld verdienen. „In der Regel ergibt es wenig Sinn, Produkte auf den Markt zu bringen, für die noch keine Kundennachfrage besteht - selbst wenn unsere Fondsmanager eine neue Anlagechance sehen.“

          Auch die Megatrends sind nicht besser

          Dass viele Anleger spät reagieren, hat Conrad Mattern schon oft erlebt. Er verwaltet mit Conquest Investment Geld für einige Firmen und kennt typische Anlegerfehler. Dazu gehört auch eine beliebte Verwechslung, erzählt er: Anleger suchen die Produkte, die künftig gut laufen - und finden dabei ganz andere: die, die in der vergangenen Zeit gut gelaufen sind.

          Einige Fondsgesellschaften für Privatanleger versuchen deshalb, beides zu kombinieren. Sie suchen Trends, die besonders lang anhalten, und nennen sie „Megatrends“. Rohstoffe sollen ein Megatrend sein. Denen erging es aber bisher nicht besser: Im Mai und Juni kam eine Reihe von Rohstoff-Fonds auf den Markt - pünktlich zum großen Einbruch der Rohstoffpreise. Der Rohstoff-Index „Dow Jones AIG“ zum Beispiel ist seit Ende Juni um rund ein Fünftel gefallen. Das stört zumindest JP Morgan nicht. Die Investmentbank bietet derzeit ein neues Zertifikat an: Damit können Anleger auf Inflation und Ölpreis gleichzeitig wetten.

          Vermutlich sind die vermeintlichen Megatrends also auch nicht besser für Privatanleger. Der Kapitalmarktforscher Lutz Johanning von der Universität WHU in Vallendar hält das für wahrscheinlich. Zwar gebe es gelegentlich Branchen oder Produkte, die besonders hohe Gewinne für die Zukunft versprechen. Doch je mehr Menschen davon wissen, umso höher seien die Kurse schon gestiegen. Idealerweise so weit, dass die künftigen Profite schon im Preis berücksichtigt sind. So etwas kann sogar mit Anleihen bei steigender Inflation passieren.

          Nicht auf die Werbebroschüre warten

          Das ist die klassische Spekulation: Wenn Privatanleger auf einen Trend aufmerksam werden, dann kaufen sie die neuen Anlageprodukte und treiben die Kurse so noch weiter. Dazu kommt: Sie können die Gewinnchancen oft schlecht einschätzen und übertreiben gern. Diese Gelegenheit nutzen dann bessere Spekulanten, um aus diesen Produkten auszusteigen.

          Wie sollte man sein Geld also anlegen? Wer es sich einfach machen möchte, sollte Trends schlicht ignorieren. Es reicht dann, das Vermögen einmal gut auf die verschiedenen Regionen und Anlageklassen zu verteilen. Dann müssen Anleger nur noch darauf achten, dass Kursbewegungen das Portfolio nicht zu weit von der Grundeinstellung wegtreiben. So haben sie beste Gewinnchancen.

          Wenn ein Anleger aber Spaß daran hat, neue Trends zu suchen, und auf künftige Trends setzen will, dann sollte er auch nicht warten, bis die Finanzindustrie diese Trends per Werbebroschüre in die Welt hinausposaunt. Sondern schon vorher kaufen und sich darüber freuen, wenn die Werbeprospekte die Kurse noch einmal nach oben treiben. In dem Moment sollte er dann aber auch darüber nachdenken, ob er seine Kursgewinne nicht lieber zu Geld macht.

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