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Immobilienmarkt : Immobilienkrise keine Bedrohung für das amerikanische Finanzsystem

  • Aktualisiert am

Bild: Raiffeisen Research

An den Börsen geht die Angst vor einer eskalierenden Krise auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt um. Doch für die Analysten der RZB besteht kein Anlass zur Panik. Sie halten Wirtschaft und Finanzsystem in Amerika für nicht gefährdet.

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          Die Lage auf dem Hypotheken- und dem Immobilienmarkt in Amerika hat sich in der abgelaufenen Woche weiter zugespitzt. Die Kapitalmarktturbulenzen sind inzwischen auch auf den Aktienmarkt übergesprungen. In der Spitze hat der Dax gegenüber dem Hoch fast zehn Prozent verloren. Auf der Suche nach mehr Sicherheit haben die Anleger plötzlich wieder den Markt für Staatsanleihen mit erstklassiger Bonität entdeckt. Die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen ist dadurch von 4,66 auf 4,39 Prozent gesunken. All das zeigt, wie groß die Nervosität bei den Marktteilnehmern sein muss.

          Die Nachrichten dieser Woche vom Immobilienmarkt in Amerika waren auch nicht dazu angetan, die Verunsicherung zu verringern. Und auf absehbare Zeit wird nach Ansicht der Volkswirte bei der österreichischen Raiffeisen Zentralbank der Nachrichtenfluss vom amerikanischen Immobilien-/Hypothekarmarkt auf absehbare Zeit auch noch nicht besser werden. Eher das Gegenteil dürfte der Fall sein.

          Bauwirtschaft in Amerika hat ihren Boden noch nicht erreicht

          Die jüngsten Daten zeigen laut Raiffeisen Zentralbank jedenfalls, dass die amerikanische Bauwirtschaft bislang immer noch keinen Boden erreicht hat. Der NAHB-Wohnbauindex dürfte demnach zwar bereits kurz vor einer Erholung stehen, aber Baugenehmigungen, Wohnbaubeginne und andere Daten sollten erst mit der üblichen Verzögerung im Lauf des zweiten Halbjahres ihre Tiefststände erreichen. Auch die Immobiliennachfrage geht weiter stark zurück, und die unverkäuflichen Immobilien häufen sich. Der Abwärtsdruck auf die Immobilienpreise ist deshalb weiter ungebrochen, ein Boden bei der realen Immobilienpreisentwicklung ist wahrscheinlich nicht vor 2009 zu erwarten. Die nominellen Immobilienpreise dürften dementsprechend im Landesschnitt in den kommenden Quartalen noch weiter ins Minus rutschen. Noch etwas tiefere Werte als beim letzten Immobilienmarkteinbruch 1990/91 erscheinen absolut realistisch, also ein Rückgang von rund zehn Prozent pro Jahr verglichen mit zuletzt minus 2,7 Prozent pro Jahr.

          Wegen dieser Rahmendaten rechnet die Raiffeisen Zentralbank mit noch weiter steigenden Ausfallraten und Zahlungsverzügen im Subprime-Bereich zumindest bis zum Jahresende. Auch Teile des Alternative-A Segments dürften davon noch negativ betroffen sein. So gesehen dürfte auch die zuletzt in Gang gekommene Downgrade-Welle bei einer Reihe strukturierter amerikanischer Hypothekarpapiere noch einige Zeit (bis 2008 hinein) andauern, allein schon weil sich auch die Qualität der zu Grunde liegenden Hypothekarkredite (aber auch deren Besicherung) wohl noch weiter verschlechtert.

          Deshalb komme es nun darauf an, ob sich die anderen Märkte, die derzeit von der Angst der Investoren mit nach unten gezogen werden, wie schon einmal im März bald wieder vom Subprime-Hypothekarmarkt abkoppeln können. Für die Analysten der Raiffeisen Zentralbank ist das durchaus denkbar, auch wenn der Subprime-Hypothekarmarkt selbst immer noch nicht über dem Berg ist. Weder das Wirtschafts- und Finanzsystem in Amerika noch Konjunktur und Unternehmen in Europa seien durch die Probleme gefährdet. Und wenn sich diese Erkenntnis durchsetze und sich zeige, dass die breite amerikanische Wirtschaft abseits des Immobilien/-Hypothekarmarktes weiterhin robust bleibt, könnten sich auch die Märkte wieder beruhigen.

          Lage sollte sich spätestens im Herbst wieder beruhigen

          Bei der Raiffeisen Zentralbank ist man bei diesen beiden Punkten recht optimistisch. Deswegen ist es nach ihrer Meinung nur eine Frage der Zeit, bis der Anleihenmarkt als sicherer Hafen wieder an Reiz verliert. Die derzeit auf Jahressicht bereits eingepreisten fast 50 Basispunkte an Zinssenkungen dürften dann wieder ausgepreist werden und die zehnjährigen Anleiherenditen wieder auf über fünf Prozent zurückkehren. Von der Raiffeisen Zentralbank wird der amerikanische Anleihenmarkt wegen dieser Erwartungshaltung auf Verkauf gesetzt, wenngleich kurzfristig eine weitere Verschärfung der derzeitigen Risikoaversion (steigende Creditspreads, fallende Aktienmärkte) nicht ausgeschlossen wird.

          Nachdem das Wachstum des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts im zweiten Quartal 3,4 Prozent betrug, gebe es keinen Grund für Rezessionsängste, heißt es weiter. Den hauseigenen Prognosen zufolge dürften die Konjunkturvorlaufindikatoren nach den starken Vormonatsanstiegen zwar leicht zurückgehen, aber weiterhin auf sehr hohem Niveau bleiben. Und der Arbeitsmarktbericht sollte weiterhin einen robusten Arbeitsmarkt widerspiegeln.

          Mit Blick auf den Aktienmarkt sei außerdem zu bedenken, dass die Berichtssaison der Unternehmen bisher relativ positiv verlaufen sei. Durch die steigenden Unternehmensgewinne und die fallenden Aktienkurse habe sich die absolute Bewertung der Aktien ebenso wieder verbessert wie die relative Bewertung gegenüber dem nunmehr wieder als teuer eingeschätzten Bondmarkt. Die im Gang befindliche Aktienmarkt-Korrekturphase könnte zwar im August noch anhalten. Auch wenn technische Erholungsphasen wahrscheinlich sind, dürfte es laut Raiffeisen Zentralbank auch noch tiefere Indexstände geben. Mit Blickrichtung Herbst sollte sich aber die Situation wieder deutlich verbessern.

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