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Im Gespräch: Zoltán Bognar, Capital Stage : „Viele Solar-Fabriken werden verlagert werden“

Zoltán Bognar, Capital Stage Bild: Capital Stage

Um die Zukunft der Photovoltaikbranche herrscht große Unsicherheit. Zoltán Bognar, Vorstand der auf Erneuerbare Energien spezialisierten Beteiligungsgesellschaft Capital Stage, sieht Umwälzungen, aber keine Katastrophe am Horizont.

          3 Min.

          Wenn Deutschland nun die Einspeisevergütung weiter kürzen wird, welche Länder sind für Betreiber von Photovoltaikprojekten derzeit noch attraktiv?

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Für uns ist Italien unbestritten Nummer eins. Dort erhalten wir eine dem deutschen EEG nicht unähnliche gesicherte Einspeisevergütung, wir haben in Nord- und Mittelitalien relative rechtliche und politische Sicherheit, was bei der langen Laufzeit entscheiden ist und die Branche hat dort den notwendigen Reifegrad.

          Aber der italienische Markt ist doch noch sehr klein, von Reife ist da nicht viel zu sehen.

          Wenn wir von Reife sprechen, so meinen wir beispielsweise, dass Zusagen von Partnern auch in drei, vier Jahren noch etwas wert sind. Zugegeben: Die Grund- und Netzsicherheit ist in Deutschland besser, die Sicherungsmaßnahmen daher in Italien aufwändiger und die Betriebskosten damit höher. Dafür haben wir aber in Norditalien eine um 30 bis 40 Prozent höhere Einstrahlung als in Süddeutschland, so dass wir unter dem Strich ein positives Risiko-Rendite-Profil haben. Wir gehen trotz der besseren Einstrahlung übrigens nicht nach Süditalien, weil dort die Sicherheitslage schlechter ist: Nicht nur aus den allseits bekannten Gründen, sondern auch weil es kein anerkanntes Grundbuch gibt.

          Die Chancen müssen doch aber auch andere erkennen.

          Ja, es gibt Konkurrenz aus Deutschland und bei kleineren Projekten aus Spanien. Doch die Investoren sind derzeit noch recht zögerlich: Sie warten auf schlüsselfertigen Anlagen, und so gibt es ein gewisses Gedränge bei den hochwertigen Projekten. Das hemmt den Markt: Vergangenes Jahr etwa wurden Projekt über 7,5 Gigawatt angekündigt, aber lediglich 2 bis 3 Gigawatt gebaut.

          Aber haben sie keine Sorge, dass auch Italien die Solarförderung kürzen könnte?

          Die Tarife für neue Anlagen werden sicher sinken. Aber anders als in Spanien, wo es direkte Subventionen gab, deren Streichung unmittelbar haushaltswirksam wurde, gibt es in Italien eine indirekte Förderung wie in Deutschland. Da sind die Risiken deutlich kalkulierbarer.

          Gibt es nicht Gelegenheiten in Schwellenländern?

          Für uns weniger. In Rumänien und Bulgarien müssen sie Verträge mit den Stromversorgern schließen. Das sind erhebliche rechtliche Risiken. In Marokko und Tunesien gibt es Ausschreibungen - aber da ist uns das Wechselkursrisiko bei Laufzeiten von 20 Jahren zu hoch. Der indische Markt ist noch klein: Bestenfalls 300 Megawatt werden dort gebaut und es ist schwer an die Projekte heranzukommen.

          Und Amerika?

          Dort gibt es nur auf Einzelstaatenebene interessante Projekte. Der Bund gewährt lediglich Steuervergünstigungen. Das ist für uns uninteressant. Der Haupthaken aber ist die nach der Finanzkrise problematische Finanzierung. Wenn das einmal gelöst ist, dann könnte es interessant werden.

          Also doch Westeuropa?

          Für uns als Anlagenbetreiber ja. Deutschland ist weiter der effizienteste Markt. Die fallenden Anlagenpreise sind noch nicht vollkommen eingepreist. Da gibt es noch Spielraum. 2011 wird es hierzulande nicht uninteressant sein. Das sagt aber gar nichts über 2012 aus, das hängt von den Anlagenpreisen ab. Frankreich und Belgien sind auch interessant. England bietet derzeit hohe Vergütungen. Doch die Einstrahlung ist nur in Südengland so gut, dass Projekte lohnender sein können als in Nordfrankreich. Sinkt die Vergütung, wird England uninteressant werden. Daher rechnen wir damit, dass der Markt in spätestens drei Jahren auf niedrigem Niveau stagnierten wird. Und Italien ist allemal besser.

          Gilt das für die gesamte Branche?

          Nein, je nach Geschäftsmodell ist das sehr unterschiedlich. Die Projektentwickler mit ihren jahrelangen Vorlaufzeiten müssen sich jetzt schon in den Schwellenländern umsehen, die für uns noch uninteressant sind.

          Und die Hersteller?

          Jetzt, wo Module nur noch die Hälfte von dem kosten, was früher dafür bezahlt wurde, werden Transportzeiten und -kosten wichtiger. Der deutsche Markt verliert an Dynamik, ab 2012 gibt es nur noch auf Konversionsflächen eine Freiflächenförderung. Das müssen Auslandsmärkte auffangen. Ich rechne damit, dass viele Fabriken von Deutschland in andere europäische und nordafrikanische Länder verlagert werden, um vor Ort produzieren zu können. Einen massiven Weggang von Europa erwarte ich aber derzeit nicht. Für Maschinenbauer, Spezialkomponentenhersteller sehe ich keine Probleme. Das gilt auch für Projektentwickler und -dienstleister. Unter den Modulherstellern ist eine Auslese möglich, wobei die großen sie besseren Chancen haben.

          Aber es gibt doch Planungen wie das Wüstengroßprojekt Desertec?

          Das ist ein langfristiges Projekt. Derzeit fehlen noch die technischen Netzmöglichkeiten. Sie können ja noch nicht einmal zwischen Deutschland und Österreich richtig Strom übertragen. Das ist aber die Grundvoraussetzung für Wind- und Sonnenenergieprojekte. In Wüstenländern müssen erst lokale Projekte realisiert werden. Dann wird es auch Unterstützung für Projekte wie Desertec geben.

          Wären solarthermische Kraftwerke für diese Länder nicht interessanter, weil sich hier die Energie besser speichern lässt?

          Die solarthermische Energieerzeugung ist technisch noch viel weniger reif als die Photovoltaik. Ohne Speicher haben sie Investitionskosten von 5 bis 6 Millionen Euro je Megawatt, das ist zwei- bis dreimal so viel wie für Photovoltaik. Für die Stromversorger ist sie nur deswegen interessant, weil sie durch den Speicher grundlastfähig wird. In der Wüste müssen sie zudem oftmals Wasser beschaffen. Für Investoren ist die Photovoltaik zur Zeit viel interessanter.

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