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Im Gespräch: Werner de Bondt : „Spekulative Blasen wird es immer geben“

  • Aktualisiert am

Werner de Bondt Bild: privat

Die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise hat begonnen mit Optimismus und Sorglosigkeit. Grundsätzlich spielen ausgeprägte Illusionen und Selbstbetrug bei der Geldanlage eine wichtige Rolle, erklärt Finanzpsychologe Werner de Bondt.

          Die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise hat begonnen mit einem Übermaß an Optimismus und Sorglosigkeit.

          Grundsätzlich spielen ausgeprägte Illusionen und Selbstbetrug bei der Geldanlage eine wichtige Rolle, erklärt Finanzpsychologe Werner de Bondt im folgenden Gespräch. De Bondt ist Professor am Driehaus Behavioral Finance Center an der DePaul University in Chicago.

          Herr de Bondt, können Sie uns die psychischen Ursachen der Finanzmarktkrise erklären?

          Zumeist beginnen Krisen mit übersteigerten Erwartungen und Überoptimismus. Man kauft Immobilien, weil man erwartet, dass die Preise weiter steigen, man denkt, man kann nicht verlieren. Für die Banken ein tolles Verkaufsargument. Aus einem Haus, das in der Regel nicht nur Investitionsobjekt, sondern auch Konsumgut ist, wurde ein reines Investitionsobjekt, eine Spekulation.

          Dabei war doch klar, dass die Häuserpreise nicht ewig steigen werden, oder?

          Das sagen Sie jetzt so einfach - im Rückspiegel betrachtet wirken Ereignisse auf uns, als müssten sie zwingend so passieren müssen. Doch das muss nicht sein - die menschlichen Problemlösungs- und Verarbeitungskapazitäten sind eben doch nur begrenzt, man übersieht rasch etwas, das offensichtlich zu sein scheint.

          War es denn nicht offensichtlich?

          Offenbar nicht für viele Investoren. Ein Haus ist etwas, was man anfassen kann, im Gegensatz zu Wertpapieren, die nur eine Zahl auf dem Depotauszug sind. Und das Haus gehört einem selbst, was dann eine Art Kontrollillusion erzeugt: Man hat ja alles selbst in der Hand, also kann doch auch eigentlich nichts passieren. Man glaubt, dass man eine Katastrophe verhindern kann, weil man sich ja im Fahrersitz wähnt.

          Ist man aber nicht?

          Schauen Sie auf die Resultate, dann haben Sie die Antwort. Selbst erfahrene Investoren waren dabei. Und es kommt noch schlimmer: Wir sind in unserer Informationsverarbeitung durch unsere Vorkenntnisse und Vorurteile geprägt. Wir nehmen Informationen nicht objektiv wahr, sondern wir nehmen das wahr, was wir uns wünschen.

          Unsere Wünsche bestimmen unsere Wahrnehmung?

          Genau. Die übersteigerten Erwartungen und der Überoptimismus am Anfang einer solchen Krise rühren auch daher, dass wir unsere Erwartungen an unsere Wünsche anpassen - und damit auch unsere Informationsverarbeitung.

          Was passiert, wenn die Krise ausbricht?

          Wir beobachten zwei Verhaltensmuster: Manche Investoren verfallen in eine Schockstarre, andere werden hysterisch und wollen um jeden Preis verkaufen - Hauptsache, raus aus dem Schlamassel. Dass man den Verkaufserlös ja auch wieder anlegen muss, vergisst man dabei schnell. Aber die Hyperaktiven sind in der Minderheit, erfahrungsgemäß leiden die meisten Investoren still vor sich hin, auch, um Verluste zu vermeiden. Untätigkeit trifft Verlustaversion.

          Lernen wir wenigstens aus den Fehlern, die wir jetzt gemacht haben

          Bestimmt, aber die Gefahr ist groß, dass wir das Falsche lernen. Eine Katze, die sich einmal auf einen heißen Ofen setzt, wird sich nie wieder darauf setzen, auch wenn er kalt ist. Die Gefahr ist also groß, dass manche Investoren jetzt für immer den Märkten fernbleiben.

          Aber haben diejenigen, die bleiben, doch wenigstens etwas dazugelernt

          Oft meinen wir nur, dass wir etwas lernen. Wir wissen aus Experimenten, dass Menschen dazu neigen, eine einmal gelernte Erfahrung nicht mehr zu hinterfragen, vor allem prüfen sie keine alternativen Hypothesen. Haben Sie einmal gelernt, dass aus dem Ereignis A das Ereignis B folgt, hinterfragen Sie nicht mehr, ob B auch aus C folgen kann. Zum anderen haben wir an den Immobilienmärkten nicht so viele Chancen zu lernen. Die Amerikaner vielleicht eher, da sie öfter Häuser kaufen als Europäer.

          Wird es an Finanzmärkten weiterhin Übertreibungen geben?

          Solange es Kapitalismus gibt, werden wir auch spekulative Blasen sehen.

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