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Im Gespräch: Stephen Green, HSBC : „Wir brauchen einen ethischen Kapitalismus“

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Das ist richtig, und im Boom ist der Druck in diese Richtung umso mehr zu spüren. Wir sind ja auch kein Wohltätigkeitsverein, und wir sind auch keine Familie. Aber wir tragen als Unternehmen eine soziale Verantwortung und Verantwortung der Umwelt und der Menschheit als Ganzem gegenüber. Wir können uns als Unternehmen nicht auf den Standpunkt stellen, dies ginge uns nichts an.

Wie soll Ethik wieder Teil des Bankgeschäftes werden?

Wir müssen eine neue Antwort auf die Frage finden: Was ist Fortschritt? Was ist Erfüllung? Die Mittelklasse schuftet heute immer länger und immer härter. Blackberry und E-Mails erfordern konstante Arbeitsbereitschaft und tragen die Arbeitswelt tief in das Privatleben hinein. Die Arbeitswut, materiellen Wohlstand und einen höheren Lebensstandard zu erreichen, ist zum Selbstzweck geworden. Aber ist dies Erfüllung?

Welche Erfüllung bringt Ihnen als Christ die Arbeit in einer der größten Banken der Welt?

Erfüllung erfährt erst, wer gibt. Dies steht nicht nur in der Bibel. Es ist ein Grundthema in der europäischen Literatur, der deutschen Literatur, des großen Werks von Goethes Faust.

Sie haben französische und deutsche Literatur studiert und später Philosophie.

Faust geht mit dem Teufel den Pakt ein, ihn mit größter Erfüllung in Versuchung zu führen. Wahre Erfüllung erfährt Faust jedoch erst am Ende des Paktes, als sich Faust dem Gemeinwohl widmet, dem Meer neues Polderland abgewinnt und er dies den Besitzlosen zur Besiedlung stiften will. Erstmals ist ihm das Gemeinwohl und Geben wichtiger als sein persönliches Glück. Er erfährt Erfüllung und möchte sich diesen Moment fast zum Verweilen wünschen. Wir sollten erkennen, dass wir im persönlichen Geben die größte Erfüllung erfahren.

Sie haben sich einmal auf den Berg Athos in ein Kloster zurückgezogen. Wäre der Ausstieg aus der Bank ein richtiger Schritt zur Erfüllung?

Es gibt Personen, die diesen Weg wählen. Aber dies ist in der Regel keine realistische Alternative, und unsere Menschheit und unsere Weltwirtschaft funktionieren nur, wenn und weil wir involviert bleiben. Aber es ist die Frage, wie wir uns involvieren. Wenn wir dies mit Integrität tun und unser Gegenüber nicht als Mittel zum Zweck, sondern als unseren Nächsten sehen, können wir auch in unserem Beruf geben und Erfüllung finden.

Aber viele Unternehmen und Banken tun dies und nehmen soziale Verantwortung sehr ernst.

Das stimmt und ist wichtig. Das tut auch diese Bank. Aber die Gefahr besteht, dass wir soziale Verantwortung wieder nur in abgegrenztem Raum, in der Schublade "Abteilung für Sozialverantwortung und Umweltprogramme", abhaken und mit dem Ausstellen von Schecks erledigen. Das reicht nicht. Jede Einzelperson muss in den Spiegel sehen und sich sagen können, dass sie zum Wohl der Menschheit etwas beiträgt - und dies mit all den Mängeln, die wir mit uns tragen. Je besser wir unsere eigenen Unzulänglichkeiten kennen, desto besser können wir geben und den Weg der Erfüllung gehen. Aber wir müssen uns persönlich involvieren. Regierungen allein können die Welt nicht retten.

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