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Im Gespräch: Stephen Green, HSBC : „Wir brauchen einen ethischen Kapitalismus“

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Sie sehen in der Globalisierung eine Entwicklung, die sich erlösend und befreiend auf die Weltgemeinschaft auswirkt?

Die Gemeinschaft der Welt befindet sich in einer gewaltigen sozialen Umwälzung. Die Menschheit wächst mit der Globalisierung zu einem gemeinsamen Ganzen zusammen. Dies ist eine natürliche Entwicklung durch den immer stärkeren Austausch und Vernetzung durch Kommunikation, Handel, Reisen und globale Finanzgeschäfte. Diese Entwicklung kann nicht zurückgedreht werden. Globalisierung ist keine Ideologie. Es ist ein natürlicher Prozess.

Sie haben Ihre Laufbahn im britischen Entwicklungshilfeministerium begonnen, bevor Sie in Europa, Nordamerika und dem Mittleren Osten für McKinsey tätig waren und dann die Laufbahn bei HSBC einschlugen. Diese Erfahrungen prägen Ihre Hoffnung, die Sie mit der Globalisierung verbinden?

Die Menschheit rückt über die Urbanisierung enger zusammen. Zwar erleben wir eine Schwäche enger Familienverbünde. Aber über die moderne Kommunikation und globalen Austausch finden sich Gleichgesinnte über Grenzen, Kulturen und Religionen hinweg. Dies baut Vorurteile ab, hilft zu Verständnis und macht in Zukunft Pogrome und Genozid immer weniger wahrscheinlich. Gleichzeitig führt die Globalisierung und Urbanisierung zu mehr Individualismus. Sie wirkt befreiend für bisher unterdrückte Gesellschaftsgruppen wie zum Beispiel Frauen.

Aber es besteht auch die Gefahr, dass wir uns in der Anonymität des urbanen Lebens von unserer Außenwelt zunehmend abschotten.

Das ist die große Gefahr. Es ist eine Sünde, wenn wir uns abgrenzen, ausgrenzen, in Schubladendenken verfallen und Moral und Ethik nur direkt auf uns persönlich und unseren persönlichen Kreis anwenden, in der Außenbeziehung jedoch vergessen. Je distanzierter und weniger persönlich unser Mitmensch, Geschäftspartner und Kunde empfunden wird, desto größer ist die Gefahr, Moral und Ethik außen vor zu lassen. Am konkretesten war dies im Geschäft mit strukturierten Wertpapieren zu spüren, wo Banken Risiken nur eingingen, weil sie diese anschließend an die Anonymität des Marktes weitergeben konnten.

In der Anonymität der heutigen Geschäftsbeziehungen ging die Ethik verloren?

Es wurde zu sehr nur noch danach gehandelt, was rechtens war. Was nicht verboten war und aufsichtsrechtlich formal machbar war, wurde in Produkte umgesetzt und verkauft. Solange man selbst die Risiken nicht in den Büchern halten musste, fehlte die Ethik, die in früheren Zeiten direkter, persönlicher Bankgeschäfte diesen Transaktionen einen Riegel vorgeschoben hätte.

Sie waren viele Jahre Vorstandsvorsitzender von HSBC, sind jetzt jedoch Verwaltungsratsvorsitzender. Haben die Aufsichtsräte versagt, als sie zu wenig auf Ethik im Bankgeschäft pochten?

In den Aufsichtsräten fehlte dieser Druck zur Genüge. Dies ist erstaunlich. Denn Ethik und Engagement für die Gemeinschaft sind Basis einer langfristig erfolgreichen Geschäftspolitik und Aktionärspolitik. Sie widersprechen ihr nicht.

Sie sagen bewusst "langfristig". Die Investoren drängen aber auf kurzfristigen Erfolg im Vergleich zur Konkurrenz?

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