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Im Gespräch: Sean Corrigan : „Die Renditen sind aberwitzig tief“

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Sean Corrigan, CIO von Diapason Commodities Bild:

Die Führer der 20 wichtigsten Wirtschaftsmächte versammeln sich in Toronto, um „globale Lösungen für globale Probleme“ zu finden. Sean Corrigan, Chefstratege von Diapason Commodities, erwartet nicht allzu viel. Als Anleger bleibt er sehr vorsichtig.

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          Die Führer der 20 führenden Wirtschaftsmächte haben sich in London versammelt, um „globale Lösungen für globale Probleme“ zu finden, wie es heißt. Kann daraus mehr werden als eine symbolische Geste?

          Sean Corrigan, Chefstratege von Diapason Commodities, ist skeptisch. Er glaubt nicht so richtig an die Rückkehr zu sauberen Bilanzen, Einstellung der Interventionen, Anstrengungen zur Bereinigung der eigenen Finanzen und die strikte Einhaltung der Rechtsstaatlichkeit. Als Anleger bleibt er sehr vorsichtig, da die wirtschaftliche Dynamik nachlässt.

          Deutschland ist wegen der angekündigten Sparpolitik Sündenbock der Welt. Selbst bekannte Strategen wie George Soros oder Ökonomen wie Paul Krugman lamentieren über die „Austeritätspolitik“, obwohl die Schulden hoch sind und rasant steigen? Was denken Sie darüber?

          Solche Argumente gehen wie selbstverständlich davon aus, es führte zu dramatischen Konsequenzen, wenn Regierungen jene Bereiche nicht stützten, die ohne Hilfe nicht überlebensfähig wären. Sie vergessen, dass Güter und Dienstleistungen, die von Kunden wirklich nachgefragt werden, früher oder später günstiger und zuverlässiger von privaten Unternehmen angeboten werden, als vom Staat oder von subventionierten Einheiten. Sie ignorieren ebenfalls, dass dem Privatsektor mehr zur Kapitalbildung in Wachstumsbranchen zur Verfügung steht, wenn der Staat weniger Schulden macht.

          Was heißt das konkret?

          Je geringer die Nachfrage des Staates nach Kapital ist, desto geringer sind die Finanzierungskosten für Unternehmen und Verbraucher. Und je größer die Budgetdisziplin ist, desto mehr Geld bleibt in den Taschen der Konsumenten. Sie können es eigenverantwortlich verwenden, statt sich nach Entscheidungen anonymer bürokratischer Apparate richten zu müssen. Wenn mehr Staat der Weg zur Prosperität wäre, wieso standen die Grenzposten all die Jahre früher nicht auf der westlichen Seite der Berliner Mauer?

          Inzwischen scheinen die Schuldner die „Guten“ und die Sparer die „Schlechten“ zu sein. Wie ist das möglich?

          Die Allgemeinheit wird zu stark beeinflusst vom Keynes' Theorien vom „Unterkonsum“ und ewigem Abschwung. Das sind dieselben Leute, die argumentieren, der zweite Weltkrieg habe auch sein Gutes gehabt, indem er die große wirtschaftliche Depression beendete, die jungen Leute von den Arbeitslosenlisten entfernte und eingebildete Überschüsse verschwinden ließ.

          Ganz unschuldig sind die Sparer jedoch nicht - oder?

          Nein, sie waren gezwungen, immer mehr Geld an ihre schlechtesten Kunden zu verleihen. Dafür kann man nicht nur tiefe Zinsen an sich verantwortlich machen. Sondern im Rahmen der Euroeinführung sind in Europa zwar die Wechselkursrisiken verschwunden, gleichzeitig jedoch haben sich die Gläubiger nicht mehr um die Kreditrisiken gekümmert. Statt zu zweistelligen Zinsen konnte sich die Peripherie plötzlich zu „geschenkten“ Konditionen refinanzieren.

          Viele sorgen sich über die europäische Schuldenkrise. Wo jedoch wird uns die amerikanische Schuldenspirale hinführen?

          Die Ironie der laufenden Attacken der Finanzmärkte auf Europa ist, dass die Finanzlage der Vereinigten Staaten genauso prekär ist wie in den so genannten „PIGS-Staaten“. Es stellt sich nur die Frage, wie lange es dauern wird, bis sich die bitteren Früchte der amerikanischen Wirtschafts- und Finanzpolitik zeigen werden. Die amerikanischen Politiker werden die ganzen Versprechen brechen müssen, die sie ihrem Volk so freigebig gegeben haben. Sei es durch drastische Reformen des Steuer- und Wohlfahrtsrechts, durch Nichtbedienung der Schulden oder durch nackte Inflation. Gerade im Sozialbereich ist die Dimension der eigentlich notwendigen Anpassung so gigantisch, dass sie die so gut wie ausgeschlossen werden kann.

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