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Im Gespräch: Richard Gibbs : „Der australische Häusermarkt wird weiter korrigieren“

  • Aktualisiert am

Richard Gibbs, Chefökonom der Macquarie Bank in Sydney Bild: Privat

Fallende Hauspeise in den Vereinigten Staaten führten zur Kreditkrise und schwächten die Konjunktur in den Vereinigten Staaten. In Australien zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab, so Richard Gibbs. Er ist Chefökonom der Macquarie Group.

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          Fallende Hauspeise in den Vereinigten Staaten führten zur Kreditkrise und schwächten die Konjunktur in den Vereinigten Staaten. In Australien zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab, wenn auch in weit weniger ausgeprägter Form.

          Denn Australien gleicht wirtschaftlich inzwischen aufgrund der starken Rohstofflastigkeit eher einem Schwellenland, als einem entwickelten Industriestaat, erklärt Richard Gibbs. Er ist Chefökonom der Macquarie Group, die ihren Hauptsitz im australischen Sydney hat.

          Wir sehen schwache Immobilienmärkte in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien, Irland, Spanien und in Teilen Frankreichs. Müssen wir auch in Australien mit einer ähnlichen Entwicklung rechnen?

          Ja, wir sehen längst entsprechende Anzeichen. Wir können im Moment eine zweite Abwärtsbewegung am australischen Häusermarkt beobachten, insbesondere an der Ostküste und im westlichen Perth. Die starken Preissteigerungen der Vergangenheit haben die Nachfrage abgewürgt und die Erschwinglichkeit deutlich gemindert. Weitere Gründe für die Korrektur lassen sich in Form steigenden Zinsen, der Unsicherheit an den internationalen Finanzmärkten und restriktiver werdenden Kreditvergaben finden. Ich gehe davon aus, dass die durchschnittlichen Hauspreise in Australien um mindestens weitere fünf Prozent fallen werden.

          Welche Folgen wird das haben für die australische Wirtschaft, die Banken, die Bauunternehmen et cetera?

          Das Umfeld für die Hausbauunternehmen ist grundsätzlich ziemlich schwierig. In Sydney selbst ist die Lage seltsam. Während wir im Nord- und Südwesten ausgeprägte Überbestände an unverkauften Häusern haben, übersteigt im Zentrum die Nachfrage das Angebot. Aus diesem Grund ist der Mietmarkt in diesem Bereich stark angespannt. Grundsätzlich gehen die Aktivitäten im Baubereich immer weiter zurück.

          Die Banken verzeichnen zunehmenden Druck auf ihre Kapitalbasis. Der Grund liegt weniger in den Insolvenzen. Sie stellen bisher kein größeres Problem dar. Allerdings läuft das Geschäft mit der so genannten Intermediation, also dem Verbriefung und dem Weiterverkauf von Krediten, nicht mehr rund. So stellt sich die Frage, welche Geschäftsmodelle künftig noch werden überleben können. Aus diesem Grund beobachten wir die Rückkehr der Kunden zu den herkömmlichen Banken, um ihre Hypotheken zu refinanzieren.

          Wie stark war und ist der Einfluss der Baubranche auf die Wirtschaftsentwicklung?

          Sie hatte in den vergangenen Jahren einen beträchtlichen Einfluss, da sie stark mit verschiedensten anderen Bereichen verflochten ist. Zum Beispiel mit Herstellern von Materialien. Der Multiplikator liegt bei 1,8 oder 1,9. Das heißt, jeder Dollar, der im Baubereich investiert wird, führt zu weiteren Einkünften von 1,8 beziehungsweise 1,9 Dollar in anderen Teilen der Gesamtwirtschaft. Das ist ein kraftvoller Multiplikator. Dreht er sich um, so wirkt er bremsend, zum Beispiel beim Einzelhandel in Gestalt von Möbeln, Haushalts- oder auch elektronischen Geräten.

          Was heißt das für die konjunkturelle Entwicklung?

          Wir gehen davon aus, dass sich die wirtschaftliche Dynamik in Australien abschwächen wird, aber wir werden nicht in eine Rezession abgleiten. Wir prognostizieren für das laufende Jahr ein reales Wachstum von 3,3 und für das Jahr 2009 eine Wachstumsrate von drei Prozent. Das Wachstum des Konsums dagegen wird von 3,6 im laufenden auf 2,8 Prozent im kommenden Jahr zurückgehen. Die australischen Konsumenten spüren die hohen Zinse und vor allem auch den hohen Ölpreis mangels Öffentlicher Verkehrsmittel und angesichts großer Distanzen.

          Wie sieht es aus mit der Preisentwicklung in Australien?

          Die Inflationsdaten für das zweite Quartal des laufenden Jahres werden in der kommenden Woche veröffentlicht werden - und die Vorzeichen sind nicht sonderlich gut. Gerade wurden entsprechende Daten in Neuseeland veröffentlicht, die ein guter Indikator sind. Sie deuten darauf hin, dass die australische Inflation im Quartal mehr als 1,25 Prozent betragen könnte. Ich rechne mit einer Jahresinflationsrate von mehr als 4,5 Prozent.

          Wird die Zentralbank daraufhin den Leitzins weiter erhöhen?

          Gerade wurde das Protokoll der jüngsten Sitzung des Zins entscheidenden Gremiums veröffentlicht. Danach scheint sie im Moment „glücklich“ zu sein mit dem aktuellen Leitzins von 7,25 Prozent, da sie mit einer Mäßigung der Preisentwicklung rechnet.

          Die Inflationserwartungen jedoch liegen bei 5,9 Prozent!

          Die Zentralbank scheint eher das Preissetzungsverhalten in der Wirtschaft sowie die Lohnentwicklung zu beobachten. Sollten die Löhne weiter steigen, wäre das sehr bedenklich.

          Rechnen Sie damit?

          Nein, denn wir erwarten eine Entspannung am Arbeitsmarkt in den kommenden sechs Monaten. Die Arbeitslosenrate muss nur wenig steigen, um die Arbeitnehmer bei Lohnforderungen vorsichtiger agieren zu lassen.

          Die Schwäche des Arbeitsmarkt wird vom Hausbau- und Konsumsektor ausgehen?

          Ja. Diese Branchen haben in den vergangenen Jahren aufgrund ihrer Arbeitsintensität den Arbeitsmarkt beflügelt - und nicht der Rohstoffsektor. Denn dieser ist kapital- und nicht arbeitsintensiv.

          Der australische Rohstoffsektor ist aufgrund der Exporte von Öl, Gas, Kohle und Erzen sehr stark. Werden wir auch in diesen Bereichen eine Abkühlung zu erwarten haben?

          Bisher gehen wir davon aus, dass die Nachfrage nach Rohstoffen anhalten wird. Denn China wird wirtschaftlich kaum gegen die Wand fahren. Auf der anderen Seite mindern jedoch die deutliche steigenden Kosten und der starke australische Dollar die Ertragsmargen der Unternehmen der Branche. Aus diesem Grund hat sich ihre Stimmung in den vergangenen Monaten eingetrübt.

          Wird der australische Dollar so stark bleiben?

          Vorerst wohl ja. Blickt man allerdings auf die Bewertung und auf die Entwicklung des Neuseeland-Dollars nach schwächeren Konjunkturdaten, so dürfte eine gewisse Abwertung kaum überraschen.

          Steigende Kosten und starker Dollar - wird diese Kombination die Wirtschaft nicht zusätzlich bremsen?

          Ja, sicherlich. Aber das Wachstumsprofil Australiens hat sich in den vergangenen Jahren zumindest nach Einschätzung des Notenbankgouverneurs Glenn Stevens geändert. Mit starken Infrastrukturinvestitionen, den Bautätigkeiten außerhalb des Häusermarktes und der starken Exportnachfrage nach Energie und Rohstoffen ähnelt es mehr dem der Schwellenländer, als dem der fortgeschrittenen Industriestaaten.

          Das klingt lustig - Australien als ein Schwellenland!

          Sicher. Australien befindet sich wahrscheinlich in der Mitte. Der „etablierte“ Teil verbucht die Folgen der Kreditkrise in Form von des fallenden Konsumentenvertrauens et cetera. Der „Schwellenländerteil“ dagegen kann starke, robuste Mittelzuflüsse aufgrund der Nachfrage nach Rohstoffen vereinnahmen - vergleichbar mit den Öl- und Gaseinnahmen im Nahen Osten, Südamerika und Osteuropa.

          Nehmen nicht auch die Risiken zu, sollten die Energie- und Rohstoffpreise korrigieren?

          Ja, sicherlich.

          Wird sich die „Freddi- & Fannie-Krise“ in Asien und Australien bemerkbar machen?

          Australische Banken haben unabhängig von der Zentralbank schon mehrfach die Hypothekenzinsen angehoben. Das deutet darauf hin, dass sie weithin unter einem gewissen Druck stehen auf Seite der Finanzierungskosten. Die australische Zentralbank sieht das offiziell zwar etwas entspannter. Grundsätzlich dürften die Ereignisse um Fannie Mae und Freddie Mac jedoch folgen haben, da die Kapitalkosten über alle Märkte hinweg weiter steigen könnten.

          Wie würden Sie sich als Anleger gegenwärtig positionieren?

          Angesichts der andauernden Unsicherheit tendiere ich zu einer starken Liquiditätshaltung. Ansonsten scheint sich der Rohstoffbereich weiterhin robust zu entwickeln. Grundsätzlich sind auch defensive Werte mit starken Cashflows interessant. Zum Beispiel Telekommunikationswerte. Einzelhandelsunternehmen dagegen würde ich meiden.

          Wie steht es mit den Anleihen und mit dem Dollar?

          Die Rentenpapiere sind vernünftig bewertet, den australischen Dollar würde ich verkaufen.

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