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Im Gespräch: Paul Woolley : „Der Finanzsektor blutet uns aus“

  • Aktualisiert am

Paul K. Woolley Bild: Privat

Die Treuhänder großer Vermögen werden vom Finanzsektor systematisch über den Tisch gezogen, erklärt Paul Wooley vom Paul Woolley Centre for the Study of Capital Market Dysfunctionality. Verhielten sie sich anders, änderte sich das Finanzsystem.

          Die Treuhänder großer Sozialvermögen, also der Pensionskassen, der Staatsfonds und verschiedenster Stiftungen, werden von den Akteuren im Finanzsektor systematisch über den Tisch gezogen, erklärt Paul Woolley vom
          Paul Woolley Centre for the Study of Capital Market Dysfunctionality. Wenn sie sich anders verhielten, änderte sich das Finanzsystem.

          Nach der Finanzkrise wurde viel über die Regulierung und die Verkleinerung der Banken geredet. Heute jedoch verhält sich der Finanzsektor wieder so, als ob es nie eine Krise gegeben hätte. Was denken Sie darüber?

          Märkte funktionieren in der Praxis nicht so, wie die meisten Akademiker in den vergangenen 50 Jahren erklärten, sie täten es. Die Kapitalmärkte stabilisieren sich nicht selbst, sie finden nicht den richtigen Preis und der Wettbewerb funktioniert im Finanzsektor nicht so wie in den Gütermärkten. Denn Konkurrenz schließt dort Überschussrenditen - oder besser: politische Renten - nicht aus.

          Ist das nicht problematisch?

          Ja natürlich ist das ein Problem, sogar ein massives. Der Finanzsektor befindet sich in der Lage, grenzenlos bis zu jenem Punkt wachsen zu können, an welchem er schließlich die Realwirtschaft völlig ausgeblutet hat. Die Entwicklung ist vergleichbar mit einem Krebsgeschwür, dessen Wachstum außer Kontrolle geraten ist.

          Das klingt extrem!

          Das mag sein, ist es aber nicht. Grundsätzlich sollte der Finanzsektor in der Wirtschaft wie ein Versorgungsunternehmen wirken. Seine Hauptfunktion bestünde darin, die Ersparnisse zu sammeln und in produktive Bereiche zu leiten. Damit lässt sich jedoch nicht vereinbaren, dass der Finanzsektor in der Welt in Bezug auf die erzielten Gewinne und die bezahlten Gehälter zur bedeutendsten Branche geworden ist. Das ist einfach nur aberwitzig.

          Wer ist für die Entwicklung verantwortlich?

          Schuld sind die Banker nur zum Teil; schuld sind vor allem die ganzen Akademiker mit ihrem unhaltbaren Gerede von effizienten Märkten. Sie haben zum Beispiel nie gefragt, wieso der Finanzsektor so groß geworden ist und ob die Gesellschaft mit der enormen Größe dieser Branche gut bedient ist. Die renommierten Wirtschaftsforschungsinstitute in Amerika und Europa haben in diesem Punkt versagt. Die Finanzunternehmen dagegen wurden immer schlauer darin, ihre einzigartige Stellung auszubeuten.

          Welche Rolle spielen Interessengruppen?

          Die Lobbyisten des Finanzsektors sorgen mit ihrem Einfluss auf Politiker vor allem in den Vereinigten Staaten und hier in Großbritannien dafür, dass die Regulierungen nur harmlos ausfallen und dass das Wachstumspotenzial und die Durchschlagskraft der Branche nicht behindert werden.

          Gingen die in den vergangenen Monaten beschlossenen Regulierungsschritte nicht weit genug?

          Es wird immer Widerstand gegen Regulierungsmaßnahmen und entsprechende Umgehungsversuche geben. Sobald man die großen Banken aber reguliert, werden die Schattenbankstrukturen stärker wachsen. Selbst die unterschiedlichen Regulierungsstandards in den Staaten werden gegeneinander ausgespielt. Banken wie Barclays und HSBC drohen in Großbritannien offen, im Extremfall die Zentralen ins Ausland zu verlegen, dort Steuern zu zahlen und mehr Leute zu beschäftigen. Der Finanzsektor diente Großbritannien etwa 150 Jahre lang als Goldesel, der die Defizite in der Handelsbilanz ausgeglichen hat. Deswegen ist selbst die Regierung zurückhaltend, wenn es um die Regulierung geht.

          Was lässt sich tun?

          Ich komme von einer ganz anderen Seite. Ich sage, die Treuhänder der großen sozialen Vermögen, also der Pensionskassen, der Staatsfonds und verschiedenster Stiftungen, werden von den Akteuren im Finanzsektor systematisch über den Tisch gezogen. Sie müssen ihre Methoden und Regeln ändern, nach welchen sie ihre Verträge aufsetzen und Aufträge an Banken, Fondsgesellschaften und Börsenmakler delegieren.

          Woraus leiten Sie das ab?

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