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Im Gespräch: Paul Woolley : „Der Finanzsektor blutet uns aus“

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In einem Manifest (Woolley/PDF) habe ich zusammengefasst, wie sich die Verwalter der großen Sozialvermögen am geschicktesten verhalten würden. Sie sollten sich beispielsweise bei der Geldanlage an langfristigen Dividendenrenditen orientieren und nicht auf kurzfristige Kurs- und Preisveränderungen spekulieren. Zweitens sollten sie nicht mehr als 30 Prozent ihrer Vermögen jährlich umschichten. Die meisten amerikanischen und britischen Portfoliomanager, an die Vermögensverwaltungsaufgaben delegiert wurden, haben Kapitalumschlagshäufigkeiten von mehr als 100 Prozent jährlich. Die damit verbundenen Kosten mindern nicht nur die Endrendite der Vermögen auf Sicht von 20 Jahren um mindestens 30 Prozent, sondern der enorme Kapitalumschlag trägt auch zur Erklärung von Kursblasen bei. Wenn die riesigen Sozialvermögen nicht ständig umgeschichtet würden, fiele ihre Rendite um mindestens zwei Prozentpunkte besser aus jährlich.

Werden sie ihr Verhalten ändern?

Ja, definitiv. Seit ich im vergangenen Jahr begonnen habe, meine Thesen zu veröffentlichen und zu präsentieren, rennen mir die Treuhänder der großen Sozialvermögen förmlich die Türe ein. Sie seien verzweifelt, erklären sie, weil die Renditen in den vergangenen Jahren so überaus bescheiden ausgefallen seien. Die Gründe dafür liegen in den immensen Gebühren, die die Finanzindustrie für ihre Dienste berechnet und in den von ihren Portfoliomanagern gewählten Anlagestrategien, die zur Entstehung der Krisen der vergangenen Jahre beigetragen haben.

Ich dachte immer, die Risikomanager und ihre Modelle würden das verhindern...

Wir können beweisen, dass die meisten Risikomodelle und Risikokennziffern, die von angestellten Fondsmanagern verwendet werden, auf einer Theorie basieren, die sich als nutzlos erwiesen hat. Die Theorie von effizienten Finanzmärkten ist ein Märchen. Letztlich müssen alle Risikomodelle überarbeitet werden.

Gibt es denn alternative Modelle?

Ja natürlich und sie sind recht einfach. Man darf bei der Berechnung von Risiken nicht von der Volatilität der Preise und Kurse ausgehen, sondern muss sich auf die Volatilität der zu Grunde liegenden Ertragsströme beziehen.

Rohstoffe werfen keine Erträge ab! Es sei denn, ihre Preise bewegten sich .. .

Ganz genau. Das ist auch der Grund, wieso Anleger damit über's Ohr gehauen werden und nicht in sie investierten sollten. Der Ertrag von Rohstoffanlagen war historisch betrachtet real meistens negativ.

Es gibt verschiedene Studien, die zeigen, dass Portfolioanleger die Preisstruktur im Rohstoffbereich nicht negativ beeinflussen. Was sagen sie dazu?

Man sollte immer erst schauen, wer solche Studien in Auftrag gegeben und sie bezahlt hat, bevor man mit den Gedanken spielen sollte, ihren Ergebnissen Glauben zu schenken.

Genügt es, wenn die Treuhänder großer Vermögen sich bei der Geldanlage anders verhalten, um die Verhältnisse an den Finanzmärkten zum Guten zu wenden oder ist auch Regulierung nötig?

Ich erhalte eine unheimlich positive Resonanz auf meine Analysen und Präsentationen. Mein Manifest ist ein positiver Ansatz, Veränderungen herbeizuführen und die Treuhänder dieser Riesenvermögen dazu zu animieren. Regulierung ist zwar unerlässlich, allerdings ist sie nicht ideal für alles. Gewisse Ziele ließen sich allerdings mit den richtigen Anreizen erreichen, etwa mit der Besteuerung zu häufiger Transaktionen.

Ist das nicht zu langfristig gedacht? Haben die Banken in der Zwischenzeit mit ihrem riskanten Verhalten nicht zu großen Schaden angerichtet?

Wenn wir den Status Quo beibehalten, wird sich der Kapitalismus selbst zerstören. Statt Auseinandersetzungen im Nahen Osten und Nordafrika werden wir Bürgerkriege im Westen haben, so ernst ist die Lage. Letztlich werden die Leute gegen die Banken auf die Barrikaden gehen, wenn die die Realwirtschaft weiterhin fertig machen.

Langfristig arbeiten wir daran, die Finanztheorie neu zu prägen und für Akzeptanz bei westlichen Akademikern zu sorgen. Kurzfristig werde ich demnächst ein Institut gründen, welches die Aufgabe haben wird, die Lobby der Finanzbranche zu kontern.

Was würde es für die Banken bedeuten, wenn die großen Sozialvermögen nach Ihren Kriterien investiert werden würden?

Ihr Geschäft ginge deutlich zurück. Sie würden gewissermaßen ausgehungert werden.

Verhaltensmanifest für Treuhänder großer Vermögen (Woolley/PDF)

1. Orientieren Sie sich bei der Geldanlage an langfristigen Dividendenströmen und nicht an Momentum basierten Strategien, die von kurzfristigen Preisschwankungen abhängen.

2. Begrenzen Sie den Umsatz in Ihrem Anlageportfolio auf maximal 30 Prozent jährlich.

3. Verstehen Sie, dass heute bei der Geldanlage Methoden angewandt werden um Ziele und Risiken zu definieren, die auf der Theorie effizienter Märkte basieren. Diese Theorie ist diskreditiert.

4. Nutzen Sie stabile und robuste Benchmarks bei der Erfolgsmessung des Fonds

5. Zahlen Sie keine Performanceprovision

6. Investieren Sie in keine Form alternativer Anlagen (Hedge-Fonds, Private Equity, Rohstoffanlagen)

7. Bestehen Sie darauf, dass Fondsmanager, an die sie die Verwaltung von Mitteln delegiert haben, ihre Strategien, Kosten, Verschuldungsgrade und Handelsaktivitäten vollkommen transparent machen.

8. Verbieten Sie den Kauf strukturierter, nicht an öffentlichen Börsen handelbarer oder synthetischer Finanzprodukte.

9. Arbeiten Sie mit anderen Aktionären und anderen maßgeblichen Personen zusammen, um jene Kosten offen zu legen, die bei Unternehmen, an denen Sie sich beteiligt haben, aufgrund von Bank- oder Finanztransaktionen anfallen.

10. Informieren Sie alle Anspruchsberechtigten, inwieweit Sie diesen Regeln folgen und lassen Sie die Prüfung jedes Fonds durch die Öffentlichkeit zu.

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