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Im Gespräch: Paul Woolley : „Der Finanzsektor blutet uns aus“

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Die überbordende Dimension des Finanzsektors lässt sich nicht nur an den enormen Gewinnen und gezahlten Gehältern ablesen, sondern auch an der obszönen Größe der Märkte derivativer Produkte, also der Futures-Märkte und der Volumina an strukturierten und OTC-Produkten. Die Größe der Branche ist in meinen Augen ein Indiz dafür, dass sie von Ineffizienzen profitiert und dass sie aus volkswirtschaftlicher Sicht fehlerbehaftet ist. Gemeinhin wird dagegen angenommen, Anleger würden diese Produkte nicht kaufen, wenn sie ihnen keinen Nutzen bringen würden.

Ist das nicht so?

Nein. Unserer Untersuchungen zeigen, dass es in den Märkten regelmäßig zu ausgeprägten Fehlbewertungen kommt. Sobald nun etwa ein Pensionsfonds eine Bank oder einen externen Fondsmanager engagiert, um die daraus resultierenden Risiken abzusichern, verkaufen die ihnen Produkte, die die Lage verschlimmern, statt sie zu verbessern. Denn ihre Transaktionen sorgen genau für die Volatilität, gegen die sich die Pensionsfonds eigentlich absichern wollten.

Wie soll ich das verstehen?

Die Theorie erklärt, in freien Märkten entsprächen die Vermögenspreise dem Barwert der in Zukunft erwarteten Einkommensströme. Wir sagen, das ist nur die halbe Wahrheit. Denn im Gegensatz zur Theorie spielen in der Praxis bei der Preisbestimmung an den Finanzmärkten auch Mittelflüsse eine wesentliche Rolle. Die Preisentwicklung wird zum Beispiel stark davon beeinflusst, wie viel Liquidität gerade in einen Vermögenswert investiert oder daraus abgezogen wird.

Können wir dieses Phänomen gerade an den Rohstoffmärkten beobachten, wo sehr, sehr viel Geld in recht kleine Märkte fließt?

Genau so ist es. Ich habe mit vielen Leuten in den verschiedensten Bereichen gesprochen. Sie erklärten, bis zum Jahr 2005 war die Performance der Rohstoffpreise zwar volatil, aber sie ließ sich im Kern durch die Entwicklung von Angebot und Nachfrage erklären. Dann setzte die Propaganda der Broker, Investmentbanken und Fondsmanager ein, die Verwalter der großen Vermögen mögen doch Geld in Rohstoffe investieren. Längst führt der immer aktiver werdende Handel zu immer größerer Volatilität. Fondsmanager pumpten etwa eine Billion Dollar an Liquidität in die Rohstoffmärkte, obwohl sie nicht einen Funken Interesse an den physischen Produkten haben. Für sie sind das lediglich neue Chips, die sie beim Momentum getriebenen Glücksspiel an den Finanzmärkten auf den Spieltisch werfen können.

… und - wo ist das Problem, wo ist die Verbindung zur Realwirtschaft, fragen viele naiv!

Die Geldwirtschaft hat schon immer versucht, den Eindruck zu erwecken, ihr Tun habe keinen Einfluss auf die Realwirtschaft. Die jüngste von ihr verursachte Krise jedoch hat das Gegenteil bewiesen. Immerhin haben die Volkswirtschaften der Vereinigten Staaten und Großbritanniens in ihrem Rahmen zwischen acht und zehn Prozent ihres Wohlstandes verloren und selbst heute noch nicht wieder das Gleichgewichtswachstum erreicht.

Fürchten Sie, das Platzen der Rohstoffpreisblase werde zur nächsten Krise führen?

Sie wird nicht gezwungener maßen der Auslöser sein. Aber wie nach der Technologieblase haben die Zentralbanken mit extrem tiefen Zinsen auf die jüngste Krise, die die Folge einer Schulden- und Immobilienpreisbubble war, reagiert. Auf diese Weise haben sie den Risikoappetit der Anleger beflügelt und indirekt die Preisblasen an den Rohstoff- und Rentenmärkten provoziert. Gleichzeitig ist der ineffiziente Finanzsektor unheimlich aufgebläht und instabil. Die Kombination unzeitgemäßer geldpolitischer Strategien wirkt zusammen mit dem fragilen Finanzsektor tödlich auf die wirtschaftliche Entwicklung und führt dazu, dass wir von Krise zu Blase, zur nächsten Krise ... und so weiter ... stolpern werden.

Was lässt sich dagegen tun?

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