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Im Gespräch: Nobelpreisträger Joseph Stiglitz : „Der amerikanische Staat ist schuld“

  • Aktualisiert am

Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz Bild: AFP

In turbulenten Tagen sind Experten wie Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz sehr gefragt, denn die Welt sehnt sich nach Erklärungen in Zeiten der Krise. Stiglitz erklärt, wo die wahren Schuldigen für das Finanzdesaster sitzen.

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          In diesen turbulenten Tagen sind Experten wie Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz sehr gefragt. Die Welt sehnt sich nach Erklärungen in Zeiten der Krise. Als wir Stiglitz in einem Hotel in San Francisco sprechen, eilt er minütlich ans Mobiltelefon, um andere Anfragen abzuwimmeln. Dann erklärt er uns, wo die wahren Schuldigen sitzen und warum Amerikas Kinder jetzt die Fehler von George W. Bush ausbaden müssen.

          Herr Stiglitz, erleben wir gerade den Anfang vom Ende der Wall Street?

          Es ist eher das Ende eines desaströsen Geschäftsmodells. Und das Ende der Ideologie, dass freie, deregulierte Märkte immer funktionieren. Sie funktionieren nur für einen Teil der Gesellschaft. Das Finanzsystem ist essentiell für das Funktionieren einer Wirtschaft. Nun erleben wir aber etwas ähnlich Umwälzendes wie die Große Depression in den 30er Jahren.

          Damals wurde die Idee begraben, dass sich Märkte selbst regulieren. Und die Regierung entschied sich, stärker einzugreifen. Wall Street wird wieder auferstehen. Die Frage ist nur, in welcher Form: als ein nicht funktionierendes System oder als etwas, das uns eine dynamischere Ökonomie beschert.

          Was bedeutet das alles für das System einer modernen, freien Marktwirtschaft?

          Wir hatten nie wirklich einen freien Kapitalismus. Ob Universitäten, Internet oder Biotechnologie, es gab stets Finanzhilfen durch die amerikanische Regierung. Die völlig freie Marktwirtschaft ist ein Mythos. Auch die Landwirtschaft bekommt Subventionen, ebenso gewähren wir vielen Unternehmen Steuererleichterungen.

          Jetzt sterben der amerikanischen Marktwirtschaft die Banken weg. Welche wird als nächstes fallen?

          Es ist noch zu früh, das zu sagen. Das sind Details, in denen wir Ökonomen nicht wirklich gut sind. Wir identifizieren eher große Trends und schauen nicht in einzelne Bankbilanzen. Es gibt aber eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass es bald wieder eine Bank trifft. Denn viele Hausbesitzer sind weiter hoch verschuldet, und die Immobilienpreise fallen immer noch.

          Wie beurteilen Sie die Krisenarbeit, etwa von Notenbank-Chef Bernanke?

          Der größte Teil der Schuld geht zurück auf das Missmanagement an Wall Street. Als Bernanke ins Amt kam, war die ökonomische Lage schon schlimm. Aber er hat auch keine resoluten Maßnahmen ergriffen. Seit er im Amt ist, hat sich alles noch verschlechtert. Hinzu kommt: Wenn eine Versicherung wie AIG so groß und wichtig ist, wie alle sagen, und nicht untergehen darf, dann sollte Bernanke das auch frühzeitig bemerkt haben. Er trägt also die Schuld dafür, nichts unternommen zu haben, seit es vor einem Jahr zur Krise kam. Aber: Wenn ein Unternehmen wie AIG mit seinen Problemen das ganze Finanzsystem bedrohen kann, dann kann das System nicht gesund und sicher sein.

          Wie bewerten Sie die Verstaatlichungswelle in Amerika?

          Das ist alles sehr bedenklich, denn die Lasten muss der Steuerzahler tragen. Wir reden hier über eine Gesamtsumme von mehr als 900 Milliarden Dollar. Kürzlich konnte Präsident Georg Bush nicht einmal einige Milliarden Dollar lockermachen, als es um Gelder für kranke Kinder ging, die keine Krankenversicherung haben. Ich frage mich: Was ist das für eine Gesellschaft, in der wir zwar 85 Milliarden Dollar für AIG haben, aber nicht für kranke Kinder? Das macht mich wütend.

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