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Im Gespräch: Michael Pettis, Wirtschaftsprofessor : „Wetten auf Chinas Exportwirtschaft sind riskant“

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Michael Pettis Bild: Privat

In China wuchs die Wirtschaft im dritten Quartal real um 8,9 Prozent. Die Kurse an den Börsen des Landes steigen schon seit Monaten. Michael Pettis aber bleibt skeptisch. Die Wirtschaft sei zu einseitig auf den Export ausgerichtet, erklärt er.

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          Nach schweren Kursverlusten im vergangenen Jahr sind die Aktienanleger in den vergangenen Monaten sehr optimistisch geworden. Sie legten sich immer mehr Aktien ins Depot. Konjunkturprogramme und extrem lockere Geldpolitiken würden die Wirtschaft aus der Krise bringen, lautet die allgemeine Devise. In diesem Umfeld wurde Unternehmens- und Konjunkturdaten bisher überaus positiv interpretiert und zu weiteren Zukäufen genutzt.

          Die Erwartungen richten sich unter anderem auf China. Das Land habe noch starkes Wachstumspotenzial, die Stimulationsprogramme seien groß und die Geldpolitik sei sehr expansiv, heißt es. Am Donnerstag wurde bekannt gegeben, dass das chinesische Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal im Vergleich mit dem Vorjahr real um 8,9 Prozent zugenommen hat. Und aus solchen Gründen könne kaum überraschen, dass die chinesischen Aktien stark zugelegt hätten. Der Shanghai Stock Exchange Composite Index hat seit Jahresbeginn in lokaler Währung immerhin knapp 71 Prozent zugelegt. Am Freitag ging es um 1,85 Prozent nach oben.

          Michael Pettis teilt diesen Optimismus nur bedingt. Der ehemalige Bondhändler und Professor an der Peking University verweist unter anderem auf die einseitige Ausrichtung der Wirtschaft auf den Export.

          Die chinesische Wirtschaft wuchs im dritten Quartal real um 8,9 Prozent. Ist diese Zahl realistisch?

          Den Produktions- und Handelszahlen kann man trauen, wie anderen statistischen Zahlen auch. Sie sehen vergleichsweise gut aus. Problematischer wird es bei Konsum- und Inflationszahlen sowie bei den Fragen, was zum Wachstum beigetragen hat und ob es nachhaltig ist.

          Was denken Sie?

          China ging mit Investitionsquoten in die Krise, die wahrscheinlich die höchsten der statistisch erfassten Geschichte waren. Schon damals ging die Sorge um, sie seien zu einem großen Teil fehlgeleitet, ineffizient und entsprechende Projekte nur aufgrund von massiven Subventionen überlebensfähig. Dazu zählt extrem billiges Geld, das von den Privathaushalten mangels vernünftiger Alternativen zur Verfügung gestellt wird. Die chinesischen Unternehmen können zwar starkes Wachstum und optisch schöne Gewinne zeigen. Allerdings gehen sie zu Lasten der Konsumenten. Das erklärt, wieso die Konsumquote zwar schnell zunimmt, aber weniger stark als man aus dem Wirtschaftswachstum ableiten könnte. Die staatlichen Anreizprogramme haben diese Problematik verstärkt. Möglicherweise zahlen die Konsumenten für massive Fehlinvestitionen einmal mehr in Form tiefer Zinsen, trägem Lohnwachstum und anderen direkten und indirekten Subventionen.

          Daten zeigen, dass die Gewinne chinesischer Industrieunternehmen im Vergleich mit dem vergangenen Jahr schon seit Monaten schrumpfen!

          Manche Ökonomen argumentieren, die Unternehmensgewinne hätten in den vergangenen Monaten zugenommen. Ich fürchte jedoch, dass zumindest die Staatsunternehmen nicht in der Lage sind, Gewinne in volkswirtschaftlichem Sinne zu erzielen. Was sie herstellen, ist weniger Wert, als das, was sie dafür aufwenden. Sie können jedoch Überschüsse ausweisen, weil sie subventioniert werden in Form tiefer Energie- und Immobilienpreise und insbesondere extrem tiefer Zinsen. Gewinne dieser Art sind das Resultat struktureller Änderung in der Subventionspraxis und nicht profitablen Wirtschaftens. Es ist ratsam, Unternehmenszahlen mit der notwendigen Skepsis zu betrachten.

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