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Im Gespräch: Michael Pettis : „Die chinesische Börse ist spekulativ“

  • Aktualisiert am

Michael Pettis Bild: Privat

In China steigen die Kurse an den Börsen deutlich. Michael Pettis aber bleibt skeptisch. Zwei Dinge treiben die Kurse an der chinesischen Börse, erklärt der Professor an der Peking University: Liquidität und erwartete Regierungseingriffe.

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          Nach schweren Kursverlusten ist an den Aktienmärkten in den vergangenen Wochen wieder ein gewisser Optimismus eingekehrt. Anleger legen sich Aktien ins Depot, da sie hoffen, Konjunkturprogramme und extrem lockere Geldpolitiken würden die Wirtschaft aus der Krise bringen.

          Die Erwartungen richten sich vor allem auch auf China. Das Land habe noch starkes Wachstumspotenzial, die angekündigten Stimulationsprogramme seien groß und die Geldpolitik sei sehr expansiv, heißt es. Aus diesem Grund könne kaum überraschen, dass die chinesischen Aktien stark nach oben liefen. Der Shanghai Stock Exchange Composite Index hat seit Jahresbeginn immerhin knapp 40 Prozent zugelegt.

          Michael Pettis teilt diesen Optimismus nicht. Der ehemalige Bondhändler und Professor an der Peking University fragt sich, ob Konjunkturprogramme und lockere Geldpolitiken der Weltwirtschaft tatsächlich etwas bringen werden. Zwei Dinge treiben die Kurse an der chinesischen Börse, erklärt er weiter: Liquidität und erwartete Regierungseingriffe.

          Chinaanleger sind in den vergangenen Wochen sehr optimistisch geworden. Sind sie das auch?

          Nein. Ich denke, es ist zwar natürlich, dass Anleger nach positiven Impulsen suchen. Aber es ist noch völlig offen, ob die jüngsten Kursgewinne an der chinesischen Börse gerechtfertigt sind. Tatsächlich haben wir in China bisher keine wirtschaftliche Erholung gesehen, sondern die schlechten Nachrichten sind lediglich spärlicher geworden. Manche argumentieren, das chinesische Stimulierungsprogramm zeige positive Wirkung. Viele der scheinbar positiven Faktoren sind aber auf Sondereffekte zurückzuführen. So wurden die jüngsten Autoverkaufszahlen durch vorgezogene Käufe staatlicher Stellen beeinflusst, die später dafür ausfallen werden.

          Ist das im Rohstoffsektor nicht anders?

          Im Stahl-, Aluminium- und Betonbereich wurden zwar in den vergangenen Wochen die Lagerbestände erhöht. Das beweist jedoch nicht, dass die Wirtschaft tatsächlich anziehen wird, sondern nur, dass man darauf hofft. Sollte die Konjunktur sich beleben, wäre das schön. Wenn nicht, müssen die hohen Lagerbestände erst wieder mühsam abgebaut werden. Ich selbst bin nicht sonderlich optimistisch.

          Wieso nicht?

          Mein Pessimismus ist im Kern zurückzuführen auf die Zahlungsbilanzverhältnisse. China produziert etwa sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes mehr als es konsumiert. Dieses „Geschäftsmodell“ funktionierte, so lange es einen Konsumenten gab, der die Differenz verlässlich aufnahm. In den vergangenen zehn Jahren war das der amerikanische Verbraucher. Nun sieht es allerdings so aus, als ob der durch einen Entschuldungsprozess gehen wird. Die amerikanische Konsumnachfrage wird voraussichtlich nur noch unterdurchschnittlich zunehmen.

          Mit welchen Konsequenzen?

          Amerikas Handelsbilanzdefizit wird rasch und deutlich zurückgehen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Überschüsse der Produktionsstaaten fallen müssen. Ich glaube nicht, dass die amerikanischen Nachfrageschwäche schon ihr Ende gefunden hat, sondern noch zwei oder drei Jahre andauern wird.

          Was heißt das für China?

          Die massive Zunahme der Kredite und die Fiskalprogramme sind in meinen Augen reine Wetten darauf, dass sich das globale Wachstum bis im kommenden Jahr erholt haben wird. Sollte das so sein - dann gut. Wenn nicht, stehen wird erneut von denselben Problemen wie heute, nur bei schwerwiegenderen Kreditproblemen im Bankensystem, bei höherer Staatsverschuldung und auf höheren Lagerbeständen.

          Welche Ziele haben Chinas Fiskalprogramme?

          Sie sollen dazu führen, dass die chinesische Binnennachfrage zunimmt. Mit Blick auf die Zahlungsbilanzverhältnisse braucht China jedoch eine zunehmende Nettonachfrage. Es ist jedoch nicht klar, ob die erreichbar ist. Viele Mittel fließen in Infrastrukturprojekte. Auf diese Weise werden zwar Arbeitsplätze geschaffen. Doch besteht die Gefahr, dass die Produktion schneller wächst als die Nachfrage.

          Mit Bezug auf die Binnennachfrage oder auf den Export?

          Entscheidend ist, ob handelbare Güter hergestellt werden oder nicht. Da der Dienstleistungssektor Chinas sehr klein ist, muss jedes Mal der Handelbilanzüberschuss gesteigert werden, sobald die Produktionskapazitäten schneller ausgebaut werden als die Binnennachfrage zunimmt. Das ist handelspolitisch problematisch und geht in Zeiten schrumpfender Handelsbilanzdefizite weltweit nur zu Lasten konkurrierender Exportstaaten. Es sieht so aus, als ob Chinas Handelsbilanzüberschuss in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres deutlich zugenommen hat, obwohl das Land große strategische Rohstoffkäufe vornahm.

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