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Im Gespräch: Konrad Hummler : „Das war die letzte Rettung“

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Konrad Hummler, geschäftsführender Teilhaber der Privatbank Wegelin & Co. Bild: Privat

Die Panik der Anleger hat Zentralbanken und Regierungen zu Rettungsaktionen gezwungen. Kurzfristig wirken sie beruhigend. Mittelfristig bergen sie das Risiko, eine neue Illusionswelle auszulösen, erklärt Konrad Hummler von Wegelin & Co.

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          Bankpleiten und massive Kursverluste an den Börsen hatten Anleger panisch werden lassen. Zentralbanken und Regierungen sahen sich zu Rettungsaktionen in Form von Zinssenkungen, Kapitalspritzen und Garantien gezwungen.

          Kurzfristig scheinen sie die Lage beruhigen zu können. Immerhin legten die Aktien in den vergangenen beiden Tagen deutlich zu. Mittelfristig bergen sie jedoch Risiken. Die Rettungsaktionen brächten neue, zweifelhafte Grundsätze ins Finanzsystem hinein. Und sollte der globale Aktionismus in der nächsten Illusionswelle münden, so hätten wir danach keinen ultimativen Garanten mehr, erklärt Konrad Hummler, geschäftsführender Teilhaber der Privatbank Wegelin & Co. in St. Gallen.

          Aufgrund der Kreditkrise laufen die Geschäfte Ihrer Privatbank wahrscheinlich gut im Moment?

          Ja sicherlich. Aber wenn alles so wackelt wie in den vergangenen Tagen, so gibt es doch die eine oder andere Sorgenfalte, denn man ist ja nicht alleine im Finanzsystem.

          Trotzdem - es ist ein Unterschied ob man eine Investmentbank im Haus hat oder ob man nur die Kundenvermögen verwaltet.

          Ganz so trivial ist das nicht. Tatsächlich hat man das eine oder andere strukturierte Produkt empfohlen. Auf diese Weise ist man von der Krise mitbetroffen, auch wenn man grundsätzlich alles richtig gemacht hat.

          Sind Ihre Kunden verunsichert?

          Bisher Gott sei dank nicht. Wir haben die Geschäftsbeziehungen mit Lehman Brothers rechtzeitig einschlafen lassen. Auf der anderen Seite gehörten Morgan Stanley und Barclays zu den Hauptkontrahenten bei strukturierten Produkten. Man wäre hier nicht sehr erfreut, nur noch eine Konkursdividende für die Kunden zu sehen.

          Wie verhält man sich in so einer Situation?

          Viel kann man nicht mehr machen. Die Produkte werden so illiquide, dass man sie sowieso nicht mehr los wird. Es ist bitter zu sehen, was alles illiquide geworden ist. Die ungefährlichsten Papiere waren die gefährlichsten. Zum Beispiel Pfandbriefe. Der einzige Markt, der bis zuletzt immer funktionierte, das war die Aktienbörse.

          Was führte zur Finanzkrise?

          Die Illusion der Sicherheit hat zu Übertreibungen geführt und diese Illusion ist nun zerstört worden - das ist der Kern der Krise.

          Wie kam es zur Illusion?

          Sie begann in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Damals erklärte man, es dürfte nie wieder dazu kommen, dass das Bankensystem zu einer Bedrohung für die Realwirtschaft werde. Im weiteren Anlauf der Geschichte hat man das Bankensystem immer weiter perfektioniert, bis die amerikanische Notenbank im Jahr 1987 zum ersten Mal, im Jahr 1991 zum zweiten Mal, 1998 zum dritten Mal und im Jahr 2001 zum vierten Mal in Folge die Märkte mit Zinssenkungen und Ähnlichem beruhigte und auf diese Weise erklärt hat: Euch Anlegern passiert nichts. Spätestens ab dem Jahr 2001 hat es die Welt geglaubt.

          Mit welchen Folgen?

          Nach 09/11 sind die Risikoprämien im Interbankengeschäft praktisch auf Null gesunken. Die Banken hatten keine Probleme, sich kurzfristig sehr günstig zu refinanzieren - und sie machten die klassischen Fehler. Schließlich kam es zu einer Verschuldungsspirale: Banken wie die UBS haben von 2003 bis 2006 die Bilanzsumme verdoppelt. Das hat zu einer klassischen Fehlallokation volkswirtschaftlicher Ressourcen geführt. Das Finanzsystem ist viel zu groß und müsste weiter angepasst werden.

          Sind die Rettungsmaßnahmen der Zentralbanken, indem sie die Geldmärkte fluten, und die Garantien der Regierungen nicht gerade die Fortsetzung dieser fatalen Politik?

          Kurzfristig sind wir froh, denn wir haben noch einmal überlebt. Aus diesem Grund stiegen dir Kurse an den Börsen am Montag und Dienstag so deutlich.

          Mittelfristig jedoch ist es aufgrund der Teilverstaatlichungen eine Verschiebung der Überkapazitäten in den öffentlichen Bereich hinein. Die Frage ist, was dort mit ihnen geschieht. Das Schlimmste was passieren könnte ist, dass wir in drei bis fünf Jahren statt zwei Fannie Mae und Freddie Mac dann 20 oder 30 von ihnen hätten. Fannie Mae und Freddie Mac waren und sind halbkriminelle Organisationen und haben wesentlich zur Überschuldung im amerikanischen Hypothekargeschäft und damit zur Krise beigetragen.

          Das heißt, sie misstrauen den „Rettungsaktionen“?

          Den Rettungsaktionen nicht, aber ihrer langfristigen Wirkung. Sie bringen neue, zweifelhafte Grundsätze ins Finanzsystem hinein. Alleine schon wenn man schaut, mit welcher Leichtigkeit per Dekret hergebrachte Buchführungsstandards ausgehebelt werden. Es ist ein Aktivismus am Werk, der die Voraussehbarkeit des staatlichen und wirtschaftlichen Handelns sehr erschwert.

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