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Im Gespräch: Joachim von Braun : „Viele können sich eine gesunde Ernährung nicht mehr leisten“

  • Aktualisiert am

Joachim von Braun, IFPRI Bild: Privat

Steigende Agrarpreise sorgen für Schlagzeilen. Von Krise ist gar die Rede. Der Agrarökonom Joachim von Braun, Generaldirektor des International Food Policy Research Institute in Washington D.C., ordnet im Folgenden die Fakten.

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          Die Preisentwicklung von landwirtschaftlichen Produkten sorgte in den vergangenen Wochen und Monaten für Schlagzeilen. Von Nahrungsmittelknappheit oder gar -krise war und ist sogar die Rede.

          Schlagzeilen lassen sich rasch prägen. Ob sie auch die Fakten wiedergeben, ist eine andere Frage. Das folgende Interview mit Joachim von Braun versucht Antworten zu geben. Der Agrarökonom von Braun ist Generaldirektor des International Food Policy Research Institute in Washington D.C. und beschäftigt sich schon seit Jahren intensiv mit der Materie.

          Er sieht die Agrarpreise getrieben von zunehmender Nachfrage in Verbindung mit einer schwachen Angebotsreaktion. Längerfristig gebe es noch Produktionspotentiale, die sich nutzen ließen. Die interessantesten fänden sich vor allem in Afrika.

          Die Preisentwicklung bei Agrargütern sorgte in jüngster Zeit für Furore. Es war und ist die Rede von Nahrungsmittelkrise und von Knappheit. Ist es wirklich eine?

          Aus der Sicht armer Leute ist es eindeutig eine Krise und eine Knappheit. Immerhin ist der Preis für Reis inzwischen um ein Mehrfaches gestiegen, der Weizenpreis liegt selbst nach der jüngsten Korrektur rund 60 Prozent über dem Vorjahr und der von Mais rund 65 Prozent. Menschen die von Löhnen abhängig sind und die einen Dollar am Tag verdienen können sich eine gesunde Ernährung nicht mehr leisten. Von diesen Menschen gibt es weltweit rund eine Milliarde.

          Die Preise sind innerhalb kurzer Zeit sehr stark gestiegen. Worauf lässt sich das zurückführen?

          Hauptfaktor eins ist starkes Wirtschaftswachstum in Asien - und darüber freuen wir uns. Nummer zwei ist der hohe Ölpreis, der die Kosten der Landwirtschaft und die Produktion von Bioenergie getrieben hat. Das sind die Nachfragefaktoren. Auf der Produktionsseite liegt die Ursache in der Vernachlässigung der Investitionen im Agrarsektor. So trifft eine starke Nachfrage auf eine schwache Angebotsreaktion und daraus hat sich die Preisreaktion ergeben.

          Sie sprachen die geringen Investitionen an. Gilt das Argument für alle Regionen?

          Die trendmäßig gesunkenen Agrarpreise über die vergangenen Jahrzehnte haben dazu geführt, dass private Anleger weltweit keinen Anreiz sahen, in die Rohstoffproduktion zu investieren. Auch staatliche Investitionen und die Programme der internationalen Entwicklungsbanken sind in den vergangenen Jahren stark zurückgeschraubt worden. Aus dieser Konstellation haben sich immer geringere Produktivitätszuwächse ergeben - und die haben uns nun eingeholt.

          Ist aufgrund der nun hohen Preise die Umkehr dieses Trends zu erwarten und gibt es überhaupt noch Potentiale, die man heben kann?

          Ja, aber nicht auf die Schnelle. Vorangeschritten sind China und Indien durch ihre massiven Ausweitungen von öffentlichen Investitionen von 20 beziehungsweise 30 Prozent in diesem Jahr in ihren Haushalten. Die Weltbank hat nach langem Abwärtstrend im vergangenen und im laufenden Jahr auch wieder mehr in den Agrarsektor investiert. Ebenso hat die asiatische Entwicklungsbank neue Pogramme aufgelegt. Der private Sektor investiert ebenfalls. Und wenn man mit Bauern in Äthiopien, Bangladesch oder sonst wo spricht, so besteht eine Bereitschaft zum Investieren auch ganz unten und ganz klein. Aber sie läuft in Schwierigkeiten wegen mangelhafter ländlicher Finanzierungs- und Bankensysteme. Alleine aus ihren Ersparnissen können die Kleinbauern der Welt, die nun reagieren wollen und müssen, das nicht schultern.

          Ist es nicht so, dass aufgrund der hohen Nahrungsmittelpreise die Bereitschaft der Banken zunimmt oder zunehmen sollte, für solche Investitionen Kredite zu geben?

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