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Im Gespräch: Finanzmarktexperte Barry Eichengreen : „Verschlafene Regulatoren hielten die Banker nicht im Zaum“

  • Aktualisiert am

Barry Eichengreen, University of California Bild: B. Eichengreen

Der Weltfinanzgipfel soll für eine neue Finanzarchitektur sorgen. Barry Eichengreen von der University of California plädiert für die Schaffung einer Welt-Finanz-Organisation, die nationale Regulatoren internationalen Regeln unterwerfe.

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          Am Freitagabend beginnt in Washington der Weltfinanzgipfel. Auf dem Treffen soll der Weg in eine neue Finanzarchitektur abgesteckt werden. Die Erwartungen sind hoch, doch die Vorstellungen so unterschiedlich, dass das Treffen kaum konkrete Ergebnisse erzielen wird.

          Professor Barry Eichengreen von der University of California in Berkeley geht davon aus, dass konkrete Maßnahmen gegen die aktuelle Krise koordiniert werden können. In Analogie zur Welt-Handels-Organisation plädiert er ferner für die Stärkung der Internationalen Währungsfonds sowie für die Schaffung einer Welt-Finanz-Organisation. Diese könne die Arbeit nationaler Regulatoren internationalen Regeln unterwerfen und so verhindern, dass die Entstehung weiterer Krisen verschlafen werden.

          Am Wochenende treffen sich führende Persönlichkeiten der G-20-Staaten um über eine neue Finanzarchitektur zu beraten. Was erwarten Sie von diesem Treffen?

          Wir können zunächst einige bedeutende, aber inhaltlich vage Erklärungen erwarten. Ich hoffe, dass es der Beginn eines Prozesses sein wird, in dessen Rahmen sich die 20 Staaten in den kommenden Monaten regelmäßig treffen werden, um in Bezug auf die auf der Agenda stehenden Punkte Fortschritte zu erzielen.

          In welche Richtung sollte sich dieser Prozess entwickeln und was sollte am Ende stehen?

          Es geht zunächst darum, direkt gegen die laufende Krise durch koordinierte Maßnahmen vorzugehen. Die Kreditmärkte müssen weiter „aufgetaut“ werden, die Banken brauchen mehr Eigenkapital und die Volkswirtschaften sollten monetär und fiskalpolitisch stimuliert werden. Wenn ein Land seine Wirtschaft anregt oder das Wachstum der Verschuldung eindämmt, so profitieren auch die umliegenden Staaten davon. Das spricht für eine Kooperation. Langfristig geht es um die Verbesserung des Finanzsystems. Zuerst sollten die Institutionen gestärkt werden, die schon vorhanden sind. Also der Internationale Währungsfonds und die Eigenkapitalvorschriften nach Basel II. Schließlich sollte man aber auch über neue Gebilde nachdenken.

          Über welchen Zeithorizont reden Sie?

          Ich möchte betonen, dass es eine Weile dauern wird, bis alleine nur die bestehenden Institutionen gestärkt werden können. Immerhin waren zwei Jahre nötig, um den Internationalen Währungsfond auch nur in bescheidener, beschränkter Form zu reformieren. Zehn Jahre waren nötig, um Basel I durch Basel II zu ersetzen. Die Schaffung neuer Institutionen benötigte noch mehr Zeit. Es ist daher eine Illusion, entscheidende Änderungen schon am Wochenende zu erwarten.

          Wie kann man den Internationalen Währungsfonds stärken?

          … in erster Linie, indem man ihm mehr „Feuerkraft“ in Form von Finanzmitteln zur Verfügung stellt. Im Moment kann er über 250 Milliarden Dollar verfügen. Und das ist ein Taschengeld im Vergleich zur Größe der Finanzmärkte, mit der man es zu tun hat. Man kann den Währungsform nicht zur Feuerwehr machen, die kein Wasser hat.

          Wo soll das Geld herkommen?

          Es gibt einige Ideen. Die schnellste und pragmatischste Lösung wäre die, bei welcher Staaten wie Japan, China und andere ihre riesigen Dollarreserven dem Internationalen Währungsfonds zur Verfügung stellen würden. Im Gegenzug sollte man die G7-Staaten reformieren. Im 21sten Jahrhundert müssten die Vereinigten Staaten, die Europäische Union, Japan, China, Brasilien, Südafrika und Saudi Arabien zu den G7-Mitgliedern gehören.

          Welche neuen Institutionen sollten geschaffen werden?

          Die wichtigste Frage ist, wie man das Finanzsystems besser als bisher überwachen und regulieren kann und wie man effizienter kooperiert. In Europa wird über ein Kollegium der Aufsichtsorgane nachgedacht. Ich sage, ich arbeite an einem College - und da wird viel geredet und wenig entschieden. Diese Lösung scheint nicht effizient genug zu sein. Meine Idee wäre die Schaffung einer Welt-Finanzorganisation (WFO) in Analogie zur Welthandelsorganisation (WTO). Jedes Land macht eine eigene Handelspolitik, unterwirft sich dabei jedoch den gemeinsamen Regeln des WTO, die von einem unabhängigen Gremium überwacht werden. Wieso sollte das im Finanzbereich nicht auch funktionieren?

          Um welche Parameter geht es konkret?

          Es geht um Kapital-Adäquanz und um die Liquiditätsreserven der Banken. Werden sie umsichtig geführt, sind ihre Portfolios zu stark konzentriert auf risikoreiche Positionen wie Hypothekarpapiere und CDOs und so weiter. Ich denke, die Kreditkrise lässt sich in erster Linie auf den Risikoappetit und die Unvernunft von Bankern und anderen Finanzmarktteilnehmern zurückführen, die von verschlafenen Regulatoren nicht genügend in Zaum gehalten wurden.

          Im Gegensatz zu Personen wie Nicolas Sarkozy oder Joseph Stiglitz glaube ich nicht, dass ein globaler Regulator geschaffen werden kann. Dagegen werden die Staaten bereit sein, einer WFO beizutreten, in deren Rahmen sie ihre eigenen Regeln finden können. Die Schaffung einer WFO ist ein realistischer Kompromiss zwischen der unhaltbaren Realität und der Illusion, eine globale Aufsichtsbehörde schaffen zu können.

          Siehe auch: What G20 leaders must do to stabilise our economy and fix the financial system (pdf)

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