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Im Gespräch: Eric Fishwick, CLSA : „Wachstumsschock aus den Schwellenländern“

  • Aktualisiert am

Eric Fishwick, Chefökonom von CLSA in Hongkong Bild: Privat

Der nächste Wachstumsschock wird aus den Schwellenländern kommen, erklärt Eric Fishwick, Chefökonom von CLSA in Hongkong. Die wirtschaftliche Entwicklung in Asien werde sehr zyklisch ausfallen, sobald man die Exportnachfrage wegnehme.

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          Die Anleger starten optimistisch in das Jahr 2009. Sie hoffen darauf, dass gewaltige geld- und fiskalpolitische Impulse die Kredit- und Wirtschaftskrise überflügeln und zu einer positiven Entwicklung führen.

          Eine wichtige Rolle bei diesen Erwartungen spielen die Schwellenländer. Ihre Wachstumsaussichten seien gut, vor allem in Asien, heißt es gemeinhin. „Der nächste Wachstumsschock wird aus den Schwellenländern kommen,“ erklärt dagegen Eric Fishwick, Chefökonom des unabhängigen Research- und Brokeragehauses CLSA in Hongkong. Die wirtschaftliche Entwicklung in Asien werde sehr zyklisch ausfallen, sobald man die Exportnachfrage wegnehme.

          Die chinesischen Börsen erholen sich von ihren Tiefs. Der Shanghai Stock Exchange Composite Index hat alleine in den vergangenen beiden Tagen jeweils drei Prozent zugelegt. Würden Sie jetzt chinesische Aktien kaufen?

          Ich denke, China ist ein extremes Beispiel dafür, was gerade auch an anderen Börsen zu beobachten ist: Die optimistische Überschätzung der Wirkung geld- und fiskalpolitischer Eingriffe zur Stabilisierung der wirtschaftlichen Entwicklung. Dabei laufen zyklische Indikatoren weltweit weiter nach unten. Manche befinden sich auf dem tiefsten Stand seit Jahrzehnten. Das Aktienjahr 2009 wird in unseren Augen zwar nicht so schlecht werden wie das vergangene. Wir fragen uns allerdings weniger, wie die politischen Eingriffe wirken, sondern wieso sie nötig sind. Aus ökonomischer Sicht wird das laufende Jahr zweifellos schwach werden.

          Bild: CLSA

          Wie würden Sie die wirtschaftliche Lage in Asien im allgemeinen und in China im speziellen beschreiben?

          Nach den Daten des vergangenen Quartals müssen wir erkennen, wie stark das Wachstum Asiens und vor allem auch Chinas von der Nachfrage aus den entwickelten Staaten abhängig ist. Wir verfolgen einen eigenen Einkaufsmanagerindex. Der zeigte längst schon Schwächezeichen, als der chinesische Exportsektor sich noch in guter Verfassung befand. Im vergangenen Quartal ist er eingebrochen.

          Was heißt das?

          Der dramatische Rückgang asiatischer und vor allem auch chinesischer Exporte aufgrund der schwachen Nachfrage aus den Vereinigten Staaten und im Rahmen der relativen Euroschwäche in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres auch in Europa hat das Wirtschaftswachstum in China und in anderen Ländern Asiens deutlich gebremst. Wir haben im Moment keine sichere Erwartung, wie die Wachstumszahlen im vierten Quartal des vergangnen Jahres tatsächlich ausfallen werden. Sie werden aber mit Sicherheit schwächer als im dritten Quartal aussehen und sehr viel schwächer als in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres.

          Welche Faktoren sind dafür verantwortlich?

          Erstens hat sich der Rückgang der zuvor schon schwächelenden Konsumausgaben in den Vereinigten Staaten im September und Oktober intensiviert. Asiens Absatzkanäle sind jedoch sehr stark auf diesem Bereich ausgerichtet. Zweitens haben wir sehr starke Währungsbewegungen gesehen. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres zeigten sich neben dem Euro viele andere Währungen vergleichsweise schwach gegen den Dollar und damit auch gegen den Yuan. Das hat die Kaufkraft der Konsumenten in diesen Staaten geschmälert. Drittens ist die internationale Handelsfinanzierung zusammengebrochen. Gründe dafür waren das zunehmende Gegenparteienrisiko, nachdem verschiedene Handelsketten in den Vereinigten Staaten und Großbritannien untergegangen sind und der Zusammenbruch des Interbankenmarktes.

          Auf der Importseite spielt der Verfall der Rohstoffpreise eine Rolle. Sie führten dazu, dass Abnehmer - das ist typisch für Asien - nach juristischen Löchern in den Verträgen suchten, um bei tieferen Preisen direkt am Markt einzukaufen, statt teurere Terminkontrakte zu erfüllen.

          Sind das nicht etwa temporäre Phänomene, die rasch wieder vorbeigehen?

          Abgesehen von den Streitereien um die Erfüllung von Rohstoffkontrakten denke ich nicht, dass es sich um temporäre Entwicklungen handelt. Die starken Rückgänge bei den Im- und Exportaktivitäten in Asien der vergangenen Monate mögen sich zwar nicht wiederholen. Allerdings bleibt der weitere Ausblick schwach.

          Es gab und gibt Argumente, die zunehmende Binnennachfrage in China könne die Schwäche im Exportbereich ausgleichen.

          Ich glaube das nicht. Denn der Konsumsektor ist in den meisten asiatischen Staaten rein quantitativ nicht groß genug, um auch nur annähern ausgleichend wirken zu können. Abgesehen davon ist die Stimmung unter den Konsumenten schlecht, die Konsumindikatoren geben in beinahe ganz Asien rasch und deutlich nach, die realen Lohnzuwächse waren in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres negativ und die nominalen Lohnzuwächse werden künftig schmal ausfallen. Sobald im Produktionsbereich die Auftragseingänge schwächeln und die Auslastung zurückgeht werden die Löhne sogar fallen und die Arbeitslosigkeit wird zunehmen.

          Asien ist also im Kern immer noch eine exportgetriebene Region?

          Ja, auf jeden Fall. In der ersten Hälfte des vergangenen Jahres konnte die amerikanische Nachfrageschwäche zwar noch von anderen Regionen - Europa und Rohstoffstaaten - ausgeglichen werden. Aus diesem Grund sahen die Wachstumsraten noch vergleichsweise robust aus. Der starke Exportrückgang in der zweiten Hälfte wird die asiatischen Staaten jedoch hart treffen.

          Lässt sich diese Aussage konkretisieren?

          Das ist nicht einfach. Blickt man jedoch auf Singapur, den Staat, der in der Region am stärksten vom internationalen Handel abhängig ist und der als einziger Wachstumszahlen für das vierte Quartal veröffentlicht hat, so war das Ergebnis erschreckend: Minus 12,5 Prozent Wachstum in Quartalsvergleich auf annualisierter Basis.

          Das hört sich dramatisch an!

          Das ist der nächste große Wachstumsschreck. Die schwache Nachfrage in den industrialisierten Staaten trifft die Schwellenländer stärker als sie selbst. In Asien war es einfach, bei starker Nachfrage aus dem Ausland im Produktionsbereich bei hoher Kapazitätsauslastung Gewinne zu erzielen, die Produktivität zu steigern, zu investieren und über steigende Löhne den Binnenkonsum zu beflügeln. Alles das verdreht sich jedoch ins Gegenteil, sobald die Auftragsbücher dünner werden. In den Rohstoffstaaten sieht die Entwicklung noch dramatischer aus. Dort sind die Exporterlöse in den vergangenen Monaten um zwei Drittel gefallen.

          Manche Rohstoffpreise haben sich doch in den vergangenen Tagen etwas erholt …

          … ja, aber nur vergleichsweise wenig im Vergleich zum Niveau, welches sie einmal erreicht hatten. Ich gehe von aus, dass die Preiserholung nur kurzlebig sein wird.

          Was bedeutet das für die Finanzmärkte?

          Viele werden überrascht sein, wie zyklisch die wirtschaftliche Entwicklung in Asien ausfallen wird, sobald man die Exportnachfrage wegnimmt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Revision der Wachstumserwartungen in den Schwellenländern die Rohstoffpreise nicht noch weiter nach unten bringen wird.

          Die Hoffungen der Anleger richten sich auf das chinesische Konjunkturprogramm. Wird es Chinas Wirtschaft nicht stabilisieren können?

          Ich denke nicht, dass man den Abschwung verhindern kann. Aber in der zweiten Jahreshälfte können Infrastrukturausgaben die Entwicklung möglicherweise stabilisieren und vielleicht zu leicht positiver Dynamik führen. Allerdings auf deutlich tieferem Niveau als bisher. Ich prognostiziere ein Wachstum von 5,5 Prozent. Selbst wer optimistischer ist, wird nicht behaupten wollen, dass das genügt, um negativen Folgen der Nachfrageausfälle aus Nord- und Lateinamerika, Europa und Russland für Asien ausgleichen zu können. Infrastrukturinvestitionen in China wirken primär im Binnenmarkt. Sie haben einen sehr geringen Importanteil. Rohstoffstaaten wie Indonesien, Malaysia und Australien werden höchstens am Rande davon profitieren.

          Kann die Wirtschaftsschwäche in China zu sozialen Unruhen führen?

          China hat eine der denkbar flexibelsten Arbeitnehmerschaften überhaupt. Ich glaube nicht, dass sich in chinesischen Ballungszentren bei zunehmender Arbeitslosigkeit ähnliche Mengen an Unzufriedenen bilden werden, wie sie zum Beispiel in Indonesien zu beobachten sind. Die „Völkerwanderung“ vom Land in die Stadt scheint schon abgeebbt zu sein. Eine weitere Einschränkung der persönlichen Bewegungs- und Informationsfreiheiten würde mich zudem kaum verwundern.

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