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Im Gespräch: Eric Fishwick, CLSA : „Wachstumsschock aus den Schwellenländern“

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Es gab und gibt Argumente, die zunehmende Binnennachfrage in China könne die Schwäche im Exportbereich ausgleichen.

Ich glaube das nicht. Denn der Konsumsektor ist in den meisten asiatischen Staaten rein quantitativ nicht groß genug, um auch nur annähern ausgleichend wirken zu können. Abgesehen davon ist die Stimmung unter den Konsumenten schlecht, die Konsumindikatoren geben in beinahe ganz Asien rasch und deutlich nach, die realen Lohnzuwächse waren in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres negativ und die nominalen Lohnzuwächse werden künftig schmal ausfallen. Sobald im Produktionsbereich die Auftragseingänge schwächeln und die Auslastung zurückgeht werden die Löhne sogar fallen und die Arbeitslosigkeit wird zunehmen.

Asien ist also im Kern immer noch eine exportgetriebene Region?

Ja, auf jeden Fall. In der ersten Hälfte des vergangenen Jahres konnte die amerikanische Nachfrageschwäche zwar noch von anderen Regionen - Europa und Rohstoffstaaten - ausgeglichen werden. Aus diesem Grund sahen die Wachstumsraten noch vergleichsweise robust aus. Der starke Exportrückgang in der zweiten Hälfte wird die asiatischen Staaten jedoch hart treffen.

Lässt sich diese Aussage konkretisieren?

Das ist nicht einfach. Blickt man jedoch auf Singapur, den Staat, der in der Region am stärksten vom internationalen Handel abhängig ist und der als einziger Wachstumszahlen für das vierte Quartal veröffentlicht hat, so war das Ergebnis erschreckend: Minus 12,5 Prozent Wachstum in Quartalsvergleich auf annualisierter Basis.

Das hört sich dramatisch an!

Das ist der nächste große Wachstumsschreck. Die schwache Nachfrage in den industrialisierten Staaten trifft die Schwellenländer stärker als sie selbst. In Asien war es einfach, bei starker Nachfrage aus dem Ausland im Produktionsbereich bei hoher Kapazitätsauslastung Gewinne zu erzielen, die Produktivität zu steigern, zu investieren und über steigende Löhne den Binnenkonsum zu beflügeln. Alles das verdreht sich jedoch ins Gegenteil, sobald die Auftragsbücher dünner werden. In den Rohstoffstaaten sieht die Entwicklung noch dramatischer aus. Dort sind die Exporterlöse in den vergangenen Monaten um zwei Drittel gefallen.

Manche Rohstoffpreise haben sich doch in den vergangenen Tagen etwas erholt …

… ja, aber nur vergleichsweise wenig im Vergleich zum Niveau, welches sie einmal erreicht hatten. Ich gehe von aus, dass die Preiserholung nur kurzlebig sein wird.

Was bedeutet das für die Finanzmärkte?

Viele werden überrascht sein, wie zyklisch die wirtschaftliche Entwicklung in Asien ausfallen wird, sobald man die Exportnachfrage wegnimmt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Revision der Wachstumserwartungen in den Schwellenländern die Rohstoffpreise nicht noch weiter nach unten bringen wird.

Die Hoffungen der Anleger richten sich auf das chinesische Konjunkturprogramm. Wird es Chinas Wirtschaft nicht stabilisieren können?

Ich denke nicht, dass man den Abschwung verhindern kann. Aber in der zweiten Jahreshälfte können Infrastrukturausgaben die Entwicklung möglicherweise stabilisieren und vielleicht zu leicht positiver Dynamik führen. Allerdings auf deutlich tieferem Niveau als bisher. Ich prognostiziere ein Wachstum von 5,5 Prozent. Selbst wer optimistischer ist, wird nicht behaupten wollen, dass das genügt, um negativen Folgen der Nachfrageausfälle aus Nord- und Lateinamerika, Europa und Russland für Asien ausgleichen zu können. Infrastrukturinvestitionen in China wirken primär im Binnenmarkt. Sie haben einen sehr geringen Importanteil. Rohstoffstaaten wie Indonesien, Malaysia und Australien werden höchstens am Rande davon profitieren.

Kann die Wirtschaftsschwäche in China zu sozialen Unruhen führen?

China hat eine der denkbar flexibelsten Arbeitnehmerschaften überhaupt. Ich glaube nicht, dass sich in chinesischen Ballungszentren bei zunehmender Arbeitslosigkeit ähnliche Mengen an Unzufriedenen bilden werden, wie sie zum Beispiel in Indonesien zu beobachten sind. Die „Völkerwanderung“ vom Land in die Stadt scheint schon abgeebbt zu sein. Eine weitere Einschränkung der persönlichen Bewegungs- und Informationsfreiheiten würde mich zudem kaum verwundern.

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