https://www.faz.net/-gv6-tq84
 

Im Gespräch: Eliot Spitzer : „Die Realwirtschaft gleicht einer Wüste“

  • Aktualisiert am

Goldman Sachs hat im ersten Quartal auf dem Rücken der Steuerzahler riesige Risiken an den Märkten genommen. Kann das von den amerikanischen Bürgern akzeptiert werden?

Ich denke nicht. Auch in meinen Augen sind sie zu schnell zum Eigenhandel zurückgekehrt um Geld zu verdienen. Was wir getan haben hatte nicht das Ziel, sie wieder dasselbe Spiel wie in der Vergangenheit spielen zu lassen. Immerhin haben wir das systemische Risiko im System reduziert, indem die Verschuldung durch Abschreibungen und durch die Verschiebung vom privaten in den öffentlichen Sektor reduziert wurden. Nun fehlt jedoch weiterhin die Endnachfrage nach den produzierten Gütern.

Gingen die Abschreibungen weit genug?

Nein, es gibt noch beträchtliche Risiken, vor allem mit Blick auf Gewerbeimmobilien und das Geschäft mit Kreditkarten.

Glauben Sie, dass der Amerikaner an sich künftig mehr sparen und weniger konsumieren wird als in der Vergangenheit?

Ja, ich denke schon, dass wir eine deutliche Veränderung sehen werden. Die Sparquote ist schon dramatisch gestiegen. Ich weiß nicht, ob die hohen Quoten der Vergangenheit wieder zur Normen werden. Allerdings werden die Leute künftig alleine deswegen mehr sparen, da sie die dramatischen Wertverluste im Immobilien- und Aktienbereich gesehen haben und sich davor schützen wollen. Aus diesem Grund dürfte es zu einer strukturellen Veränderung kommen.

Sehen sie die viel zitierten „Green „Shoots“ in der amerikanischen Wirtschaft?

Nein, es gibt keine Sprösslinge, was die wirtschaftliche Erholung anbelangt. Ich sehe einen üppig spießenden Wald, wenn ich mir Goldman Sachs betrachte. Ich sehe jedoch eine Wüste, wenn ich mir die Realwirtschaft ansehe.

Das klingt nicht gerade optimistisch!

Nein, das bin ich auch noch nicht.

Können Unternehmen wie AIG, Fannie Mae und Freddie Mac restrukturiert und wieder auf Bahn gebracht werden?

Fannie und Freddie können das deswegen, weil sie im Kern Staatsunternehmen sind. AIG wird wahrscheinlich in Teilen verkauft und wird wahrscheinlich nie wieder das sein, was es einmal war.

Wie sollen die vielen Unternehmen, die in der Vergangenheit mit AIG gearbeitet haben, künftig ihre Risiken absichern?

Es wird andere Absicherungsmöglichkeiten geben. Grundsätzlich wird man von nun an jedoch ehrlicher als bisher mit Risiken umgehen müssen. In den vergangenen zehn Jahren dominierte die Wahrnehmung, alle nur denkbaren Unwägbarkeiten seien beherrschbar geworden aufgrund der ganzen Instrumente, die man dafür ersonnen hatte. Die Lektion, die wir zu lernen haben lautet: Das ist nicht möglich und wenn, dann nur, wenn man diese Instrumente auch mit genügend Eigenkapital unterlegt.

Wie wird der amerikanische Finanzsektor in den kommenden Jahren aussehen?

Ich hoffe, er wird weniger abhängig sein von den großen Unternehmen als bisher. Denn diese Abhängigkeit bringt die Art von Risiken mit sich, die sich in den vergangenen Monaten gezeigt haben. Ob das heißt, dass die großen Banken wirklich abgewickelt werden, weiß ich nicht.

Es gibt immer mehr Berichte, die einen Zusammenhang herstellen zwischen dem beruflichen Werdegang von Personen in der amerikanischen Regierung und den Interessen, die sie verfolgen.

Ich würde nicht bestreiten, dass manches seltsam aussieht. Die Verbindungen zwischen der Wall Street und dem Weißen Haus sowie dem Finanzministerium geraten zurecht immer stärker in den Fokus. Das ist eine Frage, die wir uns sehr genau ansehen sollten. Journalisten tun das, der Kongress wird es wahrscheinlich tun und in der jüngeren Vergangenheit ist verschiedenes darüber geschrieben worden - aus gutem Grund.

Sie sind Direktor bei Spitzer Enterprises. Was macht das Unternehmen?

Wir arbeiten primär als Immobilienunternehmen, das vor allem in New York aktiv ist.

Ist das ein Markt, den man jetzt haben muss?

Es wird gute Kaufgelegenheiten geben, sobald die Anleger das Gefühl haben, der Gewerbeimmobiliemarkt habe seinen Boden gefunden. Ich bin nicht sicher, ob es schon so weit ist. Es gibt im Moment noch zu viele leer stehende Flächen, die zu Preisdruck führen. Das muss sich erst ändern.

Topmeldungen

Donald Trump und Liu He, Vizepremier von China, gemeinsam in Washington. Infolge des Handelskriegs mit Amerika habe die Korruption in Chinas Privatwirtschaft wieder zugenommen, berichtet Philipp Senff von der Wirtschaftsanwaltskanzlei CMS in Schanghai.

Vorfälle der Deutschen Bank : In China lauert die Korruption bis heute

Mit teuren Geschenken an chinesische Politiker wollte sich die Deutsche Bank Vorteile verschaffen. Der Fall lenkt den Blick auf ein Land, das trotz Mühen immer noch unter Bestechung leidet – auch wegen des Handelskriegs mit Amerika.
Andreas Scheuer am Mittwoch in Berlin

Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.
Das Unterhaus voller Schimpansen: Ein Unbekannter erstand das Gemälde für 9,44 Millionen Euro

Banksy und der Kunstmarkt : Inkognito in aller Munde

Anfang Oktober wurde ein Gemälde Banksys für eine Rekordsumme versteigert. Doch wie verdient der anonyme Streetart-Künstler sein Geld? Und wie kommt seine Kunst auf den Markt?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.