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Im Gespräch: Christopher Whalen, IRA : „Larry Summers ist mitschuldig an der Finanzkrise“

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Nein, überhaupt nicht. Wir analysieren und bewerten die amerikanischen Banken jedes Quartal - und es wird nicht besser! Wir befinden uns in diesem Land wirtschaftlich betrachtet in der größten Deflation seit den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Sie mag prozentual betrachtet nicht ganz so extrem werden wie damals. Aber sie wird den Durchschnittsamerikaner hart treffen. Die werden nicht in der Lage sein, ihre Häuser zu ihren Preisvorstellungen zu verkaufen. Und sie wollen nicht mehr verkaufen, um Profit zu schlagen, sondern sie müssen verkaufen, um ihre finanzielle Belastung zu reduzieren. Viele Häuser sind inzwischen weniger wert, als die Hypotheken, die auf ihnen lasten. Dann laufen die Besitzer einfach davon und überlassen sie den Banken. Die wiederum verkaufen um jeden Preis. Die Ausfallrate der Banken wird in den kommenden Monaten massiv zunehmen.

Was heißt das für Bankaktien?

Institutionelle Anleger, die wirklich in Vermögenswerte investieren wollen, die finden nun selektiv interessante Möglichkeiten, ganze Banken zu erweben. Als Normalanleger, der auf den Kauf öffentlich gehandelter Aktien angewiesen ist, würde ich jedoch die Finger weglassen, vor allem von den großen wie JP Morgan, Bank of America, Citigroup und Wells Fargo.

Vor wenigen Wochen kamen die verkaufsorientierten Analysten auf den Markt und erklärten, die großen Banken seien solider als die kleinen. Ihre Absicht war klar: Sie wollten deren Aktienkurse nach oben treiben, um Kapitalerhöhungen durchführen zu können. Das hat funktioniert nach dem Motto „pump and dump“ - aufblasen und fallen lassen. Gegen Ende des Jahres werden sich die Verhältnisse umdrehen.

Denn die kleinen und mittleren Banken, die jetzt scheinbar so schlecht dastehen, sind in ihren Strukturen viel einfacher als die großen und vor allem auch solider refinanziert. Ich denke, im vierten Quartal kann man zum Beispiel die Papiere von US Bancorp oder BB&T kaufen. Bei den großen dagegen ist das Ende der Probleme noch lange nicht erreicht. Sie müssen von der Regierung saniert werden, angefangen bei der Citigroup. Ich denke, diese Bank wird im dritten Quartal aufgelöst werden.

... aber einige von Ihnen haben doch erst die TARP-Gelder zurückgezahlt!

Ich weiß, aber das ist pure Veräppelung. Diese Jungs wollen sich einfach nur ihre Boni auszahlen können. Die sind so zynisch und so blöde, dass sie diese ganze Übung mit den TARP-Geldern durchgezogen haben um den Anschein zu erwecken, sie ständen gut da. Aber wissen sie was: Sie haben immer noch die Rückkaufprogramme mit der Zentralbank (Fed) um ihren toxischen Müll los zu werden. Und so lange die FDIC (amerikanischer Einlagensicherungsfonds) für ihre Schulden garantiert, sind das keine privaten Banken!

Wenn man sich die Zahlen der amerikanischen Banken im ersten Quartal ohne die großen vier anschaut, sieht man die schlechtesten Kennziffern seit 30 Jahren. Nimmt man sie dazu, verbessert sich aufgrund ihrer Größe das Bild optisch deutlich. Was aber ist falsch mit diesem Bild? Die großen Banken erhalten riesige Subventionen in Form der extrem niedrigen Zinsen, der Rückkaufprogramme mit der Fed, mit denen sie ihren toxischen Schrott gegen wertvolle Treasuries tauschen können und schließlich den Garantien. Gäbe es die nicht, müssten sie geschlossen werden, da sie sich nicht frei am Markt refinanzieren können.

Können Sie das konkretisieren?

Die Refinanzierungskosten von JP Morgan lagen vor zwei Jahren etwa auf dem Niveau der Treasuryrenditen. Heute liegen sie dreieinhalb Prozentpunkte darüber. Die Bank kann so zwar überleben, allerdings nicht sehr viel verdienen. Das Geschäftsmodell hat sich also grundlegend geändert.

Kann man den von den großen Banken vorgelegten Zahlen trauen?

Nein, auf keinen Fall. Sie sind frisiert wegen der verbrieften Produkte, die sie noch in den Bilanzen haben. All der toxische Müll, von dem sie vorgeben, ein Dollar Nominalwert sei noch 80 Cents wert, ist im Kern totes Kapital. Sie werden nie wieder Anleger finden, die sie kaufen. Sie geben nun vor, sie nicht verkaufen zu wollen, da sie so „werthaltig“ seien. Die Preise dafür werden jedoch auf jeden Fall fallen, denn wegen der extremer werdenden Krise im Wohn- und Geschäftsimmobilienbereich verringern sich die Cashflows, die sie generieren. Das lässt sich jetzt schon aus den Zahlen herauslesen. Sobald die Banken im Oktober die Garantien verlieren, müssen sie sehen, wo sie bleiben.

Sie erklärten zu Beginn, die Vorschläge der amerikanischen Regulierung seien pures Blendwerk. Was müsste denn getan werden?

Man sollte den so genannten OTC-Markt für derivative Finanzinstrumente regulieren. Im Kern muss man die Credit Default Swaps verbieten - und schon hat man die systemischen Risiken gelöst.

Siehe auch (in englisch!)

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