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Im Gespräch: Bo Lundgren : „Ich hätte nie gedacht, dass wir das nochmal machen müssen“

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Seit 2004 ist Bo Lundgren Generaldirektor der Finanzagentur Riksgälden Bild:

Schweden hatte schon in den neunziger Jahren eine Bankenkrise. Auch damals hatten billiges Geld und eine gelockerte Regulierung die Spekulationen auf dem Immobilienmarkt angefeuert. Ein Gespräch mit dem damaligen stellvertretenden Finanzminister Bo Lundgren über die Lehren aus der Krise.

          Bo Lundgren war von 1991 bis 1994 als stellvertretender Finanzminister einer der wichtigsten Akteure in Schwedens Bankenkrise. Er weiß: Es gibt ein Leben nach Verstaatlichung und Pleiten.

          Herr Lundgren, haben Sie angesichts der Finanzkrise ein Déjà vu?

          Ja, wirklich. Als ich neulich mit unseren Notenbank-Gouverneur Stefan Ingves sprach - er war während der schwedischen Bankenkrise Anfang der neunziger Jahre als einer meiner engsten Berater dabei und hat nun wieder die Märkte mit Liquidität unterstützt -, da sagte er: ,Ich hätte nicht gedacht, dass wir das noch einmal machen müssen.'

          „Die EZB kann Liquidität bereitstellen, aber dann muss es nationale Lösungen geben.”

          Wir erleben etwas ähnliches, aber in einer ganz anderen Größenordnung. Die Savings-and-loans-Krise der Amerikaner, die Krisen in Schweden und Finnland, das war auch schlimm, aber eben regional begrenzt.

          Kann man trotzdem aus der schwedischen Bankenkrise lernen?

          Klar, wir haben damals auch die amerikanischen Krise von 1933 studiert. Es gibt immer zwei große Probleme: Vertrauensverlust und mangelndes Kapital. Wir versuchten Lösungen zu finden, die für den Steuerzahler die Kosten begrenzen.

          Wie haben Sie das getan?

          Wir haben damit begonnen, die Notlagen der Banken Fall für Fall zu behandeln, so wie es die Amerikaner und Europäer derzeit tun. Wir hatten sieben große Banken in Schweden. Eine davon war eine Sparkasse, die zu schnell gewachsen war und sich auf Hypotheken konzentriert hat. Wir begannen damit, Garantien auszusprechen - nur für diese Bank, aus der später die Swedbank wurde.

          Dann gingen wir einen Schritt weiter. Der Staat war schon Mehrheitseigentümer an Nordbanken, aus der später Nordea wurde; der Staat hält immer noch rund 20 Prozent. Das machte es einfacher, dort eine "bad bank" für die notleidenden Kredite abzuspalten. Dann gab es eine weitere Schieflage bei der privaten Gota Bank. Wir wickelten sie geordnet ab, auch mit einer "bad bank". Die drei ersten Schieflagen wurden also einzeln behandelt.

          Doch dann verschärfte sich die Situation im September 1992 und wir garantierten alle Einlagen und Anleihen der schwedischen Banken. Das ist mehr als die Deutschen heute bislang getan haben, aber weniger als die Iren, die ihre Garantie über mehre Jahre gegeben haben.

          Um wieviel Geld ging es?

          Rund 1800 Milliarden Kronen. Das entsprach etwa 120 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung Schwedens.

          Aber das war nicht der letzte Schritt.

          Nein. Zum selben Zeitpunkt haben wir ein Unterstützungspaket beschlossen, zu sehr harten Konditionen für die Banken. Wir sagten, alle können Unterstützung vom Staat bekommen. Das war zum Beispiel in einem Fall die Verpflichtung des Staates, bei Bedarf Kapital zu geben. Die Bank erhielt also eine Option, musste sie aber nicht in Anspruch nehmen. Bei der Swedbank und SEB dachten wir, wir müssten nationalisieren. Aber wir sagten ihnen, wenn wir Kapital geben, wollen wir einen unserem Anteil entsprechenden Einfluss. Das hat die Eigentümer dazu getrieben, eine private Lösung für die Kapitalerhöhung zu erreichen.

          Aber es gab auch Verstaatlichungen.

          Ja, in zwei Fällen. Wir verstaatlichten den Teil von Nordbanken, der noch nicht im Besitz der Regierung war. Außerdem verstaatlichten wir die mittelgroße Gota Bank aus Göteburg. Sie hatte 37,3 Prozent ihrer Kreditforderungen verloren. Und dieses schwarze Loch haben wir übernommen. Der später überlebende Teil dieser Bank ging in Nordea auf.

          Gab es weitere "bad banks"?

          Jede schwedische Bank hat eine eigene "bad bank" gegründet, für die Abwicklung ihrer faulen Kredite. Dadurch konnte sich das Management auf das gesunde Geschäft konzentrieren.

          War es schwierig für die damalige konservative schwedische Regierung, die Bankenrettung durchzusetzen?

          Populär war das nicht, wir haben die Wahlen 1994 verloren. Ich habe es selbst nicht gemocht. Ich bin ein Marktliberaler und Pragmatiker. Deshalb schätze ich eine kleine Regierung, die stark ist, wenn sie gebraucht wird.

          Wie nah war ein Bankenrun?

          Die Schweden vertrauen ihrer Regierung. Es war erstaunlich: Alles, was es brauchte, um die Situation zu stabilisieren, war, dass ich vor die Presse trat und sagte: Wir garantieren.

          Welche Schritte werden die Europäer nun als nächstes gehen?

          Ich glaube, anders als in Amerika wird es keine gemeinsame europäische Lösung geben. Die EZB kann Liquidität bereitstellen, aber dann muss es nationale Lösungen geben.

          Wird es nach der Krise Reprivatisierungen geben?

          Wenn das Vertrauen wieder hergestellt ist, werden auch bald wieder private Investoren da sein. Die Staatsfonds haben ja schon zu Beginn der Krise gekauft. Das kann rasch gehen nach der Erholung, schon nach ein paar Jahren vielleicht.

          Was hat sich in der schwedischen Aufsicht und Regulierung geändert?

          Leider nicht viel. Unsere Notfallgesetzgebung, die 1992 verabschiedet wurde, wurden später mit dem Ende der Garantie kassiert. Später sollten Gesetze verabschiedet werden, die den Umgang mit Banken in einer Systemkrise regeln sollten, eine Art Notfallplan. Das geschah aber bislang nicht.

          Es hat sich also nichts geändert?

          Nicht in Regulierung und Aufsicht. Aber wir haben heute ein starkes Bankensystem, das hat mit Lehren aus der Krise zu tun. Die Notfallregeln sind zwar noch nicht verabschiedet, aber sie signalisieren den Eigentümern der Banken, dass sie in einer Krise zuerst getroffen werden. Das diszipliniert und macht risikoscheuer. Auch sonst hat sich diese Haltung durchgesetzt. Das Risikomanagement hat sich verbessert, und in der schwedischen Politik ist die Neigung sich zu verschulden viel geringer als in anderen Ländern.

          Wie teuer war die Rettung?

          Die Rekapitalisierung der Banken hat damals rund 7 Milliarden Euro gekostet, 4 Prozent der Wirtschaftsleistung. 1997 hatten sich die Werte erholt und damit die Kosten auf 2 Prozent reduziert. Kürzlich kam eine Studie zu dem Ergebnis, dass es einen kleinen Gewinn für den Staat gegeben hat. Vor allem aber haben wir heute ein widerstandsfähiges Bankensystem und eine Wirtschaft, die mit geringer Verschuldung gut arbeitet. Das ist eine Menge wert.

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