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Im Gespräch: Asoka Wöhrmann, DWS : „Die Sparer werden zugunsten der Schuldner leiden“

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Ja. Ein Beispiel sind die neuen Kapitalregeln für Versicherer, Solvency 2, die derzeit die Anlage in Staatsanleihen deutlich begünstigen. Und dann gibt es eine Serie von Beispielen aus einzelnen anderen Ländern: In Frankreich gab es im Jahr 2010 die Konversion des Pensionsreservefonds in einen bindenden Käufer französischer Staatsanleihen. In Irland wurden Pensionsreserven verwendet, um die Banken zu rekapitalisieren, in Portugal wurde der zuvor privatisierte Pensionsfonds der portugiesischen Telekom verstaatlicht, Großbritannien hat alle Vermögensverwalter, Pensionsfonds und Banken verpflichtet, mehr britische Staatsanleihen zu halten, und in Spanien wurden Zinsobergrenzen für Einlagen bei den Banken eingeführt. Das wird weitergehen. Wenn Sie mich vor fünf Jahren gefragt hätten, ob das möglich ist, dann hätte ich bei diesen Beispielen an Entwicklungsländer gedacht.

Negative Realzinsen haben wir in Deutschland, Amerika und Großbritannien, in den von der Euro-Krise am meisten getroffenen Ländern aber nicht. Diese Form der Finanzrepression funktioniert in Italien oder Spanien nicht.

Da haben Sie recht. Die EU-Regierungen haben beschlossen, diese Länder in eine Konsolidierung inklusive Rezession zu schicken. Deutschland, das Finanzrepression nicht nötig hätte, kann das machen. Ein Prozent niedrigere Zinslast erspart dem Finanzminister pro Jahr 20 Milliarden Euro. Darüber hinaus sinkt der Barwert der Schulden aufgrund der steigenden Inflation.

Wie schaffen das die Krisenländer?

Ohne mehr Solidarität unter den EU-Ländern wird das Schuldenproblem nicht zu lösen sein. Ich denke, dass wir in Europa mit dem Fiskalpakt ein sehr gutes Rahmenwerk geschaffen haben, aber im Grunde den zweiten Schritt vor dem ersten: Der Pakt inklusive der Schuldenbremsen, die in allen Ländern eingeführt werden sollen, soll verhindern, dass wir wieder in eine solche Situation kommen. Er schafft aber nicht den ersten Schritt, nämlich wie wir von den hohen Schulden runterkommen. Ich finde den Vorschlag des Sachverständigenrates sehr interessant, nach dem alle Schulden oberhalb von 60 Prozent des BIP in einen Pool mit gemeinschaftlicher Haftung einfließen sollten.

Halten Sie das für realistisch?

Ich denke, dass die bestehenden Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzen nur behoben werden können durch eine Kombination aus wirkungsvollem Fiskalpakt, Transferunion und schließlich politischer Union - und wenn wir ehrlich sind, dann ist vieles davon bereits Wirklichkeit geworden, ohne dass wir es so nennen.

Wie sollen die Sparer in Deutschland mit negativen Realzinsen umgehen?

Finanzrepression ist ein Vermögenstransfer von Sparern zu Schuldnern. Das funktioniert, wenn Sparer ihr Geld in Sparbücher sowie in deutsche, britische oder amerikanische Staatsanleihen investieren. Bei negativen Realzinsen führt das schleichend, aber sicher zur Vermögensvernichtung. Wer Anleihen möchte, sollte das Geld in Portfolios aus ausgewählten Pfandbriefen, Unternehmensanleihen, auch aus Schwellenländern mit hoher Qualität und internationalem Geschäft, investieren.

Was ist mit Aktien?

Natürlich sind Aktien attraktiv, gerade Substanzunternehmen mit hohen Dividendenrenditen, auch das ist ein beständiger Zahlungsstrom oberhalb der Teuerungsrate. In der Geschichte haben Aktien übrigens während der langen Phase von 1945 bis ungefähr 1980, in der wir ja tendenziell negative Realrenditen hatten, sehr gut funktioniert. Richtig ist also ironischerweise all das, was Anleger in der Krise intuitiv nicht tun, wenn sie in scheinbare Sicherheit investieren.

Von der Bilanzrezession zur Finanzrepression Der Ökonom Richard Koo hat den Mechanismus einer Bilanzrezession beschrieben (F.A.Z. vom 19. April 2012): Am Anfang steht das Platzen einer kreditfinanzierten Spekulationsblase. Dadurch kommen unter anderem die Banken unter Druck, da sich ihre Bilanzen verschlechtern. Die zweite Grafik von links belegt diesen Prozess für Spanien anhand rasch zunehmender Kreditausfälle. Obgleich die Zentralbanken versuchen, die Wirtschaft mit Zinsen nahe null am Laufen zu halten, fangen Unternehmen und Privathaushalte an, mehr zu sparen. Die Banken reduzieren ihre Bilanzsummen. Diese Entwicklung sorgt für einen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, aus der eine Deflationsspirale zu entstehen droht, an deren Ende eine Depression wie in den dreißiger Jahren stehen kann. Um den Weg in die Depression zu verhindern, muss nach Ansicht Koos der Staat die Ersparnisse von Privathaushalten und Unternehmen auf dem Wege höherer Verschuldung aufnehmen. Die erste Grafik zeigt, wie dies in den vergangenen Jahren in den Vereinigten Staaten geschehen ist. Das Phänomen beschränkt sich aber nicht auf die Vereinigten Staaten, auf deren Immobilienmarkt im Jahr 2007 eine schwere Krise ausbrach. Diese Krise verbreitete sich rund um den Globus, wie der deutliche Anstieg der Staatsverschuldung im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt für die 34 OECD-Staaten - Industrienationen und führende Schwellenländer - zeigt. Die hohe Staatsverschuldung wird in vielen Ländern zur Bürde. Die Staaten in der Euro-Peripherie, aber auch manche Länder in Osteuropa, sind entweder gar nicht mehr in der Lage, ihre Schulden am Kapitalmarkt zu refinanzieren, oder sie müssen für ihre Anleihen hohe und auf Dauer vielleicht nicht nachhaltige Renditen bieten. Zudem zeigt die Historie, dass ab einem Schuldenstand von 90 Prozent des Bruttoinlandsproduktes das Wirtschaftswachstum zu leiden droht. Im Bestreben, die Last der Verschuldung zu verringern, stehen Regierungen mehrere Strategien zur Verfügung. Eine Strategie ist die Finanzrepression. gb. 

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