https://www.faz.net/-gv6-10pdm

Im Gespräch : „Aktien bieten jetzt mehr Chancen als Risiken“

  • Aktualisiert am

„Wer Aktien hat, sollte sie halten”, rät der Stuttgarter Vermögensverwalter Markus Stahl Bild: Steinhart & Stahl

Von den enormen Kursverlusten am Aktienmarkt sollten sich die Anleger nicht verschrecken lassen. Für Anleger, die über einen Zeitraum von zehn Jahren denken, bietet die Börse jetzt mehr Chancen als Risiken, meint Markus Stahl, Mit-Geschäftsführer der bankenunabhängigen Vermögensverwaltung Steinhart & Stahl in Stuttgart.

          3 Min.

          Die Kurse an den Aktienmärkten brachen am Freitag wieder einmal unerwartet kräftig ein. Um bis zu 10 Prozent ist allein der Dax gestürzt. Seit Jahresanfang hat der Leitindex der deutschen Börse knapp die Hälfte verloren. An den anderen europäischen Aktienmärkten ist die Lage ähnlich dramatisch. Damit hat sich die internationale Finanzkrise noch einmal so verschärft, dass schon die Zahlungsfähigkeit einiger Staaten infrage gestellt ist und andere sich die Frage stellen, ob die staatlichen Rettungspakete für die Banken ausreichen.

          Obwohl sich die Lage so verschlechtert hat, empfiehlt Markus Stahl, Mit-Geschäftsführer der bankenunabhängigen Vermögensverwaltung Steinhart & Stahl in Stuttgart, weiter Aktien. In einem ausbalancierten Depot sollten sie auch in der Finanzkrise einen Platz behalten. Insgesamt rät er dazu, seine Geldanlage zu diversifizieren und auch Anlagen im Dollarraum nicht zu vernachlässigen.

          Herr Stahl, der neue Kurssturz am deutschen Aktienmarkt kommt überraschend brutal. Was hat ihn Ihrer Meinung nach ausgelöst?

          Diese Abwärtsbewegung geschieht vor dem Hintergrund, dass Deutschland und Japan als Exportnationen besonders stark von einem Abschwung in der Weltkonjunktur getroffen würden. Deshalb leidet der deutsche Aktienmarkt besonders stark unter der Befürchtung, dass die Weltwirtschaft in eine Rezession geraten könnte. Hinzu kommt, dass durch die internationale Kreditkrise das deutsche Bankensystem ohnehin schon angeschlagen ist. Wenn dann noch Schwierigkeiten im Kreditgeschäft mit den deutschen Unternehmen hinzukommen sollten, wäre dies ein zweiter schwerer Schlag für die deutschen Banken. Die ganzen Bewertungen an den Aktienmärkten stimmen nicht mehr.

          Wer verkauft jetzt?

          Zu denen, die jetzt große Pakete abstoßen, zählen nicht die deutschen Privatanleger. Diese befinden sich eher in einer Schockstarre. Der Verkaufsdruck kommt aus dem Ausland, vor allem von den Hedge-Fonds, die jetzt ihre Verschuldung senken müssen, um ihre Liquiditätsnöte zu beheben. Die verkaufen jetzt, gleichgültig zu welchem Kurs.

          Wo stehen wir jetzt in diesem Abwärtstrend?

          Die Hauptgefahr sehe ich nicht mehr so sehr im Aktienbereich. Sicher, die See bleibt rau. Und wer engagiert ist, muss weiterhin mit extrem hohen Kursschwankungen rechnen und einkalkulieren, dass es noch weiter kräftig nach unten gehen kann. Wer jedoch strategisch anlegt und auf eine langfristige Sicht von vielleicht zehn Jahren agiert, für den bietet der Aktienmarkt jetzt meiner Meinung nach mehr Chancen als Risiken.

          Viele Anleger flüchten lieber in Bundesanleihen.

          Europäische Staatsanleihen sind in dieser Situation nur vermeintlich ein sicherer Hort. Dort bin ich der Meinung, dass die Risiken die Chancen mittlerweile klar überwiegen.

          Welche Risiken sehen Sie? Bei einigen Staaten steht ja schon die Zahlungsfähigkeit infrage.

          Ich denke in diesem Zusammenhang in erster Linie an das Kursrisiko. Bundesanleihen hatten schon einen sehr guten Lauf gehabt. Mit denen kann ich nur noch wenig verdienen. Wenn die Wirtschaft tatsächlich so einknickt, wie es der Markt jetzt impliziert, dann werden zwangsläufig die Staatseinnahmen sinken und die Staatsausgaben steigen. Um diese Lücke zu schließen, muss der Staat dann die Neuverschuldung erhöhen. Und das wäre schlecht für Anleihenkäufer.

          Was empfehlen Sie den Anlegern?

          Insgesamt sind die privaten Depots zu stark auf den Euro zentriert. Wir brechen deshalb eine Lanze für eine Streuung in den amerikanischen Dollar und raten unseren Kunden, amerikanische Staatsanleihen zuzukaufen. Damit sagen wir nicht, dass der Dollar absolut die bessere Anlage ist als der Euro. Wir empfehlen den Dollar aus Gründen der Diversifizierung, um die Risiken besser auszubalancieren. Das Währungsbild ist nie ein absolutes, sondern nur ein relatives. Wir sehen natürlich auch, dass die Lage in den Vereinigten Staaten extrem schwierig ist. Aber erfahrungsgemäß gehen die Amerikaner in solchen Krisen beherzter vor als die Europäer und werden sie deshalb schneller überwinden.

          Setzen Sie damit ganz auf Anleihen?

          Ich rate unseren Kunden, den Aktienmarkt nicht ganz abzuschreiben. Sollte sich der Markt auf diesem Niveau entspannen, bietet sich jetzt ein günstiger Einstand. Wenn sich die Lage jedoch verschlimmern sollte, dann werden Aktien kurzfristig zwar hohen Belastungen ausgesetzt, sich mittelfristig aber deutlich besser als Staatsanleihen oder Festgeld entwickeln. Wir gehören jedoch zu den Optimisten und glauben, dass sich die Situation bessern kann.

          In dieser Situation raten Sie zu Aktien?

          Ich sage: Wer Aktien hat, sollte sie halten. Wer keine Aktien hat, sollte an kleinere Zukäufe denken. Selbst in solchen schweren Krisen haben sich Aktien auf lange Sicht als die bessere Anlage bewährt. Nehmen Sie Argentinien 1998: Argentinische Anleger, die damals auf Aktien gesetzt haben, mussten durch eine lange Durststrecke hindurch. Aber heute, nach zehn Jahren, stehen sie besser da als jene Argentinier, die ganz auf Staatsanleihen und Festgeld vertraut haben. Auch in einem extrem pessimistischen Szenario ist die Aktie auf merkwürdige Weise nicht so schlecht, wie es auf den ersten Blick scheinen mag.

          Markus Stahl verweist auf mehr als 15 Jahre Berufserfahrung im Wertpapierbereich. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaft an der Universität Hohenheim und wurde an der Universität Tübingen zum Dr. rer. pol. promoviert. Anschließend war in Führungsfunktionen im Bereich der fondsgebundenen Vermögensverwaltung. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit sind Edelmetalle, Rohstoffe und Gold. Zusammen mit Karl Steinhart machte er sich vor einigen Jahren selbständig.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Deutscher Sieg über Portugal : Ein Abend, an dem Funken sprühen

          Mit der überwältigenden Mischung aus Wucht und Wille erfüllt die DFB-Elf ihren Auftrag gegen Portugal. Auch die Konkurrenz in Fußballeuropa dürfte diese deutsche Verwandlung mit einigem Staunen gesehen haben.

          Deutsche Einzelkritik : Müller nervt Portugal, Gosens ragt heraus

          Beim Sieg über Portugal macht Robin Gosens wohl die Partie seines Lebens. Auch andere DFB-Akteure zeigen sich deutlich verbessert. Aber einer scheint nicht der Lieblingsspieler von Bundestrainer Joachim Löw zu sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.