https://www.faz.net/-gv6-qdd6

Hypothekenmarkt : Die Finanzmärkte werden nervös

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Bonitäts-Herabstufung von Hypothekenanleihen verunsichert die Finanzmärkte. Die Risikoprämien für Unternehmenskredite sind stark gestiegen, die Aktien von Finanzinstituten erlitten dagegen Einbußen.

          Ein neuerliches Aufflammen der Krise am amerikanischen Hypothekenmarkt hat an den Finanzmärkten erhebliche Unsicherheit ausgelöst. Als Folge sind die Risikoprämien für Unternehmenskredite stark gestiegen. Auf der Suche nach Anlagen mit hoher Sicherheit schichteten Investoren in großem Stil in Staatsanleihen um, was deren Kurse kräftig steigen ließ. Die Aktien von Finanzinstituten erlitten Einbußen. Denn es wird befürchtet, dass das lukrative Geschäft der Banken mit Spezialanleihen auf Hypotheken- und Unternehmenskredite einen Dämpfer erleidet, wenn nicht gar Verluste beschert.

          Bankenaufseher und Währungshüter warnen schon seit längerem, dass die Risikoprämien für Kredite an Unternehmen und andere Schuldner ungewöhnlich niedrig seien - und deshalb anfällig für einen kräftigen Rückschlag. Diese Neubewertung scheint nun in Gang gekommen zu sein. „Alle Kreditrisiken werden jetzt unter die Lupe genommen“, sagte Philip Gisdakis, ein Spezialist für Kreditderivate bei Unicredit. Die Märkte seien deshalb sehr nervös. Ausdruck dieser Nervosität ist der starke Anstieg eines Index, der die Risikoprämien für Kreditversicherungen auf Unternehmensanleihen mit schlechter Bonität misst: Dieser Index ist in den vergangenen fünf Handelstagen von 230 auf über 300 Punkte nach oben geschnellt (siehe Grafik).

          Ausfälle von 60 bis 90 Milliarden Dollar

          Auslöser der jüngsten Turbulenzen war die Mitteilung der Ratingagentur Moody's, sie habe die Bonitätsnoten auf eine Reihe von Spezialanleihen gesenkt, die mit amerikanischen Hypothekenkrediten minderer Bonität unterlegt sind. Auch die Ratingagentur Standard & Poor's kündigte an, eine Herabsetzung der Bonitätsnoten auf solche Anleihen im Gesamtvolumen von 12 Milliarden Dollar zu prüfen. Hintergrund ist, dass sich bei diesen Hypotheken („sub-prime“) die Ausfälle häufen. Hugo Bänziger, der im Vorstand der Deutschen Bank für das Risikomanagement zuständig ist, veranschlagte die Ausfälle unlängst vor Journalisten auf 60 bis 90 Milliarden Dollar, was angesichts eines Marktvolumens von 750 Milliarden Dollar allerdings als verkraftbar erscheine.

          Doch zieht die Krise an diesem Teil des Hypothekenmarkts Kreise. Denn die fraglichen Hypothekenanleihen wurden vielfach „umgepackt“, und zwar in Spezialanleihen. Diese „Collateralized Debt Obligations“ (CDO) sind jeweils auf raffinierte Art in mehrere Tranchen mit unterschiedlichen Risiken und Renditen aufgeteilt. Auch manchen dieser Tranchen, die bisher als sicher galten, droht nun eine Herabstufung. Das wiederum könnte institutionelle Anleger, die nur in Anlagen guter Bonität investieren dürfen, zu Verkäufen zwingen - was die Turbulenzen noch verstärken würde.

          Günstige Noten haben Investoren angelockt

          Ganz allgemein wird inzwischen gefragt, ob die Ratingagenturen diese neuen Anleihetypen nicht generell zu günstig benotet haben - möglicherweise nicht ganz uneigennützig, da die emittierenden Häuser die Agenturen für die Erteilung von Bonitätsnoten bezahlen. Die günstigen Noten haben Investoren angelockt, was wiederum zu einem starken Anstieg der Emissionen solcher Anleihen geführt hat. CDOs und ähnliche Papiere werden unter anderem auch in großem Umfang von Beteiligungsunternehmen zur Finanzierung von Übernahmen (Leveraged Buy-outs) genutzt. Sollten die Risikoprämien auch auf diesem Marktsegment steigen, könnte dies der Übernahmewelle einen Dämpfer verpassen - und damit auch der Hausse am Aktienmarkt.

          Die Ausweitung der Risikoprämien bei diesen Spezialanleihen habe seit Beginn der Woche so an Dynamik gewonnen, dass die Risikoscheu nun auch an anderen Märkte zugenommen habe, kommentierte Markus Schüler, ein Kreditfachmann bei der Deutschen Bank in London. Doch sollte nicht verkannt werden, dass die Risikoprämien zuvor auf sehr niedrige Niveaus gefallen seien - und im historischen Vergleich auch jetzt noch niedrig seien.

          Deutliche Kursanstiege

          Gleichwohl hat die Unsicherheit auf den noch jungen Märkten für CDOs und ähnliche Kreditderivate nun offensichtlich zahlreiche Anleger veranlasst, „auf Nummer sicher zu gehen“ und verstärkt in ausfallsichere Staatsanleihen umzuschichten. Das hat die Kurse dieser Papiere in den vergangenen Tagen deutlich nach oben getrieben, wie sich am Bund-Future, einem Terminkontrakt auf längerlaufende Staatsanleihen, ablesen lässt (siehe Grafik).

          Ende vergangener Woche war dieser Kontrakt freilich auf ein mehrjähriges Tief gefallen, weil an den Anleihemärkten ein Anstieg der Euro-Leitzinsen erwartet wird. An den europäischen Aktienmärkten zählten Banktitel zu den größten Verlierern des Tages. Dabei spielte eine Rolle, dass die Großbank UBS vor einiger Zeit durch Engagements am amerikanischen Hypothekenmarkt hohe Verluste erlitten hat. Am Markt wird befürchtet, dass es anderen Banken ähnlich gehen könnte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach Unwettern : Verkehr in Teilen Deutschlands gestört

          Ein starkes Unwetter sorgt in Teilen Deutschlands für Störungen und Ausfälle im Bahnverkehr. Auch auf vielen Autobahnen gibt es massive Behinderungen. Am Frankfurter Flughafen wird die Abfertigung zwischenzeitlich eingestellt.
          Hans Kammler (Mitte) auf dem Weg zu einer rüstungstechnischen Anlage bei Ebensee (1944).

          „Hitlers Geheimwaffenchef“ : Der verschwundene SS-General

          Hans Kammler gehörte zur engeren Führung des NS-Regimes. Er war mitverantwortlich für den Holocaust. Im Mai 1945 soll er Suizid begangen haben. Doch daran gibt es große Zweifel, wie das ZDF zeigt.
          Tenor seiner Aussagen: „Ibiza“ war peinlich, aber nichts Unrechtes sei gesagt worden, „ich habe eine saubere Weste.“ – Heinz-Christian Strache

          Strache und die FPÖ : „Ich habe eine saubere Weste“

          Die Zukunft der skandalträchtigen FPÖ ist nach dem „Ibiza“-Skandal um Heinz-Christian Strache weiter ungewiss. Die Razzien bei FPÖ-Leuten bezeichnete er als ein politisch motivierten „Unrechtsakt“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.