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Höhere Aktienquote : Viele Versicherer stoßen an ihre Grenzen

  • -Aktualisiert am

Beim Werben um Versicherungskunden spielt bei der Generali die hohe Aktienquote jedenfalls keine Rolle Bild: Wohlfahrt, Rainer

Die niedrigen Zinsen drängen die Assekuranz in Aktien und Beteiligungen. Doch viele Gesellschaften dürfen ihre Quote nicht erhöhen – aus Mangel an Kapital.

          Die Versicherer in Europa stehen vor einem schmerzhaften Dilemma, das sie möglicherweise auf dem Rücken ihrer Versicherungsnehmer austragen. Sie wollen ihre Aktienquote erhöhen. Doch viele von ihnen dürfen dies gar nicht. Das geht aus der noch unveröffentlichten Umfrage „Risk Monitor“ hervor, die Allianz Global Investors, die Fondsgesellschaft des Versicherungskonzerns, durchgeführt hat und deren Ergebnisse dieser Zeitung vorliegen.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Versicherungswirtschaft, besonders die Lebensversicherer, leiden unter der Niedrigzinsphase. Der für Versicherungen zuständige Exekutivdirektor der deutschen Finanzaufsicht Bafin, Felix Hufeld, sagte am Dienstag, dass sich langfristig aus Stroh kein Gold machen lasse. Er befürchtet, dass eine weitere Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) zusätzlichen Druck ausüben könne. Auf die Zinsrisiken der Lebensversicherer weist auch der Internationale Währungsfonds (IWF) hin. Zwar stuft er diese ähnlich wie die Bafin als stabil ein. Jedoch fordert der IWF in seinem jüngsten Bericht die Politik zu Maßnahmen auf, um negative Folgen der niedrigen Zinsen zu dämpfen, die vor allem von hohen Garantiezinsen herrühren. Die Bundesregierung arbeitet an einem Gesetzentwurf, der sich aber verzögert. Statt Ende März dürfte er erst im Juli vorgelegt werden.

          Die Investitionen in Aktien werden auch durch Regulationen verhindert

          Laut Umfrage von Allianz Global Investors (AGI) wollen 39 Prozent der befragten Versicherungsunternehmen stärker in internationale Aktien investieren. Nur 2 Prozent der Befragten wollen dagegen den Portfolioanteil dieser Anlageklasse reduzieren. Die geplanten Umschichtungen zeigten klar, dass Versicherer in Europa daran arbeiteten, ihre Abhängigkeit vom Zinsniveau zu verringern, sagte Karl Happe, der für die Allianz-Fondsgesellschaft Versicherer in ihrer Anlagestrategie berät. Manche Branchenvertreter geben sich dabei betont risikoavers. So hält die Generali Deutschland weniger als 1 Prozent ihres Portfolios in Aktien und weniger als 1 Prozent in alternativen Anlagen – dies können Beteiligungsfonds (Private Equity) oder auch Infrastrukturprojekte und ähnliche Produkte sein. Somit liegt einer der größten Lebensversicherer in Deutschland mit seiner Aktienquote weit unter dem Branchendurchschnitt. Dieser liegt bei 4 Prozent der Kapitalanlagen, sagte Hufeld.

          Dass nicht noch mehr Versicherer stärker in Aktien investieren wollen, liegt auch daran, dass dies vielen aufgrund regulatorischer Beschränkungen untersagt ist. „Manche Versicherer können gar nicht stärker in Aktien investieren, weil ihnen wegen der strikten Eigenkapitalregeln von Solvency II der Handlungsspielraum dafür fehlt“, erläuterte Happe. „Für Versicherer sind Aktien sehr teuer wegen der Regeln für die Unterlegung mit Eigenkapital, in einigen Ländern auch wegen der Regeln für ihre Verbuchung.“

          Solvency II ist ein Projekt der Europäischen Kommission, das zum Ziel hat, das Eigenkapital der Versicherungsunternehmen zu stärken. Denn wenn ihre Kapitalbasis zu schwach ist, steigt das Risiko von Insolvenzen, besonders in einem Umfeld dauerhaft niedriger Zinsen bei gleichzeitig höheren Zahlungsversprechen.

          Der Bafin-Fachmann Hufeld wies darauf hin, dass die Versicherer schon jetzt aufsichtsrechtlich mehr in Aktien anlegen könnten. Doch viele Finanzvorstände seien dazu nicht bereit, nachdem sie zwei Kurseinbrüche am Aktienmarkt erlebt haben. Hufeld räumte ein, dass das Anlagethema die Aufsicht sehr beschäftige. „Vieles ist schon heute machbar, aber der limitierende Faktor für die Lebensversicherer ist der Mangel an für sie attraktiven Anlagen“, sagte er. In der gegenwärtigen Niedrigzinsphase hält er es für wichtig, dass die Versicherer Produktinnovationen vorantreiben, die Alternativen zu den vollständig mit Garantien unterlegten Lebensversicherungen und den die Risiken auf die Kunden abwälzenden Fondspolicen zuließen.

          Auch die Bafin ist in Sorge

          AGI-Fachmann Happe hat auch beobachtet, dass viele Versicherer den Zinstrend falsch eingeschätzt hätten. „Sie haben auf steigende Zinsen gesetzt“, sagt Happe. Dabei sei in diesem Jahr das Zinsniveau weiter gesunken. Jetzt gerieten viele Branchenvertreter zusehends unter Anlagedruck. Sie hätten noch relativ viele Anleihen mit hohem Kupon im Bestand, die jetzt allerdings allmählich ausliefen. „Die Wiederanlage ist ein ganz schwieriges Thema“, sagte Happe. „Selbst in den Europeripherieländern liegt die Rendite von Staatsanleihen ja schon bei weniger als 3 Prozent.“

          Diese Sorge teilt die Bafin. Sie dringt darauf, dass auch die Versicherer ihre riesigen Mengen von Staatsanleihen mit Eigenkapital absichern. „Wir teilen als Bafin ganz entschieden die Auffassung, dass Staatsanleihen nicht als risikofreie Anlage zu qualifizieren sind“, sagte Hufeld dazu. Die Behörde dränge die großen Versicherer schon dazu, dies in ihren internen Bilanzierungsmodellen zu berücksichtigen. Der größte deutsche Versicherer Allianz hatte das kürzlich als eines der ersten Unternehmen der Branche umgesetzt – auf Kosten seiner Solvabilitätsquote, der gängigen Kapitalkennziffer in der Branche. Allerdings verwenden nur vier deutsche Konzerne interne Modelle, die meisten orientieren sich am international einheitlichen Standardmodell, das keine Unterlegung mit Eigenkapital vorsieht.

          Anlagefachmann Happe glaubt allerdings nicht, dass es einen Königsweg aus der Zinsfalle gibt. Deshalb empfiehlt er eine Mischung aus Infrastruktur, sowohl über Fremdfinanzierung als auch mittels Kapitalbeteiligung, privat plazierten Anleihen von Mittelstandsunternehmen, Immobilien und Aktien.

          Die Bundesregierung will die Lebensversicherer entlasten, indem diese ihre Bewertungsreserven nicht zur Hälfte an jene Kunden ausschütten müssen, deren Verträge enden. Die Bundesregierung will durch die Neuregelung eine gerechtere Verteilung der Bewertungsreserven erreichen, und zwar unabhängig davon, wann die Versicherungsverträge abgeschlossen wurden. Auch der IWF drängt auf eine fairere Aufteilung.

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