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Hochfrequenzhandel : Millionen in Millisekunden

Zeit ist Geld: Schneller als Laser ist kaum möglich Bild: dpa

Hochfrequenzhändler beherrschen mit superschnellen Rechnern den globalen Börsenhandel. Sie stehen im Verdacht, Crashs auszulösen. Wie sie arbeiten, ganz unter Männern, in Jeans und Pulli, ständig bedroht von der Finanztransaktionssteuer - wir waren dabei.

          Das Reich des Bösen liegt in Amsterdam unweit einer achtspurigen Ringautobahn. Es belegt die zweite und dritte Etage eines zwölfstöckigen Bürohauses – mitten im Finanzzentrum am Amsterdamer Südbahnhof.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Hier sitzt Optiver. Den Namen kennt kein Mensch abgesehen von den Finanzprofis. Aber Optiver ist Europas größter Hochfrequenzhändler. Das sind die Leute, die mit ihren komplizierten Turbocomputern Millionen in Millisekunden bewegen. Und die für Börsencrashs in aller Welt verantwortlich gemacht werden.

          Aufmerksam wurde eine breitere Öffentlichkeit auf die seltsame Branche der Hochfrequenzhändler nach einem Blitzcrash im Mai 2010, der den wichtigsten amerikanischen Aktienindex Dow Jones binnen weniger Minuten neun Prozent nach unten riss. Sage und schreibe eine Billion Dollar verdampften ins Nichts. Auch für weitere heftige Kursausschläge werden die Flashboys und ihre Superrechner verantwortlich gemacht. Kurz gesagt: Ihr Ruf ist schlecht. Sie selbst reden deshalb nicht gerne.

          „Wir müssen unseren Mitarbeitern ein paar Extras bieten“

          Die Ausnahme: Optiver. Die Firma hat 735 Mitarbeitern weltweit, davon rund die Hälfte in der Zentrale in Amsterdam. Sie ist damit ein Riese unter den Hochfrequenzhändlern, die Konkurrenten beschäftigen oft nicht mehr als 20 Leute. Optiver handelt an mehr als 50 Börsen auf der ganzen Welt, auch an der deutschen.

          Harmlos und bescheiden, das ist der erste Eindruck von der Firmenzentrale. In den Innenräumen wandelt sich dann das Bild. Futuristisch gestaltete Röhren in frohen Farben verbinden die Büros, in der firmeneigenen Kantine stehen ein Tischfußball und Billardtische. Im Handelssaal wird ein Händler massiert, sein Kollege in einem Nebenraum vom Frisör bearbeitet. Der kommt zweimal in der Woche. Blasse 25-Jährige laufen in Pullover und Jeans umher.

          Kampf um die Nerds: Kostenlose Massage für jeden Händler inklusive

          „Wir müssen unseren Mitarbeitern schon ein paar Extras bieten, damit sie zu uns kommen. Wir brauchen die besten Talente, um den harten Wettbewerb zu gewinnen“, sagt Paul Hilgers, seit Jahresanfang Chef von Optiver. Seine wichtigsten Leute, das sind die Händler. Sie werden aber nicht selbst aktiv, sie überwachen die Computer, die eigenständig nach ausgefeilten Programmen an der Börse handeln. Denn Geld verdienen Hochfrequenzhändler, indem sie ihre Turbomaschinen ständig Aktien, Optionen oder Terminkontrakte kaufen und sofort wieder ein bisschen teurer verkaufen lassen.

          Sie nutzen damit aus, dass es beim Wertpapierhandel zwischen Kauf- und Verkaufspreis stets eine Differenz (Spread) gibt. Das tun sie mit großer Geschwindigkeit und grimmiger Konsequenz. Pro Geschäft ist ihr Profit minimal, oft nicht mehr als ein Cent. Aber bei Millionen von Transaktionen jeden Tag läppert sich das schnell. Ihre Gegenleistung für den Markt ist, dass sie da sind und auch dann immer kaufen und verkaufen, wenn viel andere Händler schon ausgestiegen sind.

          Das Herz von Optiver: Der Handelsraum. Jeder Händler hat sechs Bildschirme in Fernsehergröße

          Die Jungs von Optiver unterscheidet von klassischen Investoren, dass es ihnen egal ist, ob Firmen die Pleite droht oder ihre Aktienkurse durch die Decke gehen. Sie denken nicht darüber nach, ob der Strategiewechsel bei Siemens erfolgversprechend ist oder ob die Energiewende die deutsche Industrie ruiniert.

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