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Hochfrequenzhandel : Millionen in Millisekunden

Und trotzdem geht immer wieder etwas schief. Optiver-Konkurrent Knight Capital verlor 2012 durch eine Computerpanne in wenigen Minuten 330 Millionen Euro und ging dadurch fast pleite. Um die Schäden zu limitieren, unterbrechen die Börsen zum Beispiel in Deutschland den Handel für kurze Zeit, wenn Fehlaufträge auf den Markt kommen. In Amerika aber waren die Schutzsysteme lange nicht so ausgeprägt, wie man beim Blitzcrash 2010 sah.

Und was ist mit dem Vorwurf der ständigen Manipulation? „Marktmanipulationen gab es auch früher schon. Der Hochfrequenzhandel sollte nicht als Hauptursache dafür gesehen werden“, rechtfertigt sich Paul Hilgers. In der Tat: Betrogen wurde schon immer, selbst, als an den Börsen noch ohne Computer auf dem Parkett gehandelt wurde. Die Superrechner haben das nur erleichtert und neue Tricks hinzugefügt. Und die Schnelligkeit der Computer macht die Folgen dramatischer.

Hilgers betont naturgemäß, dass Schummeleien nicht zu den Methoden von Optiver gehören. Und dass interne Überwachungssysteme dafür sorgen sollen, dass keiner seiner Händler vom rechten Pfad abkommt. Für den Gesamtmarkt gilt: „Es geht generell darum, Marktmanipulationen zu verhindern. Dazu gehören auch Insidergeschäfte, die mit Hochfrequenzhandel nichts zu tun haben.“

Bei all den Vorwürfen gehen die vielen Vorteile der Hochfrequenzhändler in der Debatte unter. In unsicheren Marktlagen, wenn sich die normalen Anleger aus Angst mit Käufen zurückhalten oder wenn alle verkaufen wollen, springen sie automatisch als Käufer ein. Das bremst den Kursabschwung. Seit Jahren engen sich durch ihre Präsenz die Spannen zwischen Kauf- und Verkaufspreisen zugunsten der Anleger ein. Diese bekommen bessere Kurse und müssen auf die Ausführung ihrer Aufträge weniger lang als früher warten. Die ständige Arbitrage sorgt zudem dafür, dass Anleger an allen Börsen nahezu den gleichen Preis für ihre Aktie oder Option erhalten.

Immer mehr Hochfrequenzhändler geben auf

Doch zunehmend bekommen vor allem die kleinen Firmen Probleme, die enormen Investitionen in Technik und hochqualifizierte Mitarbeiter zu stemmen. Denn die Einnahmen brechen ihnen weg. Sie verdienen vor allem dann, wenn die Märkte nervös sind. Dann weiten sich die Spannen zwischen Kauf- und Verkaufskurs, die Volumina und damit die Erlöse. „Krisenzeiten sind gute Zeiten für uns“, sagt Johann Kaemingk, der Optiver 1986 mitgründete und heute noch größter Anteilseigner ist. 2008 in der Lehman-Krise erzielte Optiver mit 300 Millionen Euro seinen bisher höchsten Nettogewinn. Derzeit aber sind die Börsen ruhig und die Spreads und Transaktionsgrößen daher klein – für manche zu klein.

So geben immer mehr der über 500 Hochfrequenzhändler auf der Welt auf. Nur die fünf bis sechs großen, globalen Anbieter wie Optiver und die Großbanken, die Hochfrequenzhandel betreiben, können lange durchhalten.

Die nächste Bedrohung wartet schon: Nicht das deutsche Gesetz zum Hochfrequenzhandel ist das Problem, damit können Optiver & Co. leben. Nein, die größten Sorgen macht die geplante EU-Steuer auf jede Transaktion. Bei den derzeit kleinen Spannen kann sie kein Händler bezahlen. Entweder er stellt den Handel in den betroffenen Märkten ein – oder er vergrößert die Spreads. Beides wäre schlecht für alle Anleger. Hochfrequenzhändler empfinden sich als genauso wertvoll wie andere Marktteilnehmer. Nur schneller halt.

Erst einmal auf Kosten der Firma essen, dann noch eine Runde Billard

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