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Hochfrequenzhandel : Millionen in Millisekunden

Sie sind allein fixiert auf den kleinen Unterschied: zwischen Kauf- und Verkaufspreis zum Beispiel. Sie schätzen ab, wie groß die Unsicherheit am Markt ist. Je höher, desto größer das Risiko für die Hochfrequenzhändler, ihre Aktien nicht sofort wieder ohne Verlust loszubekommen. Dieses Risiko kompensieren sie, indem sie Kauf- und Verkaufspreise anbieten, die etwas weiter auseinanderliegen.

Der Computer erkennt Anomalien im Markt

Gute Gewinne verspricht auch die Arbitrage, die Ausnutzung von Preisunterschieden für eine Aktie an unterschiedlichen Handelsplätzen. Der Computer erkennt das, kauft an der einen Börse und verkauft an der anderen zu einem höheren Preis. Er nutzt auch andere Anomalien im Markt. Steigt etwa der Kurs einer Dax-Aktie, aber nicht sofort auch der Preis der Option auf diese Aktie, können die Händler die zeitliche Verzögerung ausnutzen. Ähnlich ist das bei neuen Nachrichten, etwa einer Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank. Der Computer scannt fortlaufend die Nachrichtenticker und kauft bei einer Zinssenkung sofort – und damit schneller, als menschliche Händler es schaffen würden und bevor die Aktienkurse auf breiter Front steigen.

Das Geld für diese Geschäfte bekommen die Firmen von ihren Eigentümern, zu denen neben den Gründern oft auch die Mitarbeiter gehören. Die Unternehmen handeln auf eigene Rechnung, das heißt, sie haben keine Kunden und suchen daher auch nicht die Öffentlichkeit. Was den Erfolg oder Misserfolg ausmacht, ist klar: ein möglichst ausgefeilt programmierter Computer, der Anomalien im Markt erkennt und ausnutzt. Und ein superschneller Rechner. Wer seinen Kurs zuerst stellt, erhält den Zuschlag. Wer später kommt, muss engere Spannen anbieten, der Profit schrumpft.

Zeit ist Geld – nirgends gilt das mehr als hier

Jede Millisekunde zählt, es ist ein absurder Kampf um die letzten Zeitreserven in den Systemen. Mit enormem Aufwand haben die Hochfrequenzhändler und die Börsen die Zeit einer Transaktion von 2006 bis heute von 21 Millisekunden auf 0,3 Millisekunden verringert. Die Händler wollen ihre Rechner so nah wie möglich an den Börsencomputer plazieren, denn jeder Zentimeter mehr Kabel kostet Zeit.

Die Börsen haben deswegen Datenräume eingerichtet, in denen alle Händler den gleichen, normierten Abstand zum zentralen Server haben (Co-Locations). So wird jetzt die Verarbeitungsgeschwindigkeit in den Rechnern zum neuen Erfolgskriterium. Aber auch das schnelle Glasfaserkabel ist schon ein Auslaufmodell, nun sollen die Daten über Mikrowellen übertragen werden, und der noch schnellere Transport per Laser wird auch schon getestet. Zeit ist Geld – nirgends gilt das mehr als hier.

Neu ist die Hatz nach dem ultimativen Zeitvorsprung freilich nicht. Schon immer haben Händler versucht, schneller als die Konkurrenz zu sein. Zum Beispiel zu Zeiten der Ostindischen Kompanie. Schon damals im 17.Jahrhundert wurden in Amsterdam die ersten Optionen gehandelt – der Ursprung für die heute große Bedeutung der Stadt für den Options- und damit auch Hochfrequenzhandel. Diese Optionen schützten vor einem zu großen Preisanstieg von Gewürzen und anderen Gütern, die auf den Schiffen der Kompanie in die Niederlande transportiert wurden.

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