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Historische Finanzkrisen: Weltwirtschaftskrise : Die erste Weltwirtschaftskrise

  • -Aktualisiert am

Karl Marx sah mit der große Bankenkrise von 1857 den Untergang des Kapitalismus nahe - er hatte sich zu früh gefreut Bild: AP

Ein kleiner Bankangestellter in New York löste im Jahr 1857 eine Krise aus, wie sie die Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte. Es war die erste Weltwirtschaftskrise, und Karl Marx sah schon den Untergang des Kapitalismus gekommen. Er hatte sich zu früh gefreut.

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          Auf diese Nachricht hat Karl Marx in seinem Londoner Exil lange gewartet: Im Herbst 1857 brach in den Vereinigten Staaten eine noch nie dagewesene Wirtschaftskrise aus. Reihenweise brachen Banken zusammen und gingen Industrieunternehmen in Konkurs. Binnen kurzem stürzte sie Millionen Menschen auf der ganzen Welt in Arbeitslosigkeit, Hunger und Not. „Pleite ist ein anderes Wort für Hunger“, schrieb die „Chicago Tribune“. Wie ein Kartenhaus schien der Kapitalismus einzustürzen, genauso wie Marx es vorhergesagt hatte.

          Der Bankenkollaps sei einfach „beautiful“, schrieb er begeistert seinem Freund Friedrich Engels, und dieser antwortete genauso euphorisch: „Der American crash ist herrlich und noch lange nicht vorbei.“

          Schlimmer als Kriege und Revolutionen

          Die Bankenkrise von 1857 traf die Finanzwelt völlig unerwartet, und sie fügte der aufbrechenden Industriegesellschaft tiefere und schmerzhaftere Wunden zu als all die Kriege und Revolutionen der Jahre zuvor. Sie stürzte nicht nur die Vereinigten Staaten in tiefe Verzweiflung, sondern riss auch Deutschland, England, Skandinavien, Südamerika, Indien und zahlreiche andere Länder mit. Um Haaresbreite wäre Marx' düstere Voraussage wahr geworden, und der Kapitalismus hätte sich in ungezügelter Profitgier fast selbst zerstört.

          Ein Mann allein löste den Bankenkrach aus: Edward Ludlow, einfacher Angestellter im New Yorker Büro der angesehenen Bank Ohio Life Insurance and Trust Company. Die Bank verdiente prächtig am Eisenbahnboom, der die junge Nation erfasst hatte. Ludlow investierte immer zügelloser in Eisenbahnaktien, verlor jeden Sinn für das Maß, lieh sich bei anderen Banken das Geld für immer waghalsigere Spekulationen - und verlor alles.

          Lapidare Mitteilung über den Bankzusammenbruch

          Mit einem Kapital von nur 2 Millionen Dollar hatte die Bank 5 Millionen Dollar in ungenügend besicherte Eisenbahnkredite investiert - der Fall erinnert fatal an den Sturz der IKB Deutsche Industriebank im Sommer 2007. „Ich habe die unangenehme Pflicht bekanntzugeben, dass diese Gesellschaft ihre Zahlungen eingestellt hat“, teilte der Präsident der Ohio Life, Charles Stetson, am 24. August 1857 lapidar mit.

          Wie so oft in der Geschichte scheinen der Auslöser der Krise banal und die Gründe umso mehr im Verborgenen zu liegen. Nach dem Amerikanisch-Mexikanischen Krieg von 1846 bis 1848 hatte in den Vereinigten Staaten ein kräftiger Aufschwung eingesetzt. Die Menschen investierten in Eisenbahnbau, Industrie, Weizenerzeugung und Land. Doch 1856 versiegte der Zustrom neuer Pioniere im amerikanischen Westen, die dort eine eigene Farm kaufen wollten. Offenbar fürchteten sie eine politisch unruhige Lage in Kansas.

          Verheerende Abwärtsspirale

          Die ausbleibenden Siedler ließen die Landpreise fallen, die Eisenbahnen transportierten weniger Fahrgäste in den Westen, und die Aktienkurse der Eisenbahngesellschaften begannen zu stürzen. Dadurch wurde die Finanzlage für jene Banken eng, die auf einen lange anhaltenden Aufschwung gesetzt hatten - und das hatten fast alle getan, denn alle wollten sie dabei sein und sich nach Kräften bereichern.

          Als die Ohio Life den Bankrott erklären musste und ihre Gläubiger auf ihren Forderungen sitzen ließ, riefen die übrigen Banken ihrerseits die Kredite zurück, die sie anderen Banken und Industrieunternehmen gewährt hatten. Eine Abwärtsspirale setzte sich in Gang, der sich kaum jemand entziehen konnte.

          Das rettende Schiff versank im Meer

          Es kam noch schlimmer: Eilig wurde ein Schiff, die SS Central America, mit 3 Tonnen Gold aus den Minen Kaliforniens losgeschickt, um die New Yorker Banken mit Geld zu versorgen. Doch der Schaufelraddampfer sank am 12. September vor der Küste von South Carolina. Die Rettung für die notleidenden Banken blieb aus.

          Ende September hofften die Banken noch, die Farmer im Westen könnten ihre Weizenernte zu hohen Preisen nach Europa verkaufen wie in all den Jahren zuvor. Die Menge war hoch, und Westeuropa war auf die Lieferungen angewiesen. Denn seit 1853 tobte der Krimkrieg zwischen Russland auf der einen Seite und dem Osmanischen Reich, England und Frankreich auf der anderen Seite. Er schnitt Westeuropa von den riesigen Weizenüberschüssen Russlands ab, so dass der Kontinent immer mehr von Einfuhren aus den Vereinigten Staaten abhängig wurde.

          Der Frieden war die Ursache

          Im Frühjahr 1856 jedoch schloss der neue Zar Alexander II. Frieden, und damit öffnete sich wieder der russische Weizenmarkt für das übrige Europa. Auch 1858 konnten die amerikanischen Farmer ihre Ernte nicht nach Europa verkaufen. Die Weizenkrise im amerikanischen Westen traf nun auch die Industriebetriebe im Norden, deren wichtigster Absatzmarkt zusammenbrach. Mehr als 5000 Unternehmen konnten bis Ende 1857 ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen.

          Nur: Was muss es die Finanzwelt in Hamburg, Berlin oder Frankfurt stören, wenn im fernen Amerika die Farmer auf ihrer Ernte sitzen bleiben und die Industrie bankrott geht? Tatsächlich waren Europa und Amerika damals schon so sehr aufeinander angewiesen wie heute wieder in den Zeiten der modernen Globalisierung.

          Tatsächlich war die Weltfinanz schon eng verflochten. Die amerikanischen Banken hatten sich nicht nur untereinander Geld geliehen, sondern auch von englischen Banken, die deshalb rasch ihrerseits in Zahlungsschwierigkeiten gerieten.

          Deutschland holt den Aufschwung nach

          In Deutschland holte die Wirtschaft nach der gescheiterten Revolution von 1848 ihren Rückstand in der Industrialisierung in großen Schritten auf. Überall im Land wurden mit hoher Geschwindigkeit Eisenbahnstrecken gebaut. Hüttenwerke und Industriebetriebe entstanden allerorten. Die traditionellen Privatbankiers, die auf eigenes Risiko den Aufschwung und Unternehmerpioniere finanzierten, waren am Rande ihrer finanziellen Kräfte angelangt.

          Aktienbanken entstanden nach dem Vorbild des Crédit Mobilier in Frankreich. Weil deren Aktien an der Börse notiert waren, konnten diese Bank flexibel frisches Geld über Kapitalerhöhungen am Kapitalmarkt auftreiben und so neue unternehmerische Ideen in einer Größenordnung finanzieren, wie sie meistens die Möglichkeiten der Privatbanken überstieg.

          Die ersten Aktienbanken

          1853 gründeten vier Kölner Bankiers die Bank für Handel und Industrie in Darmstadt, eines der ersten Industriekreditunternehmen in Deutschland. In Köln verweigerte die preußische Regierung die Konzession. In Frankfurt widersetzten sich erfolgreich die Bankiers Rothschild dieser neuen Idee, die ihrer Meinung nach unwägbare Risiken für das Finanzsystem barg. Sie sollten nicht ganz Unrecht haben. Doch der Erfolg bei der Platzierung der Aktien war so immens, dass die Darmstädter Bank rasch Nachahmer fand.

          Der Zusammenbruch der Ohio Life traf zunächst nicht die Finanzplätze Frankfurt, Köln oder Berlin. Der wunde Punkt der deutschen Wirtschaft war die Welthandelsmetropole Hamburg, wenn auch erst mit einigen Wochen Verzögerung im November 1857. Die Speicher am Hafen waren prall gefüllt mit Luxus- und Kolonialwaren. In Erwartung einer weiterhin florierenden Wirtschaft betrugen die Lagerbestände das Doppelte des Durchschnitts der Jahre zuvor.

          Hamburg traf es besonders schlimm

          Als reihenweise die Handelswechsel in London und New York platzten, kam in Hamburg zur Absatzkrise rasch eine Finanzkrise hinzu. Im November und Dezember brach ein Hamburger Handelshaus nach dem anderen zusammen. Ende November erreichte die Konkurswelle Berlin und schließlich auch Skandinavien. Schließlich hing Schweden völlig von Hamburg „als seinem Exporteur, Wechselmakler und Bankier ab“, wie Marx damals schrieb.

          Die lauten Klagen der Geschäftsleute „ähnelten den vergeblichen Hilferufen, die dem Untergang eines Schiffes vorausgehen“, notierte Marx genüsslich. Für die staatlichen Versuche, den Kollaps der Wirtschaft aufzuhalten, hatte er nur beißende Häme übrig: „Diese Art Kommunismus, wo die Gegenseitigkeit völlig einseitig ist, erscheint den europäischen Kapitalisten ziemlich anziehend.“

          So heftig die erste Weltwirtschaftskrise auch war, so rasch wurde sie überwunden. Ende des Jahrzehnts knüpften die Wachstumsraten wieder an den Aufschwung, der mit der Industrialisierung einherging, wieder an. Karl Marx musste seine Hoffnung auf die Weltrevolution verschieben.

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