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Historische Finanzkrisen: Weltwirtschaftskrise : Die erste Weltwirtschaftskrise

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Der Frieden war die Ursache

Im Frühjahr 1856 jedoch schloss der neue Zar Alexander II. Frieden, und damit öffnete sich wieder der russische Weizenmarkt für das übrige Europa. Auch 1858 konnten die amerikanischen Farmer ihre Ernte nicht nach Europa verkaufen. Die Weizenkrise im amerikanischen Westen traf nun auch die Industriebetriebe im Norden, deren wichtigster Absatzmarkt zusammenbrach. Mehr als 5000 Unternehmen konnten bis Ende 1857 ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen.

Nur: Was muss es die Finanzwelt in Hamburg, Berlin oder Frankfurt stören, wenn im fernen Amerika die Farmer auf ihrer Ernte sitzen bleiben und die Industrie bankrott geht? Tatsächlich waren Europa und Amerika damals schon so sehr aufeinander angewiesen wie heute wieder in den Zeiten der modernen Globalisierung.

Tatsächlich war die Weltfinanz schon eng verflochten. Die amerikanischen Banken hatten sich nicht nur untereinander Geld geliehen, sondern auch von englischen Banken, die deshalb rasch ihrerseits in Zahlungsschwierigkeiten gerieten.

Deutschland holt den Aufschwung nach

In Deutschland holte die Wirtschaft nach der gescheiterten Revolution von 1848 ihren Rückstand in der Industrialisierung in großen Schritten auf. Überall im Land wurden mit hoher Geschwindigkeit Eisenbahnstrecken gebaut. Hüttenwerke und Industriebetriebe entstanden allerorten. Die traditionellen Privatbankiers, die auf eigenes Risiko den Aufschwung und Unternehmerpioniere finanzierten, waren am Rande ihrer finanziellen Kräfte angelangt.

Aktienbanken entstanden nach dem Vorbild des Crédit Mobilier in Frankreich. Weil deren Aktien an der Börse notiert waren, konnten diese Bank flexibel frisches Geld über Kapitalerhöhungen am Kapitalmarkt auftreiben und so neue unternehmerische Ideen in einer Größenordnung finanzieren, wie sie meistens die Möglichkeiten der Privatbanken überstieg.

Die ersten Aktienbanken

1853 gründeten vier Kölner Bankiers die Bank für Handel und Industrie in Darmstadt, eines der ersten Industriekreditunternehmen in Deutschland. In Köln verweigerte die preußische Regierung die Konzession. In Frankfurt widersetzten sich erfolgreich die Bankiers Rothschild dieser neuen Idee, die ihrer Meinung nach unwägbare Risiken für das Finanzsystem barg. Sie sollten nicht ganz Unrecht haben. Doch der Erfolg bei der Platzierung der Aktien war so immens, dass die Darmstädter Bank rasch Nachahmer fand.

Der Zusammenbruch der Ohio Life traf zunächst nicht die Finanzplätze Frankfurt, Köln oder Berlin. Der wunde Punkt der deutschen Wirtschaft war die Welthandelsmetropole Hamburg, wenn auch erst mit einigen Wochen Verzögerung im November 1857. Die Speicher am Hafen waren prall gefüllt mit Luxus- und Kolonialwaren. In Erwartung einer weiterhin florierenden Wirtschaft betrugen die Lagerbestände das Doppelte des Durchschnitts der Jahre zuvor.

Hamburg traf es besonders schlimm

Als reihenweise die Handelswechsel in London und New York platzten, kam in Hamburg zur Absatzkrise rasch eine Finanzkrise hinzu. Im November und Dezember brach ein Hamburger Handelshaus nach dem anderen zusammen. Ende November erreichte die Konkurswelle Berlin und schließlich auch Skandinavien. Schließlich hing Schweden völlig von Hamburg „als seinem Exporteur, Wechselmakler und Bankier ab“, wie Marx damals schrieb.

Die lauten Klagen der Geschäftsleute „ähnelten den vergeblichen Hilferufen, die dem Untergang eines Schiffes vorausgehen“, notierte Marx genüsslich. Für die staatlichen Versuche, den Kollaps der Wirtschaft aufzuhalten, hatte er nur beißende Häme übrig: „Diese Art Kommunismus, wo die Gegenseitigkeit völlig einseitig ist, erscheint den europäischen Kapitalisten ziemlich anziehend.“

So heftig die erste Weltwirtschaftskrise auch war, so rasch wurde sie überwunden. Ende des Jahrzehnts knüpften die Wachstumsraten wieder an den Aufschwung, der mit der Industrialisierung einherging, wieder an. Karl Marx musste seine Hoffnung auf die Weltrevolution verschieben.

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