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Historische Finanzkrisen: LTCM 1998 : Der Schock durch den Fonds der Nobelpreisträger

  • -Aktualisiert am

Ein Zahlungsmoratorium Russlands brach 1998 dem Hedge-Fonds LTCM das Genick Bild: picture-alliance/ dpa

Der Beinahe-Kollaps des Hedge-Fonds Long-Term Capital Management erschütterte 1998 das globale Finanzsystem. Die Episode war schnell vergessen.

          Am Nachmittag des 23. September 1998 schrieb William McDonough Finanzgeschichte. Der etwas bullige Präsident des New Yorker Ablegers der amerikanischen Notenbank Fed hatte die Vorstandsvorsitzenden aller großen Wall-Street-Banken sowie die Repräsentanten der wichtigsten europäischen Kredithäuser in einem kleinen Konferenzraum der Notenbank-Filiale in Manhattan zusammengepfercht.

          Thema der Sitzung war nichts Geringeres als die Rettung des Weltfinanzsystems. Denn ein bis dahin der Allgemeinheit kaum bekannter Hedge-Fonds namens Long-Term Capital Management (LTCM) hatte sich dramatisch verspekuliert und drohte einen Kollaps des Bankensystems auszulösen.

          Zeitreihen und Modelle

          LTCM war zu dieser Zeit mittels hochkomplexer Derivatekonstruktionen mit einem Eigenkapital von nur 2,2 Milliarden Dollar in Wertpapiergeschäfte verstrickt, die ein Nominalvolumen von atemberaubenden 1,25 Billionen Dollar hatten. Hätten sich die Banker nicht auf ein 3,6 Milliarden Dollar schweres Rettungspaket geeinigt, dann hätte der Untergang von LTCM einige dieser Kreditinstitute mit in die Tiefe reißen können. Doch auch so blieb LTCM ein Musterbeispiel für Selbstüberschätzung, für zu hohe Risiken durch maßlose Schulden - und dafür, wie sich renommierte Banker durch scheinbare Genies haben blenden lassen.

          Knapp fünf Jahre zuvor war der Hedge-Fonds, bestückt mit der akademischen Elite der Finanzwissenschaft, an den Start gegangen. Der Gründer, John W. Meriwether, hatte schon zu seiner Zeit als Rentenhändler bei der - später mit der Citicorp verschmolzenen - amerikanischen Investmentbank Salomon Brothers zahlreiche „Eierköpfe“ eingestellt - so nannten die Investmentbanker die von der Universität abgeworbenen Finanzwissenschaftler.

          Meriwether und seine Akademiker-Truppe setzten auf mathematische Zeitreihen und Modelle, mit deren Hilfe sie kleine Bewertungsunterschiede an den Rentenmärkten ausnutzten. Diese Arbitrage-Transaktionen brachten dem streng christlichen Rentenhändler und seiner Mannschaft sensationelle Erfolge, die eine Zeitlang einen Großteil des Gewinns von Salomon ausmachten.

          Kein Fonds, ein „Finanztechnologie-Unternehmen“

          Dann stolperte Meriwether über einen Skandal, den einer seiner Mitarbeiter auslöste. Der Händler Paul Mozer hatte sich unlauterer Geschäftsmethoden bedient. Meriwether wurde 1991 geschasst, obwohl er damals als Kronprinz für den Chefsessel bei Salomon Brothers galt. Nicht zuletzt der Ehrgeiz, diese Schmach wettzumachen und seinen Ruf wiederherzustellen, ließen Meriwether 1994 den Hedge-Fonds LTCM gründen.

          Dort trieb der Banker mit dem Pokergesicht die Idee des streng rationalen, die üblichen Emotionen eines klassischen Traders ausschaltenden Handels auf die Spitze. Er warb die besten Akademiker ein, die das MIT und Harvard zu dieser Zeit zu bieten hatten. Mit Hilfe dieser allesamt mit einem Doktortitel ausgestatteten, wegen ihrer Obsession für mathematische Zeitreihen „Quants“ genannten Wissenschaftler wollte Meriwether das scheinbar Unmögliche schaffen: äußerst hohe Renditen bei überschaubarem Risiko. Der Gründer pries LTCM nicht als gewöhnlichen Fonds an, sondern als eine Art „Finanztechnologie-Unternehmen“.

          Rekordeigenkapital, Rekordrenommee, Rekordkredite

          Unter anderem gehörten die Finanzprofessoren Myron Scholes und Robert Merton als Partner zu dem Fonds. Scholes und Merton erhielten später den Nobelpreis für die von ihnen entwickelte Preisformel für Optionen, die Grundlage für viele Derivategeschäfte war. Und mit David Mullins stieß der ehemals stellvertretende Chef der amerikanischen Notenbank und Anwärter auf die Nachfolge des legendären Alan Greenspan zu dem Hedge-Fonds. Mit Hilfe von Mullins gelang es, hochkarätige Investoren wie staatliche Institute, asiatische Notenbanken und große Pensionsfonds für LTCM zu gewinnen.

          1,25 Milliarden Dollar Eigenkapital sammelte Meriwether ein - ein Rekord für einen neuen Hedge-Fonds. Aus einem mahagonigetäfelten Händlerraum im noblen New Yorker Vorort und beliebten Hedge-Fonds-Standort Greenwich heraus legte LTCM dieses Geld an den Rentenmärkten an.

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