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Historische Finanzkrisen: LTCM 1998 : Der Schock durch den Fonds der Nobelpreisträger

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Die Strategie war, kleinste Unstimmigkeiten in den Preisen aufzuspüren und darauf zu wetten, dass die stets als „effizient“ angenommenen Märkte diese Mankos über die Zeit ausgleichen. Aus derartigen Preisdifferenzen konnte LTCM nur Kapital schlagen, wenn der Fonds enorme Beträge investierte. Um an diesem Riesenrad drehen zu können, nahm der Fonds ungewöhnlich hohe Kredite auf. Zeitweise standen jedem investierten Dollar Eigenkapital Kredite von 60 oder mehr Dollar gegenüber.

Verführt und genasführt

Den riesigen Schuldenhebel brachte Meriwether auf, indem er die Banken an der Nase herumführte. Denn er ließ seine Finanziers im Unklaren über die Investmentstrategien von LTCM, und er verriet den Geldgebern auch nicht, wie viel die jeweils andere Bank dem Fonds schon geliehen hatte.

Unter dem Nimbus des akademisch-intellektuellen Investmentfonds verbarg sich in Wahrheit nichts anderes als eine gewaltige Marketingmaschine. Die Macht über die Banken reichte so weit, dass Meriwether bei den meisten Wertpapierkäufen nicht einmal Eigenkapital als Sicherheit - den „Initial Margin“ - hinterlegen musste.

Kein Wunder, dass die Hedge-Fonds-Manager bei Bankern den Ruf hatten, äußerst arrogant und abgehoben zu sein. Doch der Erfolg der ersten Jahre gab den überdurchschnittlich intelligenten Händlern zunächst recht: Schon im ersten Jahr erzielte LTCM eine Rendite von 28 Prozent, in den darauf folgenden Jahren sprang der Gewinn zeitweise über 40 Prozent.

Doch schon 1997 wurde das Geschäft für LTCM immer schwieriger. Denn der Hedge-Fonds hatte längst zahlreiche Nachahmer gefunden, die kaum noch Raum ließen für Ineffizienzen an den Märkten. In der Folge ging LTCM immer riskantere Geschäfte ein und kaufte erstmals auch in großem Stil Aktien.

Die „Falle der Logiker“

Die Katastrophe kam im Jahr 1998. Im Sommer war die Asien-Krise auf Russland übergesprungen. Als Russland im August ein Schuldenmoratorium verhängte und den Rubel abwertete, wurden russische „Ramschanleihen“ über Nacht wertlos. In den darauf folgenden Tagen kollabierten auch die Kurse von Staatsanleihen weiterer Schwellenländer, und in vielen Bereichen der Finanzmärkte versiegte die Liquidität.

LTCM verlor allein an einem Tag mehr als eine halbe Milliarde Dollar. Der Fonds war in die „Falle der Logiker“ getappt, wie sie der britische Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton beschreibt: Die Mathematiker hatten sich auf ihre vergangenheitsbezogenen Modelle verlassen. Dabei hatten sie nicht berücksichtigt, dass es externe Schocks geben kann, die zu einem Austrocknen der Liquidität führen können. Wer genug Eigenkapital einsetzt, kann solche Phasen problemlos durchstehen. Doch wer exorbitant hohe Schulden hat, den zwingen die Gläubiger zu Notverkäufen, die wiederum mit hohen Verlusten einhergehen.

Alle paar Jahre ein Jahrhundertsturm

Diese ebenso simple wie einleuchtende Wahrheit kam in den hochkomplizierten Modellen der Wunderknaben aus Greenwich nicht vor. Meriwether entschuldigte das Desaster vielmehr mit einem „100-Jahres-Sturm“. Seltsam nur, dass ein derart seltener Sturm nur neun Jahre später, im Sommer 2007, schon wieder ausbrach.

Dieses Mal stehen bis auf eine Handvoll Ausnahmen die Hedge-Fonds - deren gesamtes Kapital seit 1998 um ein Vielfaches auf rund 1,9 Billionen Dollar angestiegen ist - zwar zunächst im Auge des Orkans. Seit einigen Monaten geraten aber immer mehr dieser Fonds in den Strudel. Abermals arbeiten viele mit einem hohen Schuldenhebel, der ihnen in der Liquiditätskrise zum Verhängnis wird. Um Nachschusspflichten gegenüber Banken bedienen zu können, müssen sie Wertpapiere notverkaufen.

Dieses Mal können die Fonds nicht darauf hoffen, dass die amerikanische Notenbank die führenden Bankenchefs für eine Rettungsaktion à la LTCM gewinnt. Denn dafür kämpfen die Banken zu sehr mit eigenen Schwierigkeiten. Und dafür sind es heute zu viele Hedge-Fonds.

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