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Historische Finanzkrisen: Japan 1990 : Börsenkrach im Zeichen der orakelnden Kröte

Die Kröte machte während der großen Spekulationsblase in Japan Karriere als Börsenorakel Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Scharenweise zogen hochrangige japanische Banker zu der Nachtclub-Besitzerin Nui Onoue. Eine Keramik-Kröte diente ihr als Orakel. Jahrelang schossen die Aktienkurse wie vorausgesagt in die Höhe. Doch im Jahr 1990 folgte dem Kursrausch der Zusammenbruch und ein jahrzehntelanger Kater.

          Das Orakel hatte gesprochen, und das Orakel hatte gefehlt. Zwar war Nui Onoue wie jedes Jahr mit einer handverlesenen Schar hochrangiger Banker zum Neujahrfest im vierten Stock ihres Osakaer Restaurants zusammengekommen; zwar hatte sie wie immer ihre Hände auf den Kopf einer ein Meter hohe Keramik-Kröte gelegt, sich in Trance gebracht und ein paar Mantras gesprochen. Doch anders als in den drei Jahren zuvor sollte die Prophezeiung der 61 Jahre alte Wirtin dieses Mal vollkommen danebenliegen.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Während sie den Aktien an der Tokioter Börse auch für das gerade begonnene Jahr 1990 rasch steigende Kurse vorhersagte, fand sich ihre Kundschaft zwölf Monate später am unteren Ende der Glücksspirale wieder. Das richtungweisende Kursbarometer Nikkei rauschte binnen Jahresfrist 40 Prozent in die Tiefe, der Marktwert aller an der Tokioter Börse notierten Firmen verlor 232 Billionen Yen oder 1,4 Billionen Euro, die landesweiten Preise für Grundstücke sanken insgesamt 200 Billionen Yen. Damit war die größte kreditfinanzierte Spekulationsblase der jüngeren Finanzgeschichte geplatzt.

          Noch Jahre später brechen die Banken zusammen

          Das zog noch Jahre später den Zusammenbruch mehrerer Großbanken wie LTCB nach sich; Brokerhäuser wie Yamaichi gingen unter; Kreditgenossenschaften und Hypothekenfinanzierer machten gleich reihenweise Pleite. Über das Kaiserreich im Fernen Osten zogen Depression und Deflation. Wohlhabende Japaner brachten Teile ihrer Vermögen ins Ausland. Die Nettoauslandsguthaben verdoppelten sich bis 1996 auf umgerechnet 650 Milliarden Euro. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt schien am Boden.

          Mit riesigen Konjunkturpaketen versuchte die Regierung, die Wirtschaft wieder auf die Beine zu stellen. Die Notenbank drückte den Leitzins 1995 auf null Prozent und flutete den Markt mit Liquidität. Darüber hinaus kündigte das Kabinett von Ryutaro Hashimoto zum April 1998 grundlegende Änderungen des Finanzsystems an. Allerdings sollte es vier weitere Jahre dauern, bis Teile seines sechs Kilogramm schweren, 2.100 Seiten dicken und als Big-Bang titulierten Reformplanes in die Tat umgesetzt werden und unter der Regierung von Ministerpräsident Junichiro Koizumi erste Ergebnisse zeigen konnte.

          Die Beharrungskräfte sind groß

          Denn die Kräfte der Beharrung im Land der aufgehenden Sonne waren groß. Hatte sich Nippons altes Wirtschaftssystem doch lange Zeit bewährt. Das im Weltkrieg weitgehend zerstörte Land war in nur zwei Dekaden zu einer der drei mächtigsten Wirtschaftsnationen der Welt aufgestiegen. Ausgehend von seiner korporatistischen Struktur mit staatlichen Zinsgarantien, geldpolitischen Kredit-Verteilungs-Quoten, einem hochregulierten Finanzmarkt und einer exportorientierten Industriepolitik hatte Japan seit den fünfziger Jahren ein erstklassiges verarbeitendes Gewerbe aufgebaut.

          Dabei hatten die auf den Kommandohügeln der Macht stehenden Beamten in den Ministerien für Internationalen Handel und Industrie (MITI) sowie Finanzen (MOF) Gesetze zur Hand, die nach Tokios Bankenkrach von 1927 und der Weltwirtschaftskrise drei Jahre später verabschiedet worden waren und ihnen die Kontrolle über die Entwicklung der Wirtschaft gaben. Dazu zählten die Vorschriften zur Verhinderung der Kapitalflucht, zur Kontrolle der Wechselkurse und der Verteilung von Finanzressourcen, das Gesetz zur Mobilmachung, zur Kriegsfinanzierung und zur Staatskontrolle der Zentralbank.

          Völlig veraltete Institutionen

          Darüber hinaus hatten wichtige Kriegsinstitutionen den Kollaps des Landes fast unbeschädigt überstanden. Aus dem Munitionsministerium wurden das MITI und die Agentur zur Wirtschafts-Planung. In der Beamtenschaft gab es kaum Karrierebrüche. Aus den staatlichen Gremien zur Kontrolle der Kriegsindustrie wurden zivile Branchenverbände. Der Neuaufbau des Landes fand im Rahmen alter Strukturen statt. Yukio Noguchi und Eisuke Sakakibara nannten es in einer 1977 erschienen Studie Japans „Kriegssystem zur totalen wirtschaftlichen Mobilmachung“.

          So konnte das MITI die Amerikaner 1950 dazu drängen, Teile ihrer Ausrüstung für den Koreakrieg aus Japan zu beziehen. Später schirmten sie Schlüsselbranchen wie den Autobau und die Elektronik durch Importzölle vor ausländischer Konkurrenz ab. Das Finanzministerium betrieb eine investitionsfreundliche Steuerpolitik und hielt den von den Amerikanern 1949 fixierten Wechselkurs von 360 Yen für einen Dollar. Die Zentralbank kanalisierte Bankkredite in Grundlagenindustrien und Wachstumsbranchen.

          Rasantes Wachstum bis Ende der Sechziger

          Darüber hinaus förderte Tokio das Zusammenrücken von Banken und Firmen zu Konglomeraten, erleichterte deren Überkreuzbeteiligungen und die Bildung hunderter Kartelle. Die Basis der Japan AG war gelegt. Bis Ende der Sechziger wuchs die Wirtschaft jedes Jahr im zweistelligen Prozentbereich. Das machte Nippon nach Amerika und vor Deutschland zur zweitstärksten Volkswirtschaft der Welt. Auch die Aufkündigung des Finanzsystems von Bretton Woods mit seinen an den goldhinterlegten Dollar gekoppelten Wechselkursen durch die Amerikaner 1971, eine erste hausgemachte Spekulationsblase und die beiden Ölkrisen brachten Japan nicht aus der Spur.

          Zwar stand die japanische Währung nun unter Aufwertungsdruck. Doch die Verteuerung von 360 Yen für einen Dollar auf 204 Yen im Jahr 1980 konnte die Industrie nicht bremsen. Vielmehr verdreifachte Japan im gleichen Zeitraum den Export in die Vereinigten Staaten auf 7,1 Billionen Yen. Als die Ausfuhren 1984 bei 14 Billionen Yen lagen, der Dollar durch die straffe Geldpolitik der Fed, Zinsen im amerikanischen Geldmarkt von 20 Prozent und einer anhaltend hohen Nachfrage nach Krediten weiter aufwertete, sah sich die Reagan-Administration gezwungen zu handeln.

          Gigantisches Zwillingsdefizit in Amerika

          Verbuchte Amerika 1979 ein Handelsdefizit von 24 Milliarden Dollar, waren es 1985 mehr als 120 Milliarden Dollar. Dazu kam eine Staatsverschuldung, die sich in fünf Jahren auf 1,8 Billionen Dollar verdoppelt hatte. Dieses Zwillingsdefizit drohte, den Dollar weiter steigen und die Wirtschaft in einer Sackgasse stecken zu lassen. Amerika schlug neue Wege ein. Zunächst schloß es 1984 mit Tokio das Yen-Dollar-Agreement ab, drängte auf Deregulierungen japanischer Vorschriften über Zinsen für Bankeinlagen, neue Finanzprodukte und Zugänge zum Euro-Yen-Markt.

          Im September 1985 gingen die Amerikaner den nächsten Schritt. Sie versammelten die Finanzminister der fünf größten Wirtschaftsnationen im New Yorker Hotel Plaza, ließen sie ein Abkommen zur gezielten Abwertung des Dollar unterschreiben und verpflichtete sie zu spezifischen Zielen: Amerika versprach die Schuldenreduzierung, Japan die Lockerungen der Geldpolitik und Reformen des Finanzsektors. Zwei Jahre später hatte Washington sein Defizit zwar nicht gesenkt, sondern auf 2,3 Billionen Dollar erhöht. Doch der Dollar war um die Hälfte abgewertet.

          Die Bank von Japan lockert die Geldpolitik

          Im Gegenzug wertete der Yen auf. Um potentielle Export-Schocks durch die starke Währung zu dämpfen, startete die Bank von Japan wenige Wochen nach dem Abkommen eine lockere Geldpolitik. Unter Gouverneur Satoshi Sumita senkte sie den Leitzins von 5 auf schließlich 2,5 Prozent, verbreiterte die monetäre Basis um 9 Prozent im Jahr und die Quoten zur Vergabe von Bankkrediten um 12 Prozent. Darüber hinaus leitete Tokio über die Börse Privatisierungen wie die des Telekomgiganten NTT oder der Fluggesellschaft JAL ein und packte erste Deregulierungen des heimischen Finanzmarktes an.

          So hatte Japan in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre seine alten Devisen-, Wechselkurs- und Handelsgesetze in wichtigen Teilen gelockert, das Bankengesetz begonnen zu revidieren, ausländische Institute mit dem von ihnen gewünschten Geschäfts-Code, heimische Investoren mit Zugängen zu Märkten in Übersee versehen und Restriktionen von Euo-Yen-Anleihen, sowie Euro-Yen-Krediten aufgehoben. Fortan konnten Japans Konzerne große Teile ihrer Investitionen leicht über die internationalen Finanzmärkte finanzieren.

          Japanische Konzerne auf Shoppingtour

          Vor diesen Hintergründen gingen sie auf Shoppingtour. Matsushita kaufte für mehr als 6 Milliarden Dollar das amerikanische Medienhaus MCA, Sony legte etwa 4 Milliarden Dollar für die Hollywood-Studios Columbia hin. Sumitomo stieg bei Goldman Sachs ein, Nippon Life bei Shearson Lehman Brothers. Mitsubishi erwarb das Rockefeller Center in New York. Harunori Takahashi von Eie International zog mit seiner privaten Boeing und einer milliardenhohen Kreditlinie der Long-Term-Credit-Bank durch die Welt und erstand Hotels der Marken Regent und Hyatt.

          Diese Einkaufstour der liquiden Investoren aus Fernost setzte sich an der Börse von Tokio fort. Gemessen an den gehandelten Aktienwerten wurde die Tokyo Stock Exchange 1988 vor New York der größte Marktplatz der Welt. Der Nikkei legte jedes Jahr 30 Prozent zu. Der addierte Marktwert der börsennotierten Firmen vervierfachte sich. Japanische Aktien machten 42 Prozent des Wertes aller weltweit gehandelten Aktien aus. Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) überstieg den Wert von 60, die 1987 privatisierte Telekomgesellschaft NTT schaffte es gar auf 300.

          Auch der Immobilienmarkt boomt

          Dem standen der Immobilienmarkt nicht nach. In Tokio verbuchten Grundstücksbesitzer Wertzuwächse von 50 Prozent im Jahr. Der Stadtteil Chiyoda wurde auf den Preis von ganz Kanada taxiert. Der Wert des als unverkäuflich geltenden Kaisergartens lag höher als der Kaliforniens. Mit dem Aufblasen der Spekulationsblase wuchs auch der Finanzsektor. Steckten doch die Banken gewaltige Summen in den Immobilienmarkt, trieben so die Preise hoch und kreierten damit neue Beleihungswerte. Nahmen sie doch seit dem Bankencrash von 1927 bei Kreditgeschäften gern Grundstücke als Sicherheit in ihre Bücher.

          Die Geschäftsbanken erhöhten allein in den achtziger Jahren ihre Vermögenswerte 80 Prozent. 1990 kamen die ihrer Bilanzsumme nach zehn größten Finanzhäuser der Welt aus Nippon. Binnen eines halben Jahrzehnts hatten sie neue Aktien im Wert von 50 Milliarden Dollar ausgereicht und sich auf dem Euro-Dollar-Markt umgerechnet 1,5 Billionen Dollar geborgt. Damit stiegen sie in internationale Geschäfte wie die kreditfinanzierten Übernahme von RJR Nabisco durch KKR ein. Nomura griff auf mehr Kapital zu als die amerikanischen Konkurrenten Salomon, Lehman und Merrill Lynch zusammen.

          Die Notenbank zieht die Zügel an

          Zu diesem Zeitpunkt hatten viele japanische Spekulanten die Zentralbank nicht mehr auf der Rechnung. Das war ein Fehler. Denn als Yasushi Mieno im Dezember 1989 Notenbankgouverneur wurde, kündigte er unverzüglich an, die Geldpolitik zu straffen, die Leitzinsen zu erhöhen und dem wilden Treiben an den Märkten ein Ende zu bereiten. Über die kommenden Wochen und Monate zurrte er die monetäre Basis nahe 40 Billionen Yen fest, kappte die Steigerung der Kreditquoten und hob den Diskontsatz auf 6 Prozent. Das zeigte Wirkung. Bis August hatte das Börsenbarometer Nikkei 10.000 Zähler, bis Dezember 16.000 Zähler verloren.

          Den Spekulationen ging das Geld aus, kreditfinanzierte Börsengeschäfte schlugen fehl, die Banken blieben auf Bergen fauler Kredite sitzen. Die Vorstände brauchten zehn Jahre, eine Wirtschaftsdauerkrise, zwei Konsolidierungswellen, drei milliardenschwere Kapitalspritzen der Regierung und starken Druck seitens reformorientierter Bürokraten in Kabinett und Notenbank, um wieder Herr über ihre Bilanzen zu werden. Die Japan AG wurde aufgedröselt, das überkommene System der totalen Wachstumsmobilisierung um jeden Preis fallen gelassen.

          Das legendäre MITI wird zerschlagen

          Das MITI wurde mit den Administrationsreformen von 2001 zerschlagen. Die Zentralbank erhielt die lange Zeit schwer umkämpfte geldpolitische Unabhängigkeit. Die Postbank mit ihren billionenschweren Einlagen, das traditionelle Finanzinstrument der Tokioter Politik, wurde zur Privatisierung ausgeschrieben. Bei Banken wie LTCB, Yamaichi oder die Nippon Credit Bank stiegen amerikanische Investoren ein. Das Tokioter Finanzministerium verlor die Aufsicht über das Budget, die Banken und die Geldpolitik. Am Ende musst das einstmals mächtigste Ministerium des Inselreiches auch seinen altehrwürdigen Namen „Okurasho - Die große Magazin-Zentralbehörde“ aufgeben.

          Zur gleichen Zeit stand Nui Onoue vor ihren Richtern. Die nun schon etwas betagte Wirtin und Wahrsagerin aus Osaka war 1991 verhaftet worden. Im März 1998 erhielt sie ihr Urteil: 12 Jahre Gefängnis. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass sie sich mit falschen Einzahlungsbelegen und der Rückendeckung eines Angestellten ihrer Hausbank Kredite über umgerechnet gigantische 25 Milliarde Dollar von Finanzhäusern wie Japans Industrial Bank erschwindelt, damit am Aktienmarkt gehandelt und Kurse manipuliert hatte. So stieg sie zur größten Börsenspekulantin ihrer Tage auf. Gerüchte, dass hinter ihr ein Mafia-Syndikat stand, wurden nicht erhärtet. Onoue musst hinter Gitter - diese Kröte hatte sie zu schlucken.

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