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Historische Finanzkrisen: Japan 1927 : Das große Wackeln von Tokio

Das schwere Erdbeben von 1923 erschütterte auch das japanische Finanzsystem und trug erheblich zur Krise bei Bild: AP

Erst bebte Tokio, dann die Börse und schließlich die gesamte Wirtschaft. Japan erlebte im Jahr 1927 die bis dahin schwerste Bankenkrise seiner Geschichte.

          5 Min.

          Das Desaster begann mit einem kurzen Satz. Als Japans Finanzminister Naoharu Kataoka am 14. März 1927 vor dem Parlament stand, sprach er erst von Deflation, dann vom Goldstandard und schließlich von drohenden Schieflagen vieler Banken.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Opposition war alarmiert. Sie zettelte eine Debatte an und verschärfte den Ton. Der Minister zeigte Nerven. Nach einem stundenlangen Wortgefecht verlas er wutentbrannt eine ihm gerade ans Rednerpult gereichte Notiz: „Heute Mittag ging Tokios Watanabe-Bank pleite.“ Die Abgeordneten waren geschockt.

          Ein unbedachter Satz löst Panik aus

          Schon im Januar waren in Tokio fünf Sparkassen Bankrott gegangen. Mit Watanabe sollte nun eine Großbank am Ende sein. Damit stand Japan vor der schwersten Finanzkrise seiner Geschichte. In ihrem Verlauf verschwanden vierhundert Banken vom Markt, 10 Prozent aller Spareinlagen wurden ausgelöscht, ein Fünftel des Nationaleinkommens zur Rettung der Branche eingesetzt, und eine Regierung trat zurück.

          Am Tag nach Kataokas fatalem Satz geriet Tokio in Panik. An der Börse stürzten die Kurse, auf den Straßen tobte die Menge. Binnen einer Woche schlossen zwölf Institute ihr Tore, einen Monat später waren alle Banken dicht.

          Der Eisberg der unsinkbaren Hausbank

          Zu dieser Zeit war schon die zweite Krisenwelle herangerollt. Ende März kappte die Bank von Taiwan der Suzuki Shoten alle Kreditlinien. Damit verlor das größte Handelshaus Japans seine Hausbank. Die Bank von Taiwan war sowohl als Zentralbank für das von Japan kolonialisierte Taiwan wie auch als Geschäftsbank für japanische Unternehmen tätig. Sie hatte den Suzukis im Ersten Weltkrieg den Aufstieg von einer Kaufmannsfamilie zu einem Handelsimperium finanziert.

          In den zwanziger Jahren stieg Suzuki in den kapitalintensiven Schwermaschinenbau ein. Das Unternehmen verfünffachte die Schulden und machte riesige Verluste. Das schlug auf die Bank von Taiwan durch. Bestand ihr Kreditbuch doch zur Hälfte aus Darlehen an Suzuki.

          Noch im Januar hatte Naokichi Kaneko, der Chef des Handelshauses, erklärt: „Die können uns gar nicht versenken.“ Er sollte sich täuschen. Die Banker aus Taipeh verloren im Februar 1927 am Tokioter Geldmarkt ihre Glaubwürdigkeit. Sie konnten daher keine frischen Mittel mehr aufnehmen und an Suzuki weiterreichen. Anfang April kollabierte das hochverschuldete Handelshaus.

          Notfonds verweigert

          Damit stand die Bank von Taiwan vor dem Aus. Zur Stützung des für die expansive Außenpolitik Japans wichtigen Instituts plante das Finanzministerium einen millionenschweren Notfonds.

          Den sollte die Bank von Japan finanzieren, die Regierung garantieren und der Kaiser legalisieren. Der geheime kaiserliche Staatsrat verweigerte die Zustimmung. Das Kabinett des liberalen Regierungschefs Wakatsuki trat Mitte April zurück. Stunden später schloss die Bank von Taiwan die Türen. Ihr folgten die Oumi- und die Jugo-Bank, die die Konten des Kaiserhofs verwaltete.

          1600 Banken machten dicht

          Nun gab es kein Halten mehr. Bis Ende des Monats machte landesweit eine Bank nach der anderen dicht. Im Inselreich wurden fast alle der 1600 Banken geschlossen. Davon sollte ein Viertel nicht wieder öffnen. Das Land befand sich im finanzpolitischen Ausnahmezustand.

          Die konservative Seiyukai-Partei übernahm die Regierung und stellte ihre erste Garde ans Steuer der Macht. Finanzminister wurde der ehemalige Ministerpräsident Korekiyo Takahashi. An die Spitze der Bank von Japan rückte Junnosuke Inoue, der schon zu Beginn der Zwanziger Gouverneur der Zentralbank und Retter damals schwer angeschlagener Privatbanken gewesen war.

          Geldflut von der Zentralbank

          Zunächst erwirkte der Finanzminister ein dreiwöchiges Schuldenmoratorium. Dann holte Notenbankchef Inoue zur Rettung der Bank von Taiwan und zur Stützung der Finanzbranche den Plan seines Vorgängers hervor.

          Die Tokioter Zentralbank – eine Gesellschaft des öffentlichen Rechts, deren Kapitalanteile bis heute jedoch zur Hälfte bei Privatinvestoren liegen – sollte ohne Rücksicht auf Verluste die Rolle als letzter Retter in der Not spielen. Inoue schoss massiv Kapital in die Bank von Taiwan, gründete für angeschlagene Geschäftsbanken eine Auffanggesellschaft, erzwang sich Einblick in deren Bücher und warf die Notenpresse an.

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