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Historische Finanzkrisen: Frankreich 1789 : Die 30 Mädchen von Genf

Eine der ersten Wirtschaftskrisen der Geschichte ereignete sich kurz vor der französischen Revolution. Die Regierung brauchte dringend Geld - und ließ sich auf 30 Genfer Mädchen ein.

          Die Französische Revolution von 1789 besaß mehrere Ursachen, die nicht allesamt ökonomischer Natur waren. Einer der Gründe für die Unruhe im Lande, die schließlich zur Revolution führte, war jedoch die verzweifelte Lage der französischen Staatsfinanzen.

          Zur Überschuldung hatte neben der Gier der kriegslüsternen französischen Krone ein von Genfer Bankiers entwickeltes, damals außerordentlich erfolgreiches Finanzprodukt beigetragen: vom Staat gezahlte Leibrenten, deren Dauer von der Lebenserwartung von 30 jungen Mädchen aus dem Genfer Bürgertum („Trente Demoiselles de Genève“) abhing. Die Finanzierung des Staates durch die Aufnahme von Schulden war damals nicht ungewöhnlich und wurde nicht nur von Frankreich betrieben.

          Es war nicht zuletzt das Geschäft mit Staatsschulden, das Bankhäuser wie Rothschild aufsteigen ließ und zur Entwicklung des Börsenhandels an vielen Finanzplätzen beitrug.

          Teure Kriege ruinieren das Land

          In Frankreich wurde die Lage in jener Zeit, die als Ancien Régime bezeichnet wird, kritischer als zum Beispiel in England. Die Staatsfinanzierung war schwierig, weil der Adel und die Kirche von der Steuerzahlung befreit waren und Steuererhöhungen im Rest der Bevölkerung unbeliebt waren. Als verheerend erwiesen sich jedoch vor allem die immensen Ausgaben für das Militär. In den Jahren zwischen 1689 bis 1789 befand sich Frankreich rein statistisch jedes zweite Jahr in einem teuren Krieg - meist gegen den alten Rivalen England.

          Das Ancien Régime wäre vielleicht schon vor 1789 kollabiert, wenn nicht einzelne Finanzminister mit Erfolg versucht hätten, sein Leben zu verlängern. Der bedeutendste unter ihnen war Jacques Necker (1732 bis 1804), Sohn eines Anwalts aus dem pommerschen Küstrin und erfolgreicher Bankier in der Schweiz. In seiner ersten Amtszeit als Minister unter König Ludwig XVI. von 1776 bis 1781 gelang es Necker, die Steuererhebung zumindest zum Teil zu zentralisieren und damit effizienter zu gestalten.

          Der Finanzminister als Totengräber des Regimes

          Außerdem wirkte er auf Ausgabenkürzungen hin. Die Abhängigkeit der Staatsfinanzen von der Schuldenaufnahme vermochte allerdings auch er nicht zu beseitigen. „In 50 Friedensjahren ließe sich der Staat sanieren“, sagte er einmal, wohl wissend, dass es keine 50 Friedensjahre geben würde, weil Frankreich andauernd Kriege führte, die seine Finanzen stets aufs Neueste belasteten. So versuchte Necker, die Möglichkeiten des Staates zu verbessern, Geld aufzunehmen.

          In seinen beiden letzten kurzen Amtszeiten in den Jahren 1788 und 1789 war es für Reformen schon zu spät. Neckers Bild in der Geschichte hat starken Schwankungen unterlegen. In den Jahrzehnten nach der Revolution und noch lange danach galt er als einer der Totengräber des Ancien Régime. Erst im vergangenen Vierteljahrhundert haben vor allem amerikanische Wirtschaftshistoriker ein günstigeres Bild gezeichnet.

          Kapitalanlage und Lotterie zugleich

          Ein wichtiges Finanzierungsinstrument für den Staat war die Zahlung von Leibrenten, die in unterschiedlichen Variationen existierten. Im Grundsatz lief es darauf hinaus, dass Bürger dem Staat einen Kapitalbetrag überließen und dafür Zahlungen erhielten, die bis zum Tode einer im Leibrentenvertrag genannten Person geleistet wurden. Diese im Vertrag genannte Person war meist der Empfänger der Leibrente, es war aber auch möglich, eine fremde Person, zum Beispiel den König von Preußen, anzugeben.

          Eine spezielle Form der Leibrente waren die sogenannten „Tontines“, die es auch in England gab. Das Prinzip ging zurück auf einen italienischen Finanzier namens Tonti, der es im 17. Jahrhundert dem politisch einflussreichen französischen Kardinal Mazarin angeboten hatte. In einer „Tontine“ bündelten mehrere Anleger ihr Kapital, das sie dem Staat gegen die Zahlung einer Leibrente anboten. Der Trick bestand darin, dass jedes Mal, wenn ein Anleger starb, seine Leibrente an die überlebenden Anleger gezahlt wurde. Wer also alle anderen Partner überlebte, erhielt auch deren Leibrenten und war somit ein gemachter Mann. Eine „Tontine“ war Kapitalanlage und Lotterie zugleich.

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