https://www.faz.net/-gv6-rih9

Historische Finanzkrisen: Frankreich 1789 : Die 30 Mädchen von Genf

Den Partner einfach ermorden lassen

Allerdings besaß sie einige Nachteile. Der Bezug einer Leibrente war zwar für den Anleger eine feine Sache, weil sie der Staat meist höher verzinste als eine Staatsanleihe. Aber aus der Sicht der Erben war eine Leibrente ihrer Eltern weniger attraktiv als eine Anleihe, die neben Zinszahlungen auch eine Rückzahlung des Kapitals vorsah. Außerdem waren die „Tontines“ der Tugend nicht förderlich. Da es für einen Anleger, der sich an einem solchen Produkt beteiligte, lohnend war, seine Partner zu überleben, luden die „Tontines“ dazu ein, Partner zu ermorden oder ermorden zu lassen. Aus diesem Grunde wurden sie später in Großbritannien verboten, und auch in Frankreich kam Tontis konkretes Produkt außer Mode.

Dafür revitalisierten Genfer Bankiers in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Prinzip der Leibrente mit überragendem Erfolg. Sie gingen von der einfachen Überlegung aus, dass Leibrenten für Anleger umso attraktiver sein mussten, je länger die Personen lebten, an denen sich die Dauer der Rentenzahlung durch den französischen Staat ausrichtete. Wer aber besaß eine längere Lebenserwartung als gesunde Mädchen aus dem Genfer Bürgertum, die gerade ihre Kinderkrankheiten hinter sich hatten?

Junge Mädchen als Messlatte für Wertpapiere

Die Bankiers suchten 30 gesunde junge Genfer Mädchen aus und entwickelten eine Leibrente, die vom französischen Staat so lange gezahlt werden sollte, bis das letzte der jungen Mädchen als alte Frau sterben würde. Auf der Basis dieses Produkts kauften die Genfer Banken zunächst mit eigenem Geld Leibrenten vom französischen Staat, die sie in handelbare Wertpapiere transformierten - modern würde man von einer Verbriefung von Forderungen sprechen. Diese Papiere waren bei Anlegern innerhalb und außerhalb Frankreichs sehr beliebt, da sie dank der erwartet langen Lebensdauer der 30 Mädchen eine besondere Qualität besaßen - heutzutage würde man sagen, sie besaßen ein sehr gutes Rating.

Die Popularität dieser und anderer Leibrentenprodukte hat wesentlich zu jener Überschuldung beigetragen, die das Ancien Régime wenig später in den Abgrund trieb. Mit leichter Übertreibung ließe sich sagen, dass die 30 Genfer Mädchen so indirekt zur Revolution von 1789 beitrugen. Allerdings fragt sich aus heutiger Sicht, warum sich der französische Staat und die Anleger auf dieses Abenteuer einließen.

Inflation hausgemacht

Die Anleger und ihre Banken wussten nicht um den Zustand der französischen Staatsfinanzen, da die wahren Zahlen das Geheimnis der Krone und ihres Finanzministeriums blieben. Transparenz, wie es sie heute gibt, existierte damals nicht. So war auch nicht bekannt, dass die Krone einen immer größeren Teil ihrer Schulden durch die Ausgabe zusätzlicher Banknoten finanzieren ließ. Der Staat wiederum nahm hemmungslos das Geld der Anleger, weil er andernfalls hätte Bankrott anmelden müssen. Eine langfristige Finanzplanung betrieb er sowieso nicht. Ob der anschließende Zusammenbruch vermeidbar war, ist unter Historikern umstritten.

Als die Lage ausweglos zu werden drohte, berief König Ludwig XVI. im Jahre 1789 zum ersten Mal seit 1614 die Generalstände ein; ein Gremium von Vertretern der drei Stände (Adel, Kirche und dritter Stand), das nur in Krisenzeiten zusammentrat. Die Vertreter des dritten Standes, die überwiegend das Bürgertum vertraten, nutzten die Schwäche der Krone, um ihre Macht auszubauen, was wenig später zur Revolution führte. Die vom Ancien Régime angehäuften Staatsschulden wurden wertlos, als die Währung in der Revolution kollabierte. Für geordnete monetäre Verhältnisse sorgte im Jahre 1800 Napoleon Bonaparte mit der Gründung der Banque de France.

Weitere Themen

Fahrtkosten absetzen

Der Steuertipp : Fahrtkosten absetzen

Wenn ein Mehrkostenaufwand durch längere Fahrten zum Arbeitsplatz entsteht, so kann man die Fahrtkosten bei der Steuer absetzen. So geht’s.

Topmeldungen

Proteste gegen China : Hongkong ist eine Gefahr für die Weltwirtschaft

Chinas innenpolitischer Konflikt bedroht die ohnehin schon trübe Weltkonjunktur. Auch Pekings Vorgehen gegen die Fluggesellschaft Cathay sollte deutschen Unternehmen eine Warnung sein – denn auch Daimler und Lufthansa gerieten schon mal ins Fadenkreuz.

TV-Kritik: Anne Will : Wiederbelebung der Neiddebatte

Die SPD hatte bisher das einzigartige Talent, die Probleme ihrer Konkurrenz zu den eigenen zu machen. Bei der Debatte um den Solidaritätszuschlag scheint das anders zu sein, wie bei Anne Will zu beobachten war.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.