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Historische Finanzkrisen: Frankreich 1720 : Aufstieg und Fall von John Laws Finanzsystem

Hasardeur oder Geldtheoretiker?
          5 Min.

          Kein Monarch hat in Europa länger regiert als Ludwig XIV. von Frankreich (1638 bis 1715). Der „Sonnenkönig“ machte Frankreich während seiner Regentschaft zur mächtigsten Nation in Europa - allerdings auf Kosten eines gewaltigen Schuldenbergs, zu dem vor allem die zahlreichen Kriege beigetragen hatten. „Ganz Frankreich ist ein Armenhaus“, konstatierte der Schriftsteller François de Salignac de La Mothe-Fénelon.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

          Der Schuldenberg von 2,8 Milliarden Livres war so gewaltig, dass er einen Staatsbankrott nahelegte. Unter der Herrschaft des Herzogs von Orléans, der den Thron nach Ludwigs Tod für dessen Urenkel verwaltete, unternahm die Krone halbherzige Versuche, die Schulden zu reduzieren. Ein Teil der Außenstände wurde einfach nicht zurückgezahlt; andererseits besorgte man sich durch Münzmanipulationen zusätzliche Mittel. Die Situation verlangte jedoch nach einem radikalen Schritt - und diesen versprach dem Herzog von Orléans der Schotte John Law (1671 bis 1729).

          Vom Bankrotteur zum Geldtheoretiker

          Laws Bild in der Geschichte unterlief starken Schwankungen. Lange Zeit galt er als Schwindler und als Bankrotteur; andererseits reihte ihn kein Geringerer als Joseph Schumpeter in seiner Dogmengeschichte unter die „ersten Geldtheoretiker aller Zeiten“ ein.

          Law wuchs als Sohn eines begüterten Goldschmieds in Edinburgh auf und ging dann nach London, wo er das Geld- und Bankwesen seiner Zeit studierte und nebenher einen Kontrahenten in einem Duell tötete. Dem Todesurteil entging er durch Flucht auf den europäischen Kontinent. Seine 1705 verfassten „Betrachtungen über das Geld und den Handel einschließlich eines Vorschlags zur Geldbeschaffung für die Nation“ begründeten seinen Ruf als Ökonom.

          Law war vor allem ein Gegner des damals umlaufenden Edelmetallgeldes in Gestalt von Gold- und Silbermünzen und ein Befürworter des Papiergeldes. Edelmetallgeld sei zu selten und zu unpraktisch, um einen kräftigen Wirtschaftsaufschwung zu finanzieren, lautete sein Befund. Statt dessen entwickelte er das Modell eines durch Grund und Boden gedeckten Papiergeldes. Außerdem erkannte er früh die Bedeutung des Kredits als Voraussetzung für die Geschäftsentfaltung leistungsfähiger Unternehmer - ein Gedanke, den Schumpeter 200 Jahre später neu entdeckte und der sich bis heute mit dem Namen des Österreichers verbindet.

          Von der Bank zur Notenbank

          Law wollte nicht nur als Theoretiker, sondern auch als Praktiker Triumphe feiern. Die Gelegenheit bot ihm, gegen heftige Widerstände der Franzosen, der Herzog von Orléans. Die Anfänge waren bescheiden: Law durfte im Jahre 1716 in Paris zunächst eine normale Bank, die Banque Générale, gründen, die das Recht zur Ausgabe eigener Banknoten besaß.

          Law machte sich bei der Krone beliebt, indem er die Aktien seiner Bank nicht nur gegen Geld, sondern auch gegen Staatspapiere an Anleger verkaufte. Damit reduzierte er die Zahl der umlaufenden Staatspapiere. Die Banque Générale war nicht sehr groß, verdiente aber gutes Geld. Im Jahre 1718 wurde sie vom Staat aufgekauft und in Banque Royale umbenannt. Mit der Krone im Rücken konnte Law nun ein großes Rad drehen.

          Phantasie treibt Kurs

          Die Bank war aber nur ein Bestandteil von Laws „Finanzsystem“, wie er es nannte. Der zweite Bestandteil war die Compagnie d'Occident, eine Handelsgesellschaft, die zunächst das Recht erhielt, die französischen Besitztümer am Unterlauf des Mississippi zu entwickeln. Die Aussicht, die Region um den heutigen amerikanischen Bundesstaat Louisiana in eine reiche Region zu verwandeln, ließ den Aktienkurs der Compagnie d'Occident rasch steigen.

          Dass dort nur 500 Franzosen und vermutlich nicht sehr viel mehr Indianer lebten und die dort vermuteten Goldvorkommen lediglich der Phantasie entsprangen, störte die auf Hausse spekulierenden Anleger nicht.

          Law baute die Compagnie mit Unterstützung der Krone durch zahlreiche Akquisitionen aus. So erwarb er die Handelsrechte für die Kolonien in Indien, Afrika und China, das Tabakmonopol in Frankreich, die königlichen Münzstätten und das Recht zur Eintreibung des größten Teils der Steuereinnahmen. Im Februar 1720 schließlich wurde die Compagnie mit der Banque Royale zusammengelegt. Law befand sich nun auf der Höhe seiner Macht.

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