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Historische Finanzkrisen: Die Silberkrise von 1980 : Regeländerung mitten im Spiel

  • -Aktualisiert am

Ende einer waghalsigen Spekulation: Die Brüder William Herbert Hunt (links) und Nelson Baker Hunt (Mitte) verlassen am 19. August 1980 ein New Yorker Gericht Bild: Associated Press

Eine Warenterminbörse zieht die Notbremse und riskiert damit bewusst eine Finanzkrise. So brach 1980 der Versuch der Gebrüder Hunt zusammen, den Silberpreis unter ihre Kontrolle zu bringen. Doch das rabiate Vorgehen der Rohstoffbörse Comex ist bis heute umstritten.

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          Der Plan war kühn, die Durchführung konsequent: Auf dem Höhepunkt ihrer Spekulation im Jahr 1980 nannten die Hunt-Brüder Nelson Bunker und William Herbert über die Hälfte der amerikanischen Vorräte an Silber ihr eigen - das entsprach zur damaligen Zeit 15 Prozent der weltweiten Vorräte. 6,6 Milliarden Dollar hatten sie sich die Kontrolle über den Preis für das Edelmetall kosten lassen und schienen ihn tatsächlich nach Belieben bewegen zu können. Nur mit einer Sache hatten sie nicht gerechnet: Dass während des Spiels die Spielregeln geändert werden könnten. Das brachte ihr kühnes Vorhaben letztlich zum Einsturz.

          Als Sprösslinge der texanischen Wirtschaftslegende Haroldson Lafayette Hunt wuchsen Nelson und William auf. Ihr Vater hatte den sprichwörtlichen Sprung vom Tellerwäscher zum Milliardär geschafft. In jungen Jahren zog er als Holzfäller und Pokerspieler durchs Land. Eines Tages, so geht die Legende, gewann er im Spiel eine wertvolle Ölkonzession. Es war der Einstieg in ein Geschäft, das seinen Wagemut belohnte und ihn zu einem der reichsten Männer Amerikas machte.

          Aufbruch in neue Dimensionen

          Zunächst versuchten Nelson und William Hunt, in die Fußstapfen des Patriarchen zu treten und an den Erfolg im Ölgeschäft anzuknüpfen. Doch vor allem Nelson schien im Laufe der Zeit immer mehr die Aussicht zu locken, aus dem Schatten des berühmten Seniors herauszutreten. Schließlich hatte der ihn lange Zeit als Versager abgestempelt. Öl blieb zwar die wichtigste Einnahmequelle der Familie. Silber war es aber, das den Aufbruch in ganz neue Dimensionen verhieß.

          Anfang der siebziger Jahre traten die Hunt-Brüder mit Nelson als treibender Kraft erstmals sichtbar als Käufer am Silbermarkt auf - ein enger Markt, von Produktionsdefiziten geprägt, dem aber in Zeiten hoher Inflation eine zunehmende monetäre Rolle des Edelmetalls angehängt werden konnte. Trotzdem hinterließ der erste Versuch keine große Wirkung. Erst beim zweiten Anlauf ab Mitte der siebziger Jahre wagten sie es, das ganz große Rad zu drehen - nach dem Tod des Familienpatriarchen.

          Der Silberpreis verzehnfacht sich

          Die gewünschte Eigendynamik entfaltete sich spürbar ab 1978. Von weniger als 5 Dollar für eine Unze Silber ging der Preis über 16 Dollar im Jahr 1979 in immer schnellerer Geschwindigkeit auf die 50 Dollar zu. Das Vorgehen der Hunts war dabei ungewöhnlich für spekulativ orientierte Anleger. Sie erwarben nicht nur das Silber auf dem Papier, sondern ließen sich das Edelmetall auch liefern. Die Geschichte machte die Runde von einem Nelson Hunt, der vor drei Boeing 707 auf dem Rollfeld des New Yorker Flughafens steht - vollbeladen mit über 1000 Tonnen Silber, die er auf den Weg in die Schweiz schickt.

          Mit diesem ungewöhnlichen Vorgehen wurde die angestrebte Knappheit auf jeden Fall spürbar und fand nicht nur in irgendwelchen Handelsbüchern statt. Die Vorräte für Silber gingen zur Neige. Es kam zu Lieferproblemen. Zu spüren bekamen dies besonders hart die großen amerikanischen Warenterminbörsen in Chicago und New York, denen es immer schwerer fiel, ihre Lieferverpflichtungen zu erfüllen. Rund um den Jahreswechsel 1979/80 wurde die Lage aus ihrer Sicht immer bedrohlicher. Ein Handel in geordneten Bahnen schien nicht mehr möglich zu sein. Der Preis stieg auf unglaubliche 50 Dollar.

          Rohstoffbörse in New York zieht die Reißleine

          Schließlich platzte den Verantwortlichen der New Yorker Rohstoffbörse Comex der Kragen. Die Situation wurde als so ausweglos empfunden, dass sie in ihrer Not am 21. Januar 1980 zu einer ungewöhnlichen, bis dahin noch nie gesehenen Maßnahme griffen: Sie verboten schlicht den Kauf von Silber in größeren Mengen. Von diesem Tag an waren nur noch Verkäufe erlaubt. Gleichzeitig erhöhten sie drastisch die geforderten Sicherheitseinlagen auf Terminkontrakte für Silber.

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