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Historische Finanzkrisen: Deutschland 2000 : Vom Tellerwäscher zum Milliardär und wieder zurück

Aufstieg und Fall der Haffa-Brüder und von EM.TV stehen für den Niedergang des Neuen Marktes Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Wer mit dem Internet zu tun hatte und von Wachstumsperspektiven redete, konnte sein Unternehmen an der Börse brillant verkaufen. In den Jahren 1998 bis 2000 sorgte das Schlagwort „New Economy“ für Faszination unter den Anlegern. Zahlreiche Millionäre und Milliardäre wurden für kurze Zeit geschaffen. Das meiste war nur ein schöner Traum.

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          Thyssen-Krupp gleich EM.TV. Dieses Ergebnis brachte der Börsenhandel am 14. Februar 2000. Beiden Unternehmen wurde ein Marktwert von knapp 14 Milliarden Euro zugemessen. Auf der einen Seite der Börsengleichung ein Stahlriese aus dem Ruhrgebiet mit fast 200.000 Mitarbeitern, 32 Milliarden Euro Jahresumsatz 1999 und einer Dividendenausschüttung von 368 Millionen Euro. Auf der anderen Seite der Gleichung ein Münchner Filmrechtehändler mit nur einem Umsatz von 320 Millionen Euro, aber der Ankündigung der Gebrüder Thomas und Florian Haffa, binnen weniger Jahre die Umsätze zu vervielfachen und Milliardengewinne zu erzielen.

          Daniel Mohr

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Börsianer waren in den Monaten bis zum Frühjahr 2000 endgültig und komplett der Vision der Welt der „New Economy“ erlegen. Solide wirtschaftende Unternehmen der „Old Economy“ mit umfangreichem Eigentum an Produktionsstätten und Patenten wurden links liegengelassen. Zu langweilig und vor allem zu langsam ließ sich hier Geld verdienen.

          Die Lemminge wollten nicht zusehen

          Sehr viel mehr Charme hatten die Ankündigungen zahlreicher junger Unternehmensführer, mit dem Zaubermedium Internet zwar aktuell noch kein Geld zu verdienen, auf Basis bunter Power-Point-Business-Pläne aber immense Umsatzsteigerungen mit traumhaften Umsatzrenditen erzielen zu können. In den kleinen Unternehmen des im Jahr 1997 geschaffenen Börsensegmentes Neuer Markt reichten wenige „Gläubige“ der Wachstumsgeschichten aus, um die Aktienkurse steigen zu lassen.

          Das fand Interesse bei anderen Anlegern. Schließlich wird an der Börse nichts schlimmer empfunden, als anderen tatenlos bei der Geldvermehrung zuzusehen. Wie die Lemminge marschierten die Marktteilnehmer mit ihrem Kapital in alles, was mit Internet, Computern und Mobiltelefonen zu tun hatte. Folglich stiegen die Kurse und noch mehr Anleger wurden angelockt und sprangen auf den Zug auf.

          „New Economy“ und Mehr

          Aber auch die Unternehmer wurden hellhörig. Die Börse empfing jedes Unternehmen der „New Economy“ mit offenen Armen. So leicht ließ sich selten Kapital beschaffen - für das weitere Wachstum der Unternehmen wie auch für die Gründer selbst. Bis zum Jahresende 1999 kletterte die Zahl der am Neuen Markt notierten Aktiengesellschaften auf mehr als 200. Die Marktkapitalisierung stieg auf 111 Milliarden Euro. Binnen der nächsten drei Monate sollte sie sich nochmals mehr als verdoppeln.

          Die Euphorie blieb aber längst nicht auf den Neuen Markt beschränkt. Die Höhenflüge des Deutschen Aktienindex Dax in dieser Zeit basierten fast nur auf vier Unternehmen - natürlich mit Bezug zur „New Economy“: Siemens, Mannesmann, SAP und Deutsche Telekom.

          Zum Höhepunkt der Euphorie brachte Siemens seine Tochtergesellschaft Infineon - befasst mit der Herstellung von Computerchips - an den Markt. Am 13. März 2000 wurden 174 Millionen Aktien zu 35 Euro ausgegeben. „Habe gerade im Depot meiner Freundin 40 Stück Infineon entdeckt“, schrieb ein begeisterter Anleger damals in einem Internetforum. „Bei mir leider keine Aktien, bei Mutter auch nichts.“ Ein anderer freute sich über „geschenktes Geld von der Comdirect! 40 Stück bei nur 70 Zeichnung. Wurde auch Zeit. Viel Glück euch allen bei späteren Emissionen.“

          Neuemissionen und Losglück

          Die Begeisterung über den Erhalt von Aktien bei einem Börsengang hatte seine guten Gründe. Seit Monaten waren die Börsengänge von Unternehmen aus dem Bereich der „New Economy“ stets eine Garantie für hohe Kursgewinne am ersten Handelstag. Kursverdopplungen waren eher die Regel als die Ausnahme. Selbst der mit 6 Milliarden Euro vergleichsweise große Börsengang von Infineon enttäuschte die Anleger nicht. Der Kurs kletterte gleich am ersten Tag von 35 Euro auf bis zu 85 Euro, mittlerweile kostet eine Aktie nur noch knapp 5 Euro.

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