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Historische Finanzkrisen: Amerika 1929 : Der Börsenkrach von 1929 beendet abrupt die goldenen Zwanziger

Investoren verkauften in Panik ihre Aktien Bild: AP

Der Crash von 1929 gilt als der Vater aller Börsenkräche: Selten hat ein Ereignis an den Finanzmärkten so lange nachgewirkt. Er mündete in eine Rezession, der jahrelang die Weltwirtschaft lähmte. In Deutschland beförderte die Krise sogar den Aufstieg der Nazis.

          Um halb elf war die Börse von blinder, hoffnungsloser Angst erfüllt“, berichtet der Ökonom John Kenneth Galbraith in seiner Chronik über den 24. Oktober 1929, der in Amerika als schwarzer Donnerstag und in Europa mit einem Tag Verzögerung als schwarzer Freitag in die Geschichtsbücher einging. Draußen in der Wall Street muss die Polizei für Ordnung sorgen: Aktien werden für ein Butterbrot verkauft, Menschentrauben fordern den Selbstmordsprung eines Arbeiters, der auf dem Dach einer Wall-Street-Bank Reparaturen ausführt.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Drinnen in der Börse rattern die überlasteten Fernschreiber. Wild gestikulierende Makler fordern von ihren Kunden Nachschüsse auf kreditfinanzierte Anlagen und arbeiten entnervt eine Lawine an Verkaufsaufträgen ab. An den nächsten Tagen steigert sich die Panik noch - trotz etlicher Beschwichtigungsversuche, gepaart mit Stützungskäufen ranghoher Banker. Am Dienstag, dem 29. Oktober 1929, erreicht die Verkaufswelle ihren Höhepunkt. In der ersten halben Stunde des Handels wechseln 3,2 Millionen Aktien ihren Besitzer. Einige Aktien mit zuvor dreistelligen Kursen finden erst für einen oder für zwei Dollar einen Abnehmer. Drei Jahre später sind 89 Prozent der im Jahr 1929 in der Spitze erreichten Marktkapitalisierung vernichtet.

          Abruptes Ende des Höhenflugs

          Dem Crash vorausgegangen war eine große Spekulation, fußend auf dem Optimismus und dem Aufschwung der goldenen Zwanziger. Das Fließband ermöglichte die Massenproduktion von Autos, auch das neue Medium Radio beflügelte die Träume der Börsianer. Der Kurs der Radio Corporation of America (RCA) stieg von Mitte der zwanziger Jahre bis 1929 von 5 auf 500 Dollar. 1932 hatte die RCA-Aktie 98 Prozent des Wertes verloren, viele Hersteller von Radioempfängern waren Konkurs. Auf dem Höhepunkt der Börsenhausse jubelte Herbert Hoover noch: „Wir sind dem endgültigen Sieg über die Armut heute näher als nie zuvor in unserer Geschichte.“

          Der Lebensstandard war indes schneller als die Einkommen gewachsen. Nur Kundenkredite und Ratenkäufe hatten den Konsum in diesem Ausmaß möglich gemacht. Doch nicht nur der kleine Mann versuchte dank großzügiger Kreditvergabe der Banken den Weg vom Tellerwäscher zum Millionär. Auch an der Börse wird viel auf Kredit gekauft. Vor allem die damals neuen Investment-Trusts arbeiten oft wie heute Hedge-Fonds mit 80 Prozent Fremdkapital.

          Aktien sind der Anlage-Renner

          Lange Zeit waren Investment-Trusts an der Wall Street verdächtig gewesen, berichtet Galbraith in seiner Chronik. Briten und Schotten spotteten schon, Amerika habe einen Trend „zum Reichwerden“ verschlafen. Erst am Jahresanfang 1929 wurden Investment-Trusts in Amerika börsenfähig. Banken, Makleragenturen und Effektenhändlern gründeten dann fast täglich Investment-Trusts und führten sie an die Börse. Selbst Dienstmädchen und Taxifahrer erwarben Anteile der Fonds, die mit den erhaltenen Geldern ein angeblich wohlausgewogenes Paket von Aktien kauften. Auf diese Weise sollte das Risiko für den unerfahrenen Spekulanten auf ein Minimum reduziert werden. Eigentlich eine gute Idee, die aber am Anfang ihrer praktischen Umsetzung zu Exzessen führte.

          Nicht nur, dass diese Investment-Trusts oft betrügerische Neugründungen finanzierten. Sie konnten auch mehr Aktien alter Unternehmen verkaufen, als an der Börse angeboten wurden - und so deren Wert aufblähen. Anfang 1927 gab es etwa 160 Investment-Trusts; Ende 1927 waren es schon 300. Zwei Jahre später 750, davon eine große Anzahl, die von anderen Investment-Trusts gegründet worden waren. 1927, als sie ihre Tätigkeit aufnahmen, verkauften sie Aktien im Werte von 440 Millionen Dollar. 1929 setzten sie schätzungsweise 3 Milliarden Dollar um. Das war nicht weniger als ein Drittel des in jenem Jahr in Umlauf gekommenen Kapitals.

          Waren Panikverkäufe Auslöser des Crash?

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